PROKLA

Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft

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Call for Papers 158

Die Redaktion am 6. Juli 2009

PROKLA 158
Postkoloniale Studien als kritische Sozialwissenschaft
(Heft 1, März 2010)

Postkoloniale Studien haben sich in den letzten dreißig Jahren als transdisziplinäres und globales Wissensfeld etabliert, das – zunächst vor allem in der anglo-amerikanischen Literatur- und Kulturwissenschaft angesiedelt – zunehmend auch die Sozialwissenschaften der verschiedenen Kontinente erfasst. Gemeinsam ist diesem äußerst heterogenen Feld das Anliegen, die Nachwirkungen des Kolonialismus sowohl im ‚globalen Süden‘ als auch im ‚globalen Norden‘ zu untersuchen, die heuristische Perspektive, die ausgehend von den vielfältigen Formen kolonialer Herrschaft auf methodische Transnationalisierung zielt, sowie der Fokus auf Wissensproduktion als Herrschafts- bzw. Widerstandsinstrument. Entsprechend betrachtet postkoloniale Forschung die ‚westliche Moderne‘ und ‚Zivilisation‘ als Ergebnis kolonialer Kontakte und Konfrontationen, betont die (neo) koloniale Gewalt, die militärisch, ökonomisch, politisch und diskursiv im Namen von Aufklärung, Fortschritt, Entwicklung etc. ausgeübt wurde und wird, und weist zugleich den prekären wie auch umkämpften Charakter (neo)kolonialer Konstellationen nach. Postkoloniale Studien unternehmen eine historisch spezifische Verortung universalistischer wie partikularistischer Projekte in ungleichen Machtverhältnissen und erheben die Überwindung des Eurozentrismus sowie die fortgesetzte Dekolonisierung des Wissens zu einer vordringlichen theoriepolitischen Aufgabe.

Die PROKLA möchte mit einer Schwerpunktausgabe dazu beitragen, die globale sozialwissenschaftliche Diskussion um Postkoloniale Studien stärker im deutschsprachigen Raum zu verankern, und zugleich einige blinde Flecken und unreflektierte Ansprüche der hiesigen kritischen Theoriebildung angehen. Die Ausgabe erfolgt in Kooperation mit der Zeitschrift Peripherie, die für 2010 ebenfalls einen Heftschwerpunkt zu postkolonialer Forschung plant. Während die Peripherie sich primär mit dem Themenkomplex ‚Entwicklung‘ und Entwicklungspolitik befassen wird, beabsichtigt die PROKLA an postkoloniale Interventionen anzuknüpfen, wie sie vor allem in der transnationalen Demokratisierungs- und Migrationsforschung, den Internationalen Beziehungen, aber auch der metropolitanen und globalen Geschichtsschreibung statt gefunden haben. Auf diese Weise sollen Ansätze wie der lateinamerikanische Coloniality-of-Power-Approach, die indisch-britischen Subaltern Studies oder die New Imperial History und Geteilte Geschichte einem breiteren Publikum hierzulande bekannt gemacht und auf seine politischen Implikationen hin diskutiert werden.

Folgenden Fragestellungen und Themenkomplexen, die sowohl im Rahmen theoretischer Diskussionen als auch konkreter empirischer Analysen behandelt werden können, gilt unser besonderes Interesse:

  1. Was ist das politische und theoretische Potenzial der postkolonialen Eurozentrismuskritik? Was genau heißt es ‚Europa zu provinzialisieren‘ (Dipesh Chakrabarty) und inwiefern tragen Postkoloniale Studien zu einem Abbau ‚asymmetrischer Ignoranz‘ (ders.) zwischen ‚globalem Norden‘ und ‚Süden‘ bei? Ist es postkolonialer Forschung tatsächlich gelungen, die Mythen einer homogenen und kontinuierlich sich entfaltenden ‚westlichen Moderne‘ zu überwinden?
  2. Was ist das Verhältnis von Postkolonialen Studien und feministischen Ansätzen? Welchen Stellenwert muss eine feministisch- postkoloniale Perspektive in einer zeitgemäßen kritischen Gesellschaftstheorie haben? Welche Spannungen und Schnittmengen bestehen zwischen feministischen Auffassungen eines ‚situierten Wissens‘ (Donna Haraway) und postkolonialen Kritiken an ‚epistemischer Gewalt‘ (Gayatri Chakravorty Spivak)? Inwiefern verändert sich die im US-amerikanischen black feminism entstandene Perspektive der Intersektionalität, die auf die Überkreuzungen von ‚Rasse‘, Klasse, Geschlecht und anderen Spaltungslinien fokussiert, wenn Subalternitätsverhältnisse des ‚globalen Südens‘ miteinbezogen werden?
  3. In den Postkolonialen Studien gab es von Anfang an eine marxistische Strömung. Inwiefern bietet sie zu den in diesem Feld lange Zeit dominanten poststrukturalistischen Ansätzen ein sinnvolles Korrektiv? Wo bestehen Möglichkeiten eines ‚echten‘ Dialogs? Wie wäre die Geschichte des ‚Dritte-Welt-Marxismus‘ unter Einbeziehung sowohl postkolonialer Perspektiven als auch der neueren deutschen Marx- Diskussion zu schreiben?
  4. Inwiefern verändert sich die Betrachtung des Nationalsozialismus, sobald koloniale Kontexte berücksichtigt werden? Was für neue Einsichten in Entstehung, Ideologie und Politik des NS kann die These von den Kolonien als ‚Laboratorien der Moderne‘ befördern? Welche Rolle spielt die durch den Ersten Weltkrieg forcierte antikoloniale Dynamik und die Tatsache, dass die Weimarer Republik die ‚erste postkoloniale Gesellschaft Europas‘ (Marcia Klotz) war? Inwiefern arbeitet der deutsche Antisemitismus seit 1919 mit kolonialen Bildern?
  5. Welche neuen sozialwissenschaftlichen Perspektiven zum Phänomen der weltweiten Arbeitsmigration können Postkoloniale Studien anregen? Inwiefern besteht in postkolonialer Forschung die Gefahr, Migrationsprozessen – ähnlich wie Negri und Hardt in Empire – ein übertriebenes Subversionspotenzial zuzuschreiben? Wie stellt sich aus postkolonialer Perspektive das Verhältnis zwischen Migration, globalem Kapitalismus und transnationaler gewerkschaftlicher Organisierung dar?
  6. Inwiefern tragen Postkoloniale Studien zu einem umfassend herrschaftskritischen Verständnis von Demokratisierung und Dekolonisierung bei? Welche Partizipationsmöglichkeiten und Hindernisse treten bei der Implementierung globaler Normen in lokale Kontexte auf? Welche neuen Sichtweisen auf soziale Bewegungen und politische Öffentlichkeiten entstehen, sobald postkoloniale Perspektiven eingenommen werden?
  7. Was ist das theoretische Potenzial Postkolonialer Studien innerhalb der Internationalen Beziehungen und der Internationalen Politischen Ökonomie? Leisten sie mehr als dringend nötige Dekonstruktionsarbeit? Was ist von dem in Postkolonialen Studien jüngst erwachten Interesse an Ökologie zu halten? Bestehen hier Chancen eines neuen Brückenbaus zwischen Kritik der politischen Ökonomie und politischer Ökologie?
  8. Inwiefern können Postkoloniale Studien im Zusammenspiel mit neueren Ansätzen der Geschichtsforschung dazu beitragen, die Kontinuitäten und Brüche zwischen der Herrschaft der Kolonialreiche und den Ungleichheiten innerhalb der formal freien und gleichen Welt der Nationalstaaten herauszuarbeiten? Sind weit gefasste Begriffe von ‚Empire‘ und ‚Imperialismus‘ sinnvoll, um die Komplexitäten, Gemeinsamkeiten und Unterschiede historischer wie aktueller Herrschaftsformationen zu verstehen und gesellschaftliche Emanzipationsstrategien anzuregen?

Die Redaktion lädt zur Einsendung von Exposés von 1-2 Seiten bis zum 10. August 2009 ein. Die fertigen Aufsätze müssen bis zum 20. Dezember 2009 vorliegen und sollten einen Umfang von maximal 50.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen, Fußnoten, Literaturverzeichnis) haben. Zusendungen bitte per E-Mail an Urs Lindner: urs.lindner@normativeorders.net

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Manuskript-Einsendung allgemein:

Die Redaktion lädt zur Einsendung von Manuskripten ein. Auch außerhalb der jeweiligen Schwerpunktthemen sind Beiträge willkommen. Die Texte sollten sich in einem Umfang von 15-25 Seiten (ca. 50.000 Zeichen) halten. Bitte die amerikanische Zitierweise benutzen (Kurzangabe im Text und Bibliographie am Ende des Textes, bitte keine Quellennachweise in den Fußnoten).

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