PROKLA

Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft

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Call for Papers 173

Die Redaktion am 3. März 2013

PROKLA 173
„Familie und Staat“
(Heft 4, Dezember 2013)

Kulturelle Veränderungen und sozioökonomische Prozesse haben in den letzten Jahrzehnten in der bundesrepublikanischen Gesellschaft neben der traditionell-heterosexuellen Form von Familie (Mann, Frau, Kind/-er) mannigfaltige Formen des Zusammenlebens entstehen lassen, während staatliche Interventionen strukturell auf die herkömmliche „Kernfamilie“ abzielten.

Kaum politisch wahrgenommen bzw. systematisch nachrangig behandelt wurden hingegen sowohl Ein-Eltern-Familien – mit einem massiv erhöhten Risiko der Kinderarmut –, schwul-lesbische Partnerschaften, kollektive Wohn- und Lebensformen sowie Lebenszusammenhänge von Menschen, die die sozial konstruierte Geschlechterdichotomie durchkreuzen.

Obgleich diese Formen des Zusammenlebens neben die der traditionellen Kleinfamilie getreten sind, ist letztere nach wie vor in mehrfacher Hinsicht vorherrschend: Einerseits in dem Sinne, dass nach wie vor die übergroße Mehrzahl von Kindern in klassischen Familienkonstellationen aufwächst. Andererseits aber auch in der Hinsicht, dass bei vielen jüngeren Menschen, ungeachtet allen gesellschaftlichen Wandels, weiterhin das traditionelle Bild von Familie dominiert, an dem sich mithin auch deren Familienplanung orientiert. Vorherrschend ist die Form der traditionellen Familie nicht zuletzt auch deswegen, weil sie, aller rechtlichen Gleichstellungspolitiken zum Trotz, in den Leitideen auch noch der neuen staatlichen Interventionsstrategien im familienpolitischen Feld reproduziert wird, sei es bei der außerfamiliären Kinderbetreuung, beim Eltern- oder beim Betreuungsgeld. Gleichwohl zeigen sich seit Längerem auch Tendenzen, die auf eine Krise des traditionellen Familienmodells hindeuten könnten, wie etwa steigende Scheidungs- oder sinkende Geburtenraten.

PROKLA 173 interessiert sich für den Zusammenhang zwischen Familie und Staat – und für dessen historische Dynamik. Abseits tagesaktueller Debatten soll nach Widersprüchen und Ungleichzeitigkeiten zwischen kulturellem und sozioökonomischem Wandel einerseits, Familienmodellen und Familienideologien andererseits gefragt werden. So steht beispielsweise das Ziel einer umfassenden Nutzung auch des Arbeitskräftepotentials von Frauen nicht selten im Konflikt mit dem staatlich geförderten und im Bewusstsein vieler Menschen fest verankerten Harmonieversprechen der auf dem männlichen Ernährermodell basierenden bürgerlichen Kleinfamilie. Hinzu kommen offensichtliche Doppelstandards der Politik, je nachdem, um welche Familien es sich jeweils handelt: Für Familien, die ALGII beziehen, wird dieses Harmonieversprechen suspendiert und der ‚stumme Zwang der Verhältnisse’ über den Ausschluss vom Eltern- und Betreuungsgeld verschärft. Familienpolitik wird damit zum Medium der Exklusion bzw. zum funktionalen Korrelat einer Niedriglohnpolitik. Auch für Flüchtlinge gilt der hehre Anspruch, familiärer Zusammenhalt solle gefördert werden, häufig nicht, wenn Eltern oder Kindern administrativ das Bleiberecht verweigert wird. Auf einer grundlegenden Ebene wird Familienpolitik schließlich durch die Entwicklung neuer Reproduktionstechnologien herausgefordert, womit gänzlich neue Aushandlungskonflikte über die staatlichen Interventionen in die (vermeintliche) Privatsphäre der Familie getragen werden.

Insbesondere soll sich das geplante Heft mit folgenden Fragen befassen:

  • Ist Familie eine Staatsangelegenheit? Lassen sich im historischen Rückblick zentrale familienpolitische Brüche identifizieren oder handelt es sich eher um einen fixen Topos seit dem 19. Jahrhundert?
  • In welcher Weise wirken radikale Reformprojekte der 1920er Jahre trotz aller Unterbrechungen weiter – wie waren sie damals und wie sind sie heute gesellschaftspolitisch und polit-ökonomisch eingebettet?
  • Wie sind die familienpolitischen Diskussionen und Reformen der vergangenen Jahre (Stichwort: Elternzeit/-geld, Betreuungsgeld, garantierte Kitaplätze, etc.) einzuschätzen? Haben wir es mit einem grundlegenden Wandel staatlicher Intervention in familiale Belange zu tun oder handelt es sich um Feinjustierungen im Rahmen struktureller Kontinuitäten?
  • Inwiefern handelt es sich bei dem von konservativer Politik hochgehaltenen Ernährermodell um eine Fiktion, da weibliche Erwerbsarbeit bereits seit Jahrzehnten eine zentrale Rolle spielt, politisch aber weitgehend unsichtbar gemacht wurde?
  • Was ist die Genese sog. politischer Standards (Harmonieversprechen etc.)? Sind sie ernst zu nehmen, kann und sollte sich eine emanzipative Perspektive auf sie berufen, oder sollte ihre durchaus vorhandene funktionale Stellung stärker in den Fokus der Kritik und Analyse genommen werden?
  • Wie und wo nehmen staatliche Politiken außerhalb der ‚klassischen Familienpolitik’ noch Einfluss auf die Rolle und die Formierung von Lebensgemeinschaften? Ging die Emanzipation von Schwulen und Lesben in den letzten Jahrzehnten auch mit deren zunehmender Annäherung an bürgerliche Lebensformen einher?
  • Wie schreiben sich Klasseninteressen und Umverteilungspolitiken in die Familienpolitik ein? Inwiefern begünstigt Familienpolitik mittlere und höhere Einkommen und verfestigt die Diskriminierung der ALGII beziehenden Familien insbesondere in ihrer typischerweise unvollkommenen Form der Alleinerziehenden?
  • Schreibt die Fokussierung auf „deutsche“ Familien und die häufige Verweigerung ihrer Standards für Flüchtlingsfamilien überkommene Muster national-rassistischer Politiken fort?
  • Welche Bedeutung haben kleinere oder auch größere Familienzusammenhänge angesichts von Krisen, existentiellen Unsicherheiten oder marginaler Situation in der Mehrheitsgesellschaft?
  • Wie könnte eine ‚linke’ oder ‚emanzipative’ Familienpolitik überhaupt aussehen?
  • Was bedeutet zwischenmenschliche Anziehung in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft in den je unterschiedlichen Formen, in denen sie vorkommt? Geht sexuelle Befreiung notwendigerweise mit der Kommodifizierung von Gefühlen und Sexualität einher?
  • Gibt es ‚Eigenlogiken‘ bestimmter Formen des Zusammenlebens, die dann tendenziell eher herrschaftsaffirmativ oder emanzipatorisch wirken können?
  • Was bedeuten bestimmte Formen des Zusammenlebens für die Erziehung und Sozialisation von Kindern/jungen Menschen?

Die Redaktion lädt zur Einsendung von Exposés von 1-2 Seiten bis zum 1. April 2013 ein, die fertigen Artikel sollen bis zum 1. September 2013 vorliegen. Sie sollen einen Umfang von 48.000 Zeichen (inklusive Leerzeichen, Fußnoten Literaturverzeichnis) nicht überschreiten. Zusendungen bitte als word- oder rtf-Dateien an:

Andrei Draghici, a.draghici@gmx.de
Julia Dück, juliadueck@web.de
Henrik Lebuhn, henrik.lebuhn@wbk.in-berlin.de
Stephan Lessenich, stephan.lessenich@uni-jena.de
Dorothea Schmidt, doschmid@fhw-berlin.de
Redaktion PROKLA, redaktion@prokla.de

 

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Manuskript-Einsendung allgemein:

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