PROKLA

Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft

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Editorial PROKLA 169

Die Redaktion am 30. Dezember 2012

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Titel 2012-04Finanzierung, Konzentration, veränderte Unternehmensformen (Dezember 2012)

PROKLA-Redaktion: Editorial
Finanzialisierung, Konzentration, veränderte Unternehmensformen
Claude Serfati: Die finanz- und rentengetriebene Logik der multinationalen Unternehmen
Julian Müller: Das Verhältnis von Industrie und Finanzsektor unter der Finanzialisierung
Jürgen Kädtler: Industrieller Kapitalismus und Finanzmarktrationalität – am Beispiel des Umbruchs in der (traditionellen) deutschen Großchemie
Barbara Brandl: Industrialisierung und Konzentration. Die Analyse eines Zusammenhangs am Beispiel des Saatgutmarktes
Christian Zeller: Oligopolistische Rivalität im Pharma-Biotech-Komplex. Konzentration des Kapitals und die Suche nach Rentenerträgen
Sarah Nagel: Staatskapitalismus goes global
Außerhalb des Schwerpunkts
Horst Heitmann: Weltpolizist Obama. Anmerkungen zur US-amerikanischen Außenpolitik
Loïc Wacquant: Der neoliberale Leviathan. Eine historische Anthropologie des gegenwärtigen Gesellschaftsregimes

Im Jahre 1998 gab bereits einmal ein PROKLA-Heft zu Konzentration (PROKLA 113: Konzentration, Internationalisierung, Vernetzung). Damals stand die Fusion der Konzerne Daimler und Chrysler an, die Daimler-Chef Jürgen Schrempp euphorisch als „Hochzeit, die im Himmel geschlossen wird“ bezeichnete. Neun Jahre später resümierte die Süddeutsche Zeitung, es habe sich wohl eher um eine „Hochzeit des Grauens“ gehandelt. Die Großmachtphantasie Schrempps hat den Konzern ca. 40 Mrd. Euro gekostet. Das PROKLA-Heft von 1998 widmete sich jedoch nicht in erster Linie einzelnen megamergers, sondern der historischen wie der aktuellen Entwicklung der Konzentrationsprozesse. Industrielle Restrukturierung folgte, so war zu dieser Zeit zu diagnostizieren, häufig der Leitlinie der Konzentration auf die „Kernkompetenzen“, was damit verbunden war, dass etwa in der Chemie- und Pharmaindustrie oder in der Computerindustrie nationale oder globale Netzwerke aufgebaut wurden, innerhalb derer die großen Konzerne zentrale Machtpositionen bei der Organisation von Forschung und Entwicklung wie bei der Produktion einnahmen.

Anders als vielfach prophezeit wurde, hat sich inzwischen noch deutlicher als Mitte der 1990er Jahre gezeigt, dass es keinen linearen Trend einer ständig zunehmenden „Monopolisierung“ gibt, sondern eine Vielzahl von widersprüchlichen Erscheinungen. Wie bereits die historische Analyse von Leslie Hannah in PROKLA 113 zeigte, heißt für ein Unternehmen „einmal groß“ keineswegs: „für immer groß“.

Ähnliche Schematisierungen treten auch heutzutage auf, wenn es um die Rolle des als übermächtiger Dämon porträtierten Finanzkapitals geht. Die in diesem Heft publizierten Artikel sollen eine differenziertere Sicht voranbringen. Mehrere Autor/inn/en setzen sich mit der Frage auseinander, wie sich die wachsende Dominanz der Finanzlogik bei großen Unternehmen auswirkt. Claude Serfati vertritt die Auffassung, dass multinationale Unternehmen eine besondere Form des Finanzkapitals darstellen, wobei eine zunehmende Diskrepanz zwischen deren Buch- und Börsenwerten festzustellen ist. Julian Müller zeigt, dass sich die schon häufig diagnostizierte Finanzialisierung [so sollte es auch im Titel des gedruckten Heftes heißen] darin niederschlägt, dass viele Unternehmen mittlerweile von den Erwartungen der Investoren und den Ratings der großen Agenturen abhängen, so dass sie ihre Strategien weniger als früher an der Optimierung der industriellen Produktion durch Forschung und Entwicklung ausrichten, sondern kurzfristig zu erzielende Erfolge mit mergers and acquisitions anstreben, um sich Eigentumsrechte und Lizenzen anzueignen. Beide Aufsätze schließen kritisch an die Marxschen Analysen im Kapital an. Diese grundsätzlichen Überlegungen werden dann in mehreren Fallstudien vertieft. Jürgen Kädtler verfolgt die Entwicklung der großen Drei in der Chemieindustrie, die als Resultat der Entflechtungen in der Nachkriegszeit entstanden und für die lange Zeit das Modell der „Verbundchemie“ galt. Die beiden übrig gebliebenen Konzerne entwickelten höchst unterschiedliche Wege des Umgangs mit der Finanzialisierung, was auch mit dem Einfluss von Vertretern der Belegschaft zu tun hat. Barbara Brandl untersucht den globalen Saatgutmarkt und weist auf Widerständigkeiten und Brüche der Konzentrationsbewegung hin, da Patente nicht immer den Königsweg darstellen, sondern sich auch das inkorporierte Wissen der Züchter/innen als entscheidend erweisen kann. Christian Zeller analysiert die oligopolistische Rivalität in der Pharma- und Biotechindustrie, wobei sowohl Prozesse der vertikalen und horizontalen Desintegration wie eine zunehmende Steuerungsmacht der Großen der Branche zu beobachten sind, die gleichwohl unterschiedliche Strategien einschlagen können. Schließlich soll der Blick über Westeuropa und die USA hinaus auf die Zustände bei einem der neuen global player gerichtet werden. Sarah Nagel widmet sich in ihrem Beitrag den in den letzten Jahren international immer stärker auftretenden chinesischen Staatskonzernen.

Außerhalb des Schwerpunkts analysiert Horst Heitmann die Außenpolitik des gerade wieder gewählten Barack Obama. Der in Europa noch immer als Anti-Bush betrachtete Obama weist in der Außenpolitik eine Vielzahl von Kontinuitäten mit Bush junior auf und es besteht wenig Hoffnung, dass sich in seiner zweiten Amtszeit daran etwas ändern wird. Mit dem zweiten Beitrag außerhalb des Schwerpunktes schließen wir an die beiden PROKLA-Hefte zur Gesellschaftstheorie an (Nr. 165: Gesellschaftstheorie im Anschluss an Marx, Dezember 2011, Nr. 167: Perspektiven der Gesellschaftskritik heute, Juni 2012). Loïc Wacquant analysiert die historische Anthropologie des gegenwärtigen, neoliberalen Gesellschaftsgefüges in Abgrenzung sowohl zu rein ökonomischen Erklärungsansätzen als auch zu den an Foucault anschließenden Gouvernementalitätsstudien. Zugleich zieht er damit ein Resümee seiner Forschungen der letzten beiden Jahrzehnte.

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