Call for Papers 163
Erstellt von admin am Dienstag 7. September 2010
PROKLA 163
Sparen und Herrschen
(Heft 2, Juni 2011)
Im Zeichen der Nachwehen der größten internationalen Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren ist in Deutschland die politische Kultur des Sparens beliebter denn je. Nach den billionenschweren staatlichen Rettungsaktionen für systemrelevante privatwirtschaftliche Akteure schwenkt die Politik nunmehr mit einer – nicht nur rhetorischen – Entschiedenheit auf einen öffentlichen Sparkurs ein, wie man sie zuletzt im Zuge der britisch-amerikanischen Austeritätsprogrammatik zu Beginn der 1980er erlebt hat. Vermittelt über institutionelle Praktiken – die Verabschiedung von Sparpaketen und die Verankerung von Schuldenbremsen – ebenso wie über diskursive Mechanismen – die Geißelung staatlicher „Füllhörner“ und das Lob der „schwäbischen Hausfrau“ – sucht sich neoliberale Politik hierzulande unter veränderten ökonomischen Bedingungen zu reetablieren. Und wie es scheint, ist dieser Versuch durchaus erfolgreich: Die Überzeugung, dass der Staat sparen muss, „wir“ in der Vergangenheit über unsere Verhältnisse gelebt haben und „alle“ sich zukünftig werden einschränken müssen, dürfte zum festen Wissensbestand der Mehrheit der Bevölkerung – wie auch der Akteure parlamentarischer Politik – gehören. Fernab der Erkenntnis, dass hiermit die Klassenpolitik systematisch regressiver Umverteilung der vergangenen Jahrzehnte fortgeschrieben wird, dominiert die Ansicht, dass es sich bei der öffentlichen Sparethik um ein wohlbegründetes, gemeinwohlfreundliches, zukunftsorientiertes politisches Programm handelt.
Heft 163 der PROKLA widmet sich der Analyse und Kritik der neuen deutschen Sparpolitik. Dabei sollen insbesondere zwei Themenfelder besondere Beachtung finden:
(1.) Öffentliches Sparen zeitigt weitreichende Effekte mit Blick auf die Versorgung mit öffentlichen Gütern und Dienstleistungen sowie hinsichtlich der Strukturierung sozialer Lagen und Lebenschancen. So werden im Kontext der Sparpolitik des Bundes auch Länder und Kommunen ihre Leistungen und Investitionen in erheblichem Maße einschränken müssen. Dabei nehmen Kommunen schon seit längerem Kapitalmarktkredite auf, deren Bedienung ihren politischen Handlungs- und Gestaltungsspielraum zunehmend einschränken. Zum anderen setzen Sparprogramme immer selektiv an den „Besitzständen“ der Schwächsten – Nicht-Besitzenden – an und verschärfen damit bereits bestehende soziale Ungleichheiten. Dahinter stehen herrschende gesellschaftspolitische Überzeugungen, wessen öffentliche Unterstützung (durch Einkommenstransfers, Steuervergünstigungen, Subventionen, soziale Dienstleistungen und Infrastruktur) sich politisch-ökonomisch lohnt – und bei wem man sie sich (im Wortsinne) sparen kann. In diesem Themenfeld erhoffen wir uns in diesem Sinne Beiträge zur sozialen Logik der Sparpolitik, ihren gesellschaftshistorischen Konjunkturzyklen, ihren sozialen Umverteilungseffekten und ihren Folgen auf regionaler und lokaler Ebene, die jeweils auch die Frage politisch-strategischer Gegenpositionierungen thematisieren.
(2.) In internationaler Perspektive ist in der jüngsten Vergangenheit deutlich geworden, wie stark der kerneuropäische Raum durch den Euro zusammengeschweißt wurde – ohne dass nun der Weg in eine Transfergemeinschaft beschritten werden soll. Die neue Austeritätspolitik, die von Deutschland nicht nur zuhause praktiziert, sondern auch – mit Griechenland als Präzendenzfall – innerhalb der EU durchzusetzen versucht wird, zielt auf die dauerhafte Zementierung des innereuropäischen Wohlstandsgefälles und, in engem Zusammenhang damit, auf die langfristige Sicherung der Wettbewerbschancen der deutschen (Export-)Industrie. Dass die Kritik an der deutschen Sparpolitik – und ihrer drohenden europäischen Verallgemeinerung – derzeit vor allem aus den USA kommt, ist wiederum kein Zufall. Der interessengeleitete „Sparwahn“ der Deutschen wird dort zu Recht als ökonomische Kampfansage verstanden: Denn nur wenn der Weltkonjunkturmotor läuft, ist das US-amerikanische Modell eines durch Leistungsbilanzdefizite und (öffentliche wie private) Verschuldung getriebenen und durch den Dollar als faktische Weltleitwährung abgesicherten Wachstums auch einigermaßen stabil. Dass aber das deutsche Kapital die Gewinne der amerikanischen Weltkonjunkturpolitik einfährt, muss zwangsläufig zu politischen Konflikten führen. Wir freuen uns auf Beiträge, die diese Gemengelage politisch-ökonomischer Interessen und Strategien – auch in historischer Perspektive – beleuchten.
Wir bitten um die Einsendung von Artikelvorschlägen – kurze und pointierte Exposés von maximal drei Seiten Länge – bis zum 1. Dezember 2010 per Email an die Redaktion der PROKLA und die verantwortlichen Redakteure (redaktion@prokla.de, stephan.lessenich@uni-jena.de, kronauer@hwr-berlin.de, demirovic@em.uni-frankfurt.de). Die fertigen Texte müssen bis zum 1. März 2011 vorliegen und sollten einen Umfang von maximal 50.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen, Fußnoten, Literaturverzeichnis) haben.
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Manuskript-Einsendung allgemein:
Die Redaktion lädt zur Einsendung von Manuskripten ein. Auch außerhalb der jeweiligen Schwerpunktthemen sind Beiträge willkommen. Die Texte sollten sich in einem Umfang von 15-25 Seiten (ca. 50.000 Zeichen) halten. Bitte die amerikanische Zitierweise benutzen (Kurzangabe im Text und Bibliographie am Ende des Textes, bitte keine Quellennachweise in den Fußnoten).
Wir bitten, die Manuskripte per e-mail als attachment einzusenden. Die Dateien sollten in Word oder im Rich Text Format (rtf) abgespeichert sein und keine eigenen Formatierungsmerkmale (Kopfzeilen, Einrückungen, besondere Absatzformate etc.) beinhalten.




