PROKLA

Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft

  • Nadir-Zeitschriftensuche: PROKLA
    Loading
    Warum Google-Suche?

    -Statistiken aus/ein

  • Das Archiv enthält alle Jahrgänge seit 1971 und die Sonderhefte im Volltext. Die Volltexte der je aktuellen drei Jahrgänge sind nicht online, können aber beim Verlag oder im (linken) Buchhandel bestellt werden.

  • Die PROKLA erscheint beim

    und kooperiert mit
  • Meta

  • Lizenz

    Creative Commons Lizenzvertrag
    Die auf dieser Website zur Verfügung gestellten PROKLA-Texte stehen unter einer Creative Commons Lizenz.

Editorial PROKLA 172

Die Redaktion am 2. Oktober 2013

Download summaries (engl.) & AutorInnen

Titel 2013-03Editorial: Gesellschaftstheorie III: Kontroversen (September 2013)

PROKLA-Redaktion: Editorial
Gesellschaftstheorie III: Kontroversen
Alex Demirović: Kritische Gesellschaftstheorie: Analyse der Kräfteverhältnisse oder Zeitdiagnose – mit einem Seitenblick auf die Beiträge von Slavoj Žižek
Etienne Schneider: Gesellschaftliche Totalität und die Pluralität gesellschaftlicher Widersprüche
Dorothea Schmidt: Fordismus: Glanz und Elend eines
Produktionsmodells
Stefan Beck und Christoph Scherrer: Die Finanzialisierungslücke der Varieties of Capitalism
Peter Streckeisen: Praxis und Form. Ökonomiekritik mit Marx und Bourdieu
Hanno Pahl: Aufstieg und Niedergang einer
wirtschaftswissenschaftlichen Wahrheit. Reinharts und Rogoffs Artikel Growth in a Time of Debt
Außerhalb des Schwerpunkts
Urs Müller-Plantenberg: Der andere 11. September und die Folgen: 40 Jahre nach dem Putsch in Chile
Herbert Panzer: Regimedominierte Zahlenakkumulation –
vom Umgang mit ökonomischen Kategorien und ihren Größen
Thomas Sablowski: Das finanzdominierte Akkumulationsregime: Replik zu den Kritiken von Herbert Panzer und Joachim Becker

Wenn sie nicht gerade zu denjenigen gehören, die Richard Wagner als umstürzenden Neuerer der klassischen Musiktraditionen schätzen, so dürfte der 200. Geburtstag des Meisters die Mehrzahl der PROKLALeser/innen eher kalt lassen. Sie verbinden damit vermutlich am ehesten Bilder der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Elite der Bundesrepublik, die im August nach Bayreuth wallt, um sich dort den Klängen der Tetralogie Der Ring des Nibelungen hinzugeben, vielleicht aber auch nur, um in der Öffentlichkeit den Eindruck der Kulturbeflissenheit zu erwecken, und in den Pausen an Stehtischen teuren Sekt zu trinken.

Doch der 1813 geborene Wagner war nicht nur ein Zeitgenosse des 1818 geborenen Karl Marx (sie starben sogar im selben Jahr, 1883), beide nahmen auf unterschiedliche Weise Anteil an der Revolution von 1848, und wenn für Marx die Berichte über Arbeit und Leben der englischen Arbeiterschaft eine wichtige Grundlage für seine Überlegungen zum Los der Arbeiterklasse im Kapitalismus wurden, so weiss man aus den Tagebüchern von Wagners zweiter Frau Cosima, dass dieser von einem England-Besuch ähnliche Eindrücke mitbrachte, die sich insbesondere im Rheingold, dem ersten Teil des Rings, niederschlugen:

„Auf der Heimfahrt von Greenwich entgeht ihm nicht der Eindruck von ‘Nibelheim, Weltherrschaft, Tätigkeit, Arbeit’ und von dem ‘Druck des Dampfes’, der überall den ‘Traum Alberichs’ erfüllt hat.“ (Holland 1990: 535)

Wagners mythologische Geschichte von der Jagd nach dem Gold, von Liebeshändel, Betrug, Verrat, Mord und Totschlag, von Herrschaft und Untergang der Herrschenden ist von vielen Beobachtern immer schon als Parabel auf den Kapitalismus des 19. Jahrhunderts interpretiert worden, so auch von Franz Wilhelm Beidler, dem ersten Enkelsohn Wagners:

„Die komplizierten Schachtanlagen und Hüttenwerke des Ruhrgebiets etwa vereinfachen sich zu den Werkstätten Nibelheims, die Anonymität des Kapitals, die Unsicherheit des Aktionärs enthüllt sich im verschleierten Tarnhelm. Die dämonische Kraft des Ringes, d.h. des kapitalistischen Macht- und Profitstrebens, durchdringt alle Beziehungen, löst alle Bindungen, Rechte und Sitten auf. Die von altersher herrschenden Gewalten – hier heissen sie Götter – verstricken sich im kapitalistischen Gestrüpp, und die Welt wartet auf den Menschen. Auf den Menschen, der durch Verzicht auf Besitz und Gewinn die Kraft zur befreienden Tat findet und Götter und Zwerge ablöst.“ (zit. nach Borchmeyer 2002: 523)

Dabei ist allerdings nicht zu übersehen, dass sich Wagners kapitalismuskritischer Impetus oftmals auch mit antisemitischen und nationalistischen Vorstellungen verband, die in der Schrift Das Judentum in der Musik gipfelten.

Die Deutung des Rheingold als Sinnbild des Kapitalismus des 19. Jahrhunderts war nicht unumstritten. Als 1976 das hundertjährige Jubiläum der ersten Bayreuther Festspiele, der „Jahrhundertring“, anstand, griff der Regisseur Patrice Chéreau sie auf. Er befreite das Werk von weihevoller Entrücktheit und jenseitigem Schwulst, holte Wagner ins Diesseits der Industriegesellschaft zurück und liess die Rheintöchter ihre Erzählung über die Macht des Goldes vor einem Staudamm singen, die (auf Kredit gebaute) Götterburg Walhall als gründerzeitlichen Prachtbau erstehen und Siegfrieds Schwert Notung nicht in einer traulichen mittelalterlichen Schmiede, sondern im Hochofen schmieden. Das Ergebnis war ein ungeheurer Eklat, bei dem es zu Buhrufen und Handgreiflichkeiten kam, die Alt-Wagnerianer Trillerpfeifen verteilten und ebenso stabreimend wie empört auf Flugblättern „Werkschutz für Wotan“ verlangten (Der Bayreuther Jahrhundertring).

Marx selbst hielt nicht viel von Richard Wagner, den er in einem Brief abfällig als „neudeutsch-preussischen Reichsmusikanten“ bezeichnete, und es ist auch nicht bekannt, dass Wagner sich umgekehrt jemals positiv zu Marx geäussert hätte. Dennoch können offenbar Verbindungen zwischen ihnen ausgemacht werden, so wenn Dietmar Holland die Gesellschaftskritik und die Suche nach Erlösung im Ring als Gegenstück zu Marxens Kritik der politischen Ökonomie und der Vision einer Aufhebung der Entfremdung sieht (Holland 1990: 535, vgl. zu Wagner und Marx auch Jäger 2013 ). Gemeinsam ist beiden ein umfassender Anspruch, der die Totalität der Gesellschaft umgreift. Marx ging es nicht allein um die Mechanismen der Ökonomie, Wagner nicht allein um die Dynamik der Leidenschaften – und genau darin liegt gleichfalls ein wiederkehrendes Anliegen der Texte zu Gesellschaftstheorie und Gesellschaftskritik, die in den letzten Jahren in der PROKLA veröffentlicht wurden, insbesondere in den Heften Gesellschaftstheorie nach Marx und Foucault (PROKLA 151/2008), Sozialismus? (PROKLA 155/2009), Marx! (PROKLA 159/2010), Gesellschaftstheorie im Anschluss an Marx (PROKLA 165/2011) und zuletzt Perspektiven der Gesellschaftskritik heute (PROKLA 167/2012).

Theoriediskussionen bilden gewissermassen das „Kerngeschäft“ der PROKLA, doch haben sich ihre Schwerpunkte im Lauf des mehr als vierzigjährigen Bestehens der Zeitschrift geändert: Zeit für eine kurze Zwischenbilanz. Bei diesen Themen gibt es in den vergangenen Jahrzehnten so etwas wie Stammgäste, die immer wieder in Erscheinung traten. Andere Themen hatten nur kurze Auftritte und schienen eher freundlich geduldete als besonders willkommene Gäste darzustellen. Und schliesslich machten in den letzten Jahren auch eine Reihe von ganz neuen, bisher kaum beachteten Themen ihre Aufwartung.

Zu den Stammthemen der PROKLA gehören solche, die Theorien zur Entwicklung des Kapitalismus diskutieren, insbesondere Krisentheorien. Wiederholt gab es Debatten zur Geschichte der Krisentheorien und Auseinandersetzungen um Überakkumulations- oder Unterkonsumtionstheorien (PROKLA 14-15/1974, PROKLA 22/1976, PROKLA 30/1978, PROKLA 32/1978PROKLA 53/1983). Unter dem Titel Krise der Ökonomie – Versagen der Krisentheorie? (PROKLA 57/1984) wurden ebenfalls Fragen der Profitratenentwicklung oder des Profit- Squeeze aufgeworfen. Seither hat sich der Schwerpunkt weg von diesen grundsätzlichen Fragen verschoben. Zwar wurden vielfach Fallstudien zu Krisen in einzelnen Ländern vorgelegt, ansonsten aber eher praktisch-politische Kriseninterventionen thematisiert wie in PROKLA 82/1991 zu Markt und Demokratie oder aber zu Fragen keynesianischer Politik wie beim Heftthema Marx, Keynes und der globalisierte Kapitalismus (PROKLA 123/2001). In neuerer Zeit wurden wirtschaftswissenschaftliche Theorien, insbesondere die nach wie vor hegemoniale Neoklassik verstärkt aufgegriffen, so in Kritik der Wirtschaftswissenschaften (PROKLA 164/2011). Eng verbunden mit diesen Diskussionen war immer wieder die Ebene des Weltmarkts, die in früheren Zeiten meist als Frage nach dem „ungleichen Tausch“ oder der „internationalen Durchschnittsprofitrate“ gestellt wurde (PROKLA 6/1973, PROKLA 8-9/1973, PROKLA 60/1985). Der Begriff Imperialismus wurde erst dann intensiv diskutiert, als man ihn anderswo bereits für überholt hielt, so in Imperialistische Globalisierung (PROKLA 133/2003, auch in PROKLA 159/2010).

Ebenfalls zu den Kernthemen der Zeitschrift gehören solche zu politischen Fragen, nach dem Staat, insbesondere dem Sozialstaat, nach Herrschaft und Demokratie, doch zeigen sich hier im Lauf der Jahre deutliche Verschiebungen. In früheren Zeiten dominierten auch hier grundsätzliche Überlegungen, wie solche zur Sozialstaatsillusion (Sonderheft 1/1971) oder zur Frage der „Ableitung“ des bürgerlichen Staates (PROKLA 7/1973, PROKLA 14-15/1974), ausserdem wurde die Auseinandersetzung mit damals populären Ansätzen wie der Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus geführt (PROKLA 8-9/1973). In neuerer Zeit wurde der Fokus dann weg von der nationalen auf die globale Ebene ausgedehnt, so auf die Re- Regulierung der Weltwirtschaft (PROKLA 118/2000) oder auf die Internationalisierung des Staates (PROKLA 147/2007).

Zentral blieb über die Jahrzehnte hinweg schliesslich der explizite Bezug auf Marx, in den Anfängen vor allem als Debatte über unterschiedliche Marx-Interpretationen, so etwa bei der Diskussion über die Ergebnisse des Projekts Klassenanalyse (PROKLA 10/1973). Dieser Bezug schien in späteren Jahren jedoch weder selbstverständlich noch fraglos, und so gab es in PROKLA 72/1988 erstmals ein Themenheft zu Marxismus ohne Marx, dem seither, auch in Auseinandersetzung mit postmarxistischen Ansätzen, die bereits genannten Hefte Gesellschaftstheorie nach Marx und Foucault (PROKLA 151/2008) und Marx! (PROKLA 159/2010) folgten. Bei all dem kann erstaunen, dass es das für Marx so wichtige Thema der Klassen auf theoretischer Ebene bisher nur ein einziges Mal zum Rang eines Heftthemas brachte, Klassen und Herrschaft (PROKLA 58/1985), und zwar in einer Zeitschrift, deren Akronym PROKLA ursprünglich vor allem die Probleme des Klassenkampfs ansprechen sollte … Die PROKLA wird diesen Mangel demnächst ansatzweise beheben: für 2014 ist ein Heft zu Klassen und Klassentheorien geplant.

Andere Themen wurden nur gelegentlich behandelt. Eines davon betrifft die Ökologie, die nur in grösseren zeitlichen Abständen in den Mittelpunkt gerückt wurde, dann aber auch gleich als Heftthema: Ökologie und Marxismus (PROKLA 34/1979), Ökologie und Ökonomie (PROKLA 67/1987), Ökologie in der Krise? (PROKLA 156/2009). Nicht zuletzt wurden hier auch Ansätze einer Koppelung von natur- und gesellschaftswissenschaftlichen Theorien diskutiert (PROKLA 67/1987, 159; PROKLA 160/2010 und PROKLA 165/2011). Ein weiteres, eher seltenes Thema ist der Sozialismus. Zwar erfolgte bereits in den 1970er Jahren eine Auseinandersetzung mit Herrschaft in „nachkapitalistischen“ Gesellschaften (PROKLA 22/1976) und Rudolf Bahros Anatomie des real existierenden Sozialismus (PROKLA 31/1978), und nach den dramatischen politischen Umwälzungen von 1989/1990 wurde Auf der Suche nach dem verlorenen Sozialismus zum Heftthema (PROKLA 78/1990). Doch dann wurde das Thema (zweifellos nicht nur in der PROKLA) erst einmal beiseite gelegt. Es bedurfte fast zweier Jahrzehnte, bis das bereits weiter oben genannte Heft Sozialismus? (PROKLA 155/2009) erschien. Eine lange Zeit eher schattenhafte Existenz führte auch das Thema Geschlechterverhältnisse, das zunächst, wenn überhaupt, im Zusammenhang mit Frauenarbeit diskutiert wurde, so in einzelnen Aufsätzen als „Arbeit der Mütter“ (PROKLA 22/1976) oder als „Hausarbeit“ (PROKLA 33/1978), schliesslich als Heftschwerpunkt Frauen in der Ökonomie (PROKLA 93/1993), wo auch erstmals der Ansatz der sozialen Konstruktionen von Weiblichkeit und Männlichkeit zum Thema wurde. In den letzten Jahren wurden Geschlechterverhältnisse häufiger thematisiert: etwa als Frage nach einer feministischen Staatstheorie (PROKLA 151/2008), als Element der Spannung zwischen Totalität und Vielfalt in bürgerlichen Gesellschaften (PROKLA 165/2011) oder als mögliche Vereinnahmung feministischer Kritik durch den Mainstream (PROKLA 167/2012). Auf einer grundsätzlichen Ebene wollen wir uns im nächsten Jahr mit dem Thema auseinander setzen, für 2014 ist ein Heft mit dem Schwerpunkt Materialistischer Feminismus geplant (PROKLA 174/2014).

Weitere Themen, die bisher eher Zaungäste bei den bisherigen Theoriedebatten in der PROKLA waren, fanden in den letzten Jahren verstärkt Aufmerksamkeit: Ethnisierung und Ökonomie (PROKLA 120/2000), Migration (PROKLA 140/2005) oder Postkoloniale Studien (PROKLA 158/2010) in ihrem Stellenwert für kritische Sozialwissenschaften. Schliesslich haben Überlegungen zur Historisierung des Kapitalismus vermehrt Eingang gefunden, so dass es nicht mehr, wie es früher häufig der Fall war, in erster Linie um grundsätzliche Gesetzmässigkeiten der kapitalistische Produktionsweise ging. Wiederholt wurde der Regulationsansatz diskutiert, in dem die begrenzte Perspektive der Produktion verlassen und nach Zusammenhängen zwischen deren Normen, denjenigen des Konsums und der gesellschaftlichen Regulierung in verschiedenen Perioden des Kapitalismus gefragt wird, so in PROKLA 58/1985, PROKLA 72/1988PROKLA 100/1995, PROKLA 113/1998. Nachlesen kann man die meisten der erwähnten Artikel und Hefte auf unserer Website www.prokla.de, wo unter Archiv sämtliche Hefte bis auf die letzten zwei Jahrgänge zum (kostenlosen) Download bereit stehen.

Wie diese kurze Rückschau deutlich machte, hat sich die PROKLA schon lange aus dem eng abgesteckten Feld einer strikt auf Ökonomie und Kapitalherrschaft begrenzten Analyse gelöst. Bereits in den vorigen Heften zur Gesellschaftstheorie wurde betont, dass der Anspruch der Marxschen Untersuchung von Ware, Geld und Kapital darin, die „Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft“ offen zu legen, einer Gesellschaft also, die nicht in der Ökonomie aufgeht, selbst wenn diese die dominante Struktur darstellt. Um noch einmal auf Wagner zurück zu kommen: Wenn Siegfried den Drachen Fafner, den Bewacher des verhängnisvollen Goldschatzes, tötet, so erscheint er zunächst als strahlender Held. Aber mit dem Besitz des eroberten Rings handelt er sich letztlich nur massloses Unglück ein. Das Kapital ist nicht einfach nur ein Drachen, den es – etwa, indem bürgerliche Eigentumsformen aufgehoben werden – zu besiegen gilt, vielmehr sind alle Verhältnisse der Ausbeutung von Menschen und Natur und der Entwürdigung von Menschen zu überwinden.

Einige Artikel des vorliegenden Heftes schliessen an Beiträge in den vorausgegangenen Heften zur Gesellschaftstheorie an, vor allem aber soll es hier um Auseinandersetzungen mit grundlegenden theoretischen Konzepten gehen. Alex Demirović untersucht das Verhältnis von marxistisch inspirierten Zeitdiagnosen, wie wir sie bei Adorno finden, und der Analyse von Kräfteverhältnissen in der Tradition von Gramsci und Poulantzas und fragt, inwiefern die Beiträge von Slavoj Žižek dabei helfen können, diese unterschiedlichen Ansätze gesellschaftstheoretisch zu integrieren. Etienne Schneider knüpft an Hanna Meissners Beitrag in PROKLA 165/2011 an, in dem Totalität und Vielfalt aus feministischer Sicht thematisiert wurden, und diskutiert in seinem Beitrag unterschiedliche Kritiken am Intersektionalitätskonzept. Vor diesem Hintergrund wird der Frage nachgegangen, inwiefern Überlegungen aus der marxistischen Gesellschaftstheorie für das Verständnis verschiedener sozialer Herrschaftsverhältnisse und Widersprüche fruchtbar gemacht werden können. Eine schon ältere Kritik von John Bellamy Foster aus PROKLA 76/1989 am Fordismus- Begriff führt Dorothea Schmidt fort, indem sie fragt, wie sich der gängige Bezug auf Henry Fords Modell der Massenproduktion von Automobilen vor und nach 1914 zur Realität der Fordschen Fabriken und zu der behaupteten Fordismus-Periode in der frühen Bundesrepublik bis Mitte der 1970er Jahre verhält. Damit wird einer der wichtigen Bausteine des Regulations- Konzepts auf den Prüfstand gestellt. Auf eine wichtige Blindstelle im zuletzt vieldiskutierten „Varieties of Capitalism“-Ansatz machen Stefan Beck und Christoph Scherrer aufmerksam: die Finanzialisierung der Ökonomie. Sie zeigen auf, dass nicht nur die Gegenüberstellung eines bankbasierten und eines marktbasierten Finanzsystems unzureichend ist, vor allem gerät bei den „Varieties of Capitalism“-Analysen aus dem Blick, dass der Finanzsektor selbst ein profitgesteuerter Sektor ist und nicht bloss ein Dienstleister für Unternehmen. Das Verhältnis von Karl Marx und Pierre Bourdieu in Bezug auf die Kritik der herrschenden Ökonomie wird von Peter Streckeisen untersucht. Trotz der nicht zu leugnenden grundsätzlichen Differenzen zwischen beiden Ansätzen, sieht Streckeisen Möglichkeiten, wie sich die Marxsche Analyse sozialer Formen und Bourdieus Theorie der Praxis in bestimmten Feldern sinnvoll kombinieren lassen. Ein Artikel der Ökonomen Reinhart und Rogoff machte gleich zweimal Furore: zum einen weil er empirisch zu beweisen schien, dass eine Staatsverschuldung ab 90 Prozent des BIP zu weniger Wachstum führt, was gerne als zusätzliche Rechtfertigung von Austeritätspolitiken benutzt wurde, und zum anderen als enthüllt wurde, wie schlampig der Umgang mit den empirischen Daten in dem Papier tatsächlich war. Hanno Pahl diskutiert anhand der weitreichenden Rezeption dieses Artikels die inner- und ausserdisziplinäre Produktion, Zirkulation und Resonanz von „Wahrheiten“ der Mainstream-Ökonomie.

Ausserhalb des Schwerpunkts erinnert Urs Müller Plantenberg an einen anderen 11. September: den von den USA unterstützten Militärputsch gegen den gewählten chilenischen Präsidenten Salvador Allende am 11. September 1973 und die anschliessende Militärdiktatur. Herbert Panzer kritisiert schliesslich den Aufsatz über Finanzdominierte Akkumulation von Alex Demirović und Thomas Sablowski in PROKLA 166/2012. Thomas Sablowski erwidert auf diese Kritik.

 

Literatur
Borchmeyer, Dieter (2002): Richard Wagner, Ahasvers Wandlungen, Frankfurt/M.
Der Bayreuther Jahrhundertring, www.delicatessen.org/der-ring-des-nibelungen/background.html, 24. 7. 2013.
Holland, Dietmar (1990): Der Ring des Nibelungen, in: Csampai, Attila/Holland,
Dietmar: Opernführer, Hamburg: 533-542.
Jäger, Michael (2013): Radikal und sinnlich, in: Der Freitag, 28.3.