PROKLA

Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft

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Call for Papers 160

Die Redaktion am 11. Dezember 2009

PROKLA 160
Kulturkämpfe

(Heft 3, September 2010)

In der jüngeren Vergangenheit mehren sich hierzulande die – einstweilen noch nicht institutionalisierten – Regungen einer politisch-sozialen Bewegung, die einen veritablen Kulturkampf führt: für die Wiederbelebung „bürgerlicher“ Vorstellungen von Freiheit und Gleichheit, gegen die sozialen Rechte und Alltagspraktiken der „Unterschichten“. In Verlängerung der seit geraumer Zeit betriebenen wissenschaftlich-publizistischen Aktivitäten von Vertretern der jüngeren (allen voran Paul Nolte) wie älteren Generation (an vorderer Front etwa Arnulf Baring) hat der philosophierende Medienstar Peter Sloterdijk ein „bürgerliches Manifest“ veröffentlicht, das die politische Weltanschauung und die gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen einer selbsternannten deutschen Neobourgeoisie widerspiegelt. Zu den Bausteinen neuen Bürgerlichkeitskults gehören die ressentimentgeladene Polemik auch noch gegen die Restbestände eines die gesellschaftlichen „Leistungsträger“ zum Zwecke der Umverteilung „ausbeutenden“ Steuerstaats; eine offensive Entwertung der stereotyp als unproduktiv und parasitär dargestellten Lebensweisen von – migrantischen wie eingeborenen – Transferempfängerhaushalten, verbunden mit einer mehr oder weniger aggressiven, auf eben diese Schichten zielenden gesellschaftlichen Umerziehungs­programmatik; schließlich eine offen elitäre Attitüde seiner Repräsentanten in Verbindung mit einem (nicht immer nur) latenten Antiparlamentarismus, der sich als im Kampf gegen die schleichende „Sozial­demokratisierung“ des gesamten Parteiensystems stehender Liberalismus ausgibt.

Sloterdijks Aufruf zum „Aufbruch der Leistungsträger“ – begleitet von Thilo Sarrazins oder Gunnar Heinsohns rassistisch gefärbten Klagen über Berliner Hartz IV-Sozialmilieus und die öffentliche Förderung minderwertiger „Transferbabys“, unterstützt durch Karl-Heinz Bohrers Herrenmenschenprosa unverhohlener Verachtung für die „schmarotzenden Klassen“ – stellt mehr als nur die intellektuelle Begleitmusik zum politischen Machtwechsel zu „Schwarz-Gelb“ dar. Er zeugt von einem gesellschaftlichen Klimawandel, in dessen Zeichen (wieder) bürgerliche Distinktion von (sub)proletarischen Lebensführungsmustern gefragt ist, individualistische Leistungsideologie und produktivistische Gemeinschaftsrhetorik eine seltsame Hochzeit feiern, man als wohlbehüteter Mittelschichtsbürger über den minderbemittelten Pöbel wieder die Nase rümpfen und den Ratschlag geben kann, es den Erfolgreichen gleich zu tun und sich doch einfach mal anzustrengen. Dieses neue Selbstbewusstsein der bourgeois erleben wir nicht nur im Feuilleton der einschlägigen Medien. Es scheint auf in den sich zuletzt häufenden Fällen fristloser Entlassung langjährig verdienter Angestellter aufgrund von Bagatellschädigungen ihrer Arbeitgeber, die von der Renaissance einer radikalen, rechtlich gedeckten Eigentumsideologie künden. Und es offenbart sich etwa in der Hamburger Bürgerbewegung gegen die – von bürgerlichen Parteien – beabsichtigte Verlängerung des gemeinsamen Schulbesuchs von Kindern aus heterogenen Sozialmilieus.

Insbesondere der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat für den Umstand sensibilisiert, dass die Klassenkämpfe im gegenwärtigen, spätindustriellen Kapitalismus kulturell gerahmt, durchdrungen und vermittelt sind. Wir erleben heute die Vorboten eines neuen bürgerlichen Kulturkampfes, der sich keineswegs in oberflächlichen Abgrenzungsbemühungen der oberen Klassen erschöpft, sondern in dem die breiten Mittelschichten in Position gebracht werden und sich in Position bringen gegen die offenbar wieder gefährlich werdenden unteren Klassen. Für Heft 160 der Prokla erhoffen wir uns Beiträge, die diese neue soziale Dynamik historisch-kritisch in ihrem Charakter bzw. ihrer Selbstbeschreibung als Bürgerbewegung analysieren, ideologiekritisch nach den dieser Bewegung zugrundeliegenden Deutungsmustern und Wertprogrammatiken fragen, dem Phänomen neu-bürgerlicher Kulturkämpfe in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Lebensbereichen nachgehen oder/und sich den Optionen und Realitäten widerständiger sozialer Praktiken gegen die Kultur neuer Bürgerlichkeit widmen.

Mögliche Themen von Beiträgen zu diesem Heft wären – neben den erwähnten politischen und juristischen Konflikten um die Eigentumsfrage und das Bildungsprivileg – z.B. die mediale Faszination für die Lebenswelten junger Elitenangehöriger in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft (der „Guttenberg-Effekt“); die religiösen, christlich-abendländischen Konnotationen der neuen Bürgerkultur; die Strukturen und Mechanismen kulturindustrieller Sorge um die „Unterschichten“ (vom Nachmittagsfernsehen bis zu Harald Schmidt); die Wiederkehr rassistischer und eugenischer Denkmuster im Zeichen der neubürgerlichen „Propaganda der Ungleichheit“ (Albrecht von Lucke); schließlich die Frage der alltagspraktischen Reaktionen der Subalternen auf die bürgerliche Mobilmachung.

Die Redaktion lädt zur Einsendung von Exposés von 1-2 Seiten bis zum 31. Januar 2010 ein. Die fertigen Aufsätze müssen bis zum 30. Mai 2010 vorliegen und sollten einen Umfang von maximal 50.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen, Fußnoten, Literaturverzeichnis) haben. Zusendungen bitte per E-Mail an redaktion@prokla.de und/oder stephan.lessenich@uni-jena.de

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Manuskript-Einsendung allgemein:

Die Redaktion lädt zur Einsendung von Manuskripten ein. Auch außerhalb der jeweiligen Schwerpunktthemen sind Beiträge willkommen. Die Texte sollten sich in einem Umfang von 15-25 Seiten (ca. 50.000 Zeichen) halten. Bitte die amerikanische Zitierweise benutzen (Kurzangabe im Text und Bibliographie am Ende des Textes, bitte keine Quellennachweise in den Fußnoten).

Wir bitten, die Manuskripte per e-mail als attachment einzusenden. Die Dateien sollten in Word oder im Rich Text Format (rtf) abgespeichert sein und keine eigenen Formatierungsmerkmale (Kopfzeilen, Einrückungen, besondere Absatzformate etc.) beinhalten.