PROKLA

Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft

  • Nadir-Zeitschriftensuche: PROKLA
    Loading
    Warum Google-Suche?

    -Statistiken aus/ein

  • Das Archiv enthält alle Jahrgänge seit 1971 und die Sonderhefte im Volltext. Die Volltexte der je aktuellen drei Jahrgänge sind nicht online, können aber beim Verlag oder im (linken) Buchhandel bestellt werden.

  • Die PROKLA erscheint beim

    und kooperiert mit
  • Meta

  • Lizenz

    Creative Commons Lizenzvertrag
    Die auf dieser Website zur Verfügung gestellten PROKLA-Texte stehen unter einer Creative Commons Lizenz.

Call for Papers 164

Die Redaktion am 2. März 2011

PROKLA 164
Kritik der Wirtschaftswissenschaften

(Heft 3, September 2011)

Mit der zunehmenden Bedeutung des Klassenkampfes würde die „Totenglocke der wissenschaftlichen bürgerlichen Ökonomie“ läuten, ab etwa 1830 sei an die Stelle „uneigennütziger Forschung“ die „bezahlte Klopffechterei“ getreten – so Marx im Nachwort zur 2. Auflage des „Kapital“. Doch zeigte seine eigene Auseinandersetzung mit der Geschichte ökonomischer Theorie, dass dieses Urteil eine grobe Vereinfachung war: wissenschaftliche Einsichten fanden sich auch nach 1830, und die bezahlten Klopffechter des Kapitals, die man heute in jeder Talkshow erleben kann, gab es auch schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Frage nach dem Verhältnis von wissenschaftlicher Analyse der kapitalistischen Verhältnisse einerseits und der interessegeleiteten Konstruktion und Verwendung ökonomischer Theorien andererseits muss immer wieder von Neuem gestellt werden.

Dass die herrschenden Wirtschaftswissenschaften im 21. Jahrhundert auf der Höhe des real existierenden Kapitalismus wären, lässt sich ernsthaft kaum vertreten. Nicht weil sie die letzte Finanzkrise nicht vorhergesehen hätten, sondern weil ihnen die theoretischen Instrumente fehlen, auch nur im Nachhinein diese und andere Krisen angemessen zu verstehen.

Der Vorwurf der Realitätsferne an die Adresse der dominierenden neoklassischen Theorie ist alles andere als neu. Selbst der Popper-Schüler Hans Albert erhob ihn in den frühen 1960er Jahren gegenüber einer Wissenschaft, die sich in der Konstruktion von eleganten Modellen gefiel, in denen sämtliche Akteure sich stets rational verhielten und die Wirtschaft ein System von Anpassungen und wiederkehrenden Zuständen des Gleichgewichts darstellte, das allenfalls von außen gestört werden konnte – er bezeichnete diese Form der Realitätsverweigerung als „Modellplatonismus“. Dass sich die Situation auch vier Jahrzehnte später, trotz mancher modelltheoretischer Erweiterung (die umstürzende Entdeckung, dass in der Ökonomie nicht nur Märkte, sondern auch Institutionen eine Rolle spielen, wurde mit einem Nobelpreis belohnt), nicht grundsätzlich anders darstellt, motivierte die vor einigen Jahren von Frankreich ausgehende Bewegung für eine „postautistische Ökonomie“ – ohne allerdings im ökonomischen Mainstream nennenswerte Wirkungen zu hinterlassen. Genauso wenig Wirkung hatte die an Piero Sraffas Werk anschließende Debatte der 1960er und 70er Jahre gehabt, die zeigte, dass zentrale Aussagen der Neoklassik nur in der Phantasiewelt einer „Ein-Gut-Ökonomie“ Bestand haben.

Nachdem die deregulierten Finanzmärkte 2008 in eine massive Krise geraten waren, sahen sich die USA und Deutschland genötigt, die größten Konjunkturpakete ihrer Geschichte zu verabschieden. Der Glaube an die ominösen „Selbstheilungskräfte der Märkte“ war erschüttert und für manche schien es schon so, als werde die Neoklassik vom Keynesianismus entthront. Inzwischen sieht es nicht mehr danach aus, und es wäre zu diskutieren, ob dies nur an den institutionellen Kräfteverhältnissen oder nicht auch an inhaltlichen Defiziten keynesianischer und postkeynesianischer Strömungen liegt. An den Universitäten dominiert nach wie vor die Neoklassik, wo sie sogar für eine Neugewichtung der Schwerpunkte des Faches Wirtschaftswissenschaften sorgte: gegenüber einer Makroökonomie, die im Verdacht steht, den Weg des reinen (Markt)Glaubens ein Stück weit zu verlassen, gewann die Mikroökonomie beständig an Boden. Damit einhergehend etablierten sich neuere Ansätze, wie etwa die behavioral economics, die den überholten homo oeconomicus mit etwas realistischeren Attributen versieht, wobei zu fragen ist, ob diese Erweiterungen bloße Modernisierungsphänomene sind oder tatsächlich neue Einsichten liefern. Parallel dazu hat auch die Betriebswirtschaftslehre an Bedeutung zugenommen. „Kundenorientierung“, „Intrapreneurship“, „Corporate Identity“ oder „Guerilla-Marketing“ werden als Patentrezepte verkauft, komplexe Realitäten werden auf Kennzahlen reduziert, was selbst in kapitalistischen Unternehmen zuweilen Zweifel am Nutzen dieser Art von Ausbildung aufkommen lässt. Der Tendenz zur „Verbetriebswirtschaftlichung“ weiter gesellschaftlicher Bereiche (siehe PROKLA 148) wird damit noch immer Vorschub geleistet.

Grundlegende Einwände gegen die herrschende Ökonomik – etwa feministische Kritiken an der (scheinbaren) Geschlechtslosigkeit der Ökonomie, die Diskussion der ökologischen Grenzen des auf „Wachstum“ fixierten Kapitalismus oder die weltweit destruktiven Auswirkungen von Freihandel und deregulierten Märkten – spielen in der herrschenden Wirtschaftswissenschaft jedenfalls keine große Rolle. Um eine kritische Diskussion der herrschenden Volkswirtschaftslehre und ihrer Modernisierungsbemühungen soll es jedoch in dem geplanten Heft der PROKLA gehen. Mögliche Themen können sein:

  • Wissenschaftshistorische und -soziologische Fragen: Wie reproduziert sich die Vorherrschaft der Neoklassik über Lehrstuhlbesetzungen, Lehrbücher, Sachverständigenräte, Wirtschaftspresse usw.?
  • Wie weitreichend ist die Kritik am homo oeconomicus durch Ansätze der behavioral economics, z.B. durch die behavioral finance?
  • Sind die jüngsten Management-Konzepte lediglich Modeerscheinungen, produzieren sie in erster Linie Legitimation oder reflektieren sie tatsächliche Veränderungen in der kapitalistischen Betriebsweise ?
  • Wie entwickelte sich der Keynesianismus seit den 1930er Jahren – sowohl ökonomietheoretisch als auch hinsichtlich des Gesellschaftsbildes?
  • Wie geht die neuere ökonomische Theorie damit um, dass ihre Grundannahme effizienter Märkte sich gerade auf den Finanzmärkten so gründlich blamiert hat?
  • Sind Umbrüche in der Theoriebildung erkennbar, welchen Einfluss haben neuere feministische Kritiken innerhalb und außerhalb der etablierten Wirtschaftswissenschaft?
  • Welchen theoretischen Stellenwert haben neuere ökologisch orientierte Kritiken an der herrschenden Volkswirtschaftslehre?

Die Redaktion lädt zur Einsendung von Exposés von 1-2 Seiten bis zum 25. März 2011 ein. Die fertigen Aufsätze müssen bis zum 20. Juni 2011 vorliegen und sollten einen Umfang von 50.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen, Fußnoten, Literaturverzeichnis) nicht überschreiten. Zusendungen bitte per E-Mail an: redaktion@prokla.de und dorothea.schmidt@hwr-berlin.de

**********

Manuskript-Einsendung allgemein:

Die Redaktion lädt zur Einsendung von Manuskripten ein. Auch außerhalb der jeweiligen Schwerpunktthemen sind Beiträge willkommen. Die Texte sollten sich in einem Umfang von 15-25 Seiten (ca. 50.000 Zeichen) halten. Bitte die amerikanische Zitierweise benutzen (Kurzangabe im Text und Bibliographie am Ende des Textes, bitte keine Quellennachweise in den Fußnoten).

Wir bitten, die Manuskripte per e-mail als attachment einzusenden. Die Dateien sollten in Word oder im Rich Text Format (rtf) abgespeichert sein und keine eigenen Formatierungsmerkmale (Kopfzeilen, Einrückungen, besondere Absatzformate etc.) beinhalten.

Prokla-Merkblatt downloaden!