PROKLA

Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft

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Call for Papers 175

Die Redaktion am 9. Oktober 2013

PROKLA 175
„Klassentheorien“
(Heft 2, Juni 2014)

Der Klassenbegriff erfährt in den letzten Jahren verstärktes Interesse. Nicht nur ist es im öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs wieder gängig, von Klassen als soziale Gruppen zu sprechen. Gerade die Beschreibung gegenwärtiger Gesellschaften als Klassengesellschaften trifft nach Ansicht vieler – und keineswegs nur der üblichen Verdächtigen – ins Schwarze. So spricht Hans-Ulrich Wehler (07.02.2013) in „Die Zeit“ von „neuen Klassengrenzen“ in Deutschland. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (02.06.2013) ist sogar von einer „neuen Klassengesellschaft“ die Rede. Selbst bekannte Vertreter_innen der Individualisierungsthese wie Ulrich Beck und Angelika Poferl (Hg., 2010) diskutieren in ihren jüngeren Publikationen Klassentheorien à la Immanuel Wallerstein und Leslie Sklair.

Die Renaissance des Klassenbegriffs sollte aber nicht darüber hinweg täuschen, dass mehr denn je umstritten ist, was mit dem Begriff genau bezeichnet werden sollte; ferner, wie eine umfassende Klassenanalyse der Gegenwartsgesellschaften aussehen könnte. Vorläufig liegt es nahe, die wachsenden Ungleichheiten, die neuen Schließungsprozesse und die anhaltende Wirtschaftskrise mit ihren hohen gesellschaftlichen Kosten als die entscheidenden Faktoren für das Comeback des Klassenbegriffs zu betrachten. Gerade der herrschaftskritische Anspruch der Klassentheorie, nämlich die systematische Berücksichtigung gesellschaftlicher Herstellung und Reproduktion von Reichtum und Armut, Eigentümern und Nicht-Eigentümern sowie Ausbeutung und Aneignung, scheint ihr einen Vorteil gegenüber ihren Konkurrenten der Schicht- und Milieuanalyse zu verschaffen. Auch scheinen aktuelle Debatten und Themen anschlussfähig für eine zu aktualisierende Klassentheorie zu sein; zu nennen wären hier Prozesse der Prekarisierung, die Diskussion über hohe Managergehälter, die Finanzialisierung oder die Debatte um die bedrohte Mitte.

Dennoch wurden bisher nur vereinzelt klassentheoretische Entwürfe formuliert. Dies rührt nicht zuletzt daher, dass nach der Auflösung des Fordismus eine neue Unübersichtlichkeit im Feld der Sozialstrukturanalyse herrscht. Sie betrifft auch die Klassentheorie, werden doch mit dem Wegfallen tradierter fordistischer Sozialformen zugleich die bewährten Analysemittel in Frage gestellt. Der Komplex Geschlecht und Klasse erfährt durch die Auflösung des Alleinverdienermodells schon lange gravierende Umbrüche, die eine intersektionale Analyse von verschränkten Herrschaftsverhältnissen angemessen erscheinen lassen. Weiterhin ist es schwierig, den Wohlfahrtstaat europäischer Prägung noch als Klassenkompromiss zu analysieren – das neoliberale Klassenprojekt von oben erweist sich vielmehr als Aufkündigung alter Kompromissformen. Die Fragmentierung der Sozialstruktur hat zudem dazu beigetragen, dass Klassenkonflikte nicht mehr nur primär durch die Industriearbeiterschaft ausgetragen werden, sondern dass sie zunehmend zersplittern und klassische institutionelle Bahnen verlassen.

Aktuelle Debatten haben aber auch schon zur Korrektur von einigen Blindflecken der Klassentheorie beigetragen: Im Mittelpunkt solcher Beiträge stehen z.B. die Beziehungen zwischen traditionellen Determinanten der (Schicht- und) Klassenzugehörigkeit mit anderen Bestimmungsfaktoren sozialer Ungleichheit, insbesondere Geschlecht. Ein erweiterter, nicht-lohnarbeitsspezifischer Arbeitsbegriff eröffnet die Einsicht, dass der Kapitalismus nicht nur systematisch auf Klassenspaltung angewiesen ist, sondern dass er sich darüber hinaus über außerkapitalistische Arbeits-, Ausbeutungs-, Sozial- und Naturformen konstituiert und dabei komplexe Interdependenzen entstehen, z.B. im Bereich Care Work. Daran schließt letztlich die Überlegung an, dass eine zu enge Fassung von Lohnarbeit als Determinante für Klassenzugehörigkeit zu kurz greift, und dass Einkommensformen wie informelle Arbeit oder Subsistenz global stärker berücksichtigt werden sollten.

An Gegenständen für eine aktualisierte Klassenanalyse mangelt es demnach nicht. Allerdings gibt es nur sehr wenige empirische Analysen, die klassentheoretische Überlegungen nutzen, um soziale Auseinandersetzungen, sozialstrukturelle Veränderungen und die polit-ökonomischen Wurzeln des gesellschaftlichen Wandels zu reflektieren, ja, entsprechende Analysen scheinen hinter den aktuellen Vorgängen herzuhinken. Das geplante Heft soll dabei helfen, diese Lücken zu füllen. Es befasst sich unter anderem mit folgenden Fragen:

  • Was sind angemessene aktuelle Determinanten der Klassenzugehörigkeit? Welche (neuen) Klassenbildungsprozesse sind zu beobachten und müssten konzeptionell stärker berücksichtigt werden?
  • Wie ist das Verhältnis von außerkapitalistischen Arbeits-, Ausbeutungs-, Sozial- und Naturformen zu Klassen/Klassenbildungsprozessen/Klassentheorien zu bestimmen?
  • Wie verhält sich Geschlecht zu Klasse? Wie verhalten sich Klassen und Stände?
  • Welche klassenbildenden Effekte hat die neue (Sozial-)Staatlichkeit: Was bedeutet die Umstrukturierung und der Rückbau des öffentlichen Sektors für traditionelle Dienst- und Staatsklassen?
  • Welche Auswirkungen hat eine restriktive und aktivierende Sozialpolitik auf politisch überformte Klassenbildungsprozesse? Gibt es eine politische Herstellung von (Unter-)Klassen?
  • Wie lassen sich die gegenwärtig verstärkten sozialen Konflikte klassenanalytisch fassen? Welchen Klassencharakter haben die Proteste von unten und die herrschende Krisenpolitik von oben?
  • Wie kann eine Klassentheorie informeller Arbeit (insbesondere im globalen Süden) aussehen? Wie wird hier die Klassenzugehörigkeit bestimmt?

Die Redaktion lädt zur Einsendung von Exposés von 1-2 Seiten bis zum 08. November 2013 ein. Die fertigen Beiträge für das Heft sollen bis zum 10. März 2014 vorliegen und einen Umfang von 48.000 Zeichen (inklusive Leerzeichen, Fußnoten, Literaturverzeichnis) nicht überschreiten.

Zusendungen bitte nur als doc- oder rtf-Datei an:

redaktion@prokla.de
Peter Bescherer (peter.bescherer@uni-jena.de)
Steffen Liebig (steffen.liebig@uni-jena.de)
Stefan Schmalz (s.schmalz@uni-jena.de)

 

 

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Manuskript-Einsendung allgemein:

Die Redaktion lädt zur Einsendung von Manuskripten ein. Auch außerhalb der jeweiligen Schwerpunktthemen sind Beiträge willkommen. Die Texte sollten sich in einem Umfang von 15-25 Seiten (ca. 50.000 Zeichen) halten. Bitte die amerikanische Zitierweise benutzen (Kurzangabe im Text und Bibliographie am Ende des Textes, bitte keine Quellennachweise in den Fußnoten).

Wir bitten, die Manuskripte per e-mail als attachment einzusenden. Die Dateien sollten in Word oder im Rich Text Format (rtf) abgespeichert sein und keine eigenen Formatierungsmerkmale (Kopfzeilen, Einrückungen, besondere Absatzformate etc.) beinhalten.

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