PROKLA

Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft

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Call for Papers 176

Die Redaktion am 27. Januar 2014

PROKLA 176
„Politische Ökonomie des Mülls“
(Heft 3, September 2014)

Der weltweit immer weiter wachsende Müll gilt als eine der großen sozialen und ökologischen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte. In den Ozeanen treiben 100 Millionen Tonnen Plastikmüll herum, und lange Zeit waren die Weltmeere auch beliebte Lagerungsorte für Munitionsabfälle. In Großstädten wie Berlin gibt es täglich 3.800 Tonnen Abfall, und in Megacities des Südens wie etwa Shanghai, Rio de Janeiro oder Mexico City werden solche Zahlen noch weit übertroffen. Für große Mengen von Haushaltsabfällen findet sich allerdings kein Platz in den Ländern, in denen sie entstanden sind, ebensowenig wie es bislang für Müll aus Atomkraftwerken zuverlässige Lösungen zum Endverbleib gibt.  Aber auch die politische Ökonomie hat noch keinen rechten Platz für den Müll gefunden. Ihre Themen kreisen um Produktionskräfte und Produktionsverhältnisse, um Verteilung und Reproduktion, um Kreisläufe und Krisen sowie um die Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise. So erwähnte Marx im 3. Band des Kapital die “Exkremente der Produktion” gleichfalls eher beiläufig, indem er sie – der industriellen Praxis seiner Zeit entsprechend – als Rohstoffe für andere Zweige anführte (etwa Eisenspäne, die bei der Maschinenproduktion anfallen und wieder in die Eisenproduktion eingehen), während er die “Exkremente der Konsumtion” als Dünger in der Landwirtschaft  verwertet sah. Tatsächlich war das 19. Jahrhundert von Kulturen der Sparsamkeit und der Wiederverwertung geprägt. Nicht nur für die ländliche Bevölkerung, auch für den Großteil der Städter war es selbstverständlich, dass man kaputte Werkzeuge und Maschinen reparierte, Reste von Mahlzeiten zu neuen Gerichten verkochte, Stoffe wendete und Kleidungsstücke umnähte. Daneben führten Bergbau und neue Großindustrien zu Abraumhalden und stinkenden Flüssen, aber diese Schäden wurden von vielen als notwendiger Preis des Fortschritts gesehen.
Im 20. Jahrhundert konnte man sich einen derart nachlässigen Umgang mit dem Müll nicht mehr leisten. Die wachsende Urbanisierung und anhaltende Phasen des Wohl­stands für breite Schichten der Bevölkerung gingen in vielen Ländern mit neuen Produkt- und Vermarktungsstrategien der Unternehmen einher sowie mit einer Konsumkultur der geplanten und ungeplanten Verschwendung, wie sie sich in der Verkürzung von Modezyklen bei Bekleidung oder im Deutschland der 1960er Jahre in der Parole “Ex und hopp” äußerte, mit dem die Brauereiindustrie den Biertrinkern die Einwegflasche nahebringen wollte. Seit einigen Jahrzehnten werden die Müllberge als Umweltproblem diskutiert, für das zunächst nach technischen Lösungen wie Mülltrennung und Recycling gesucht wurde. Darüber hinaus nahmen selbst Massenmedien vermehrt Kritikpunkte von Menschenrechts- und Umweltgruppen auf, die vielfältige Missstände offen gelegt hatten: wie Lebensmittel in hochentwickelten Ländern massenhaft vergeudet werden, wie Altkleidersammlungen zum Ruin afrikanischer Bekleidungshersteller beitragen, wie Elektroschrott falsch deklariert in Ländern landet, in denen Kinder und Jugendliche ausgediente Handys oder Computer mit bloßen Händen zerschlagen und sich dabei vergiften. Auch das Phänomen der geplanten Obsoleszenz wird schon seit langem skandalisiert: wie Firmen das Produktdesign so anlegen, dass bestimmte Teile vorzeitig verschleißen, dabei nicht austauschbar sind und Reparaturen somit unmöglich machen (etwa bei Waschmaschinen, Handys oder Tintenstrahldruckern).  Den meisten dieser aufklärenden Dokumentationen mangelt es bisher allerdings an einer Einbettung  in größere theoretische Zusammenhänge. Hier sollte das geplante Heft ansetzen und Anschlüsse zu aktuellen Debatten der politischen Ökonomie herstellen. Mögliche Schwerpunkte könnten sein:

  • Im Rahmen von Globalisierungstheorien sollte es nicht nur um die Untersuchung der internationalen Arbeitsteilung bei der Produktion gehen, sondern ebenso um die Verteilung von Abfällen und Müll aller Art durch den internationalen Müll-handel, der Haushaltsabfälle ebenso wie Giftstoffe und Atommüll umfasst.  Welche Bedeutung kommt dabei der organisierten Kriminalität in der Müllbeseitigung zu?
  • Die Frage nach den Trägern von Entsorgungsaufgaben vor dem Hintergrund der Diskussionen zu Privatisierung und Vergemeinschaftung: Welche Bereiche waren und sind für das Kapital profitabel, welche wurden bereitwillig an den Staat oder gemeinnützige Organisationen abgestoßen, und welche Interessen stecken jeweils dahinter?
  • Inwieweit verändert die ökologische Krise dominante Formen der Entsorgung von Abfällen und Müll? Welche zukünftigen Strategien für den Umgang mit Müll Abfällen und Müll werden von herrschender Seite vor dem Hintergrund zunehmender Ressourcenknappheit diskutiert? Welche geopolitischen Implikationen haben diese Strategien?
  • Das Verhältnis von Staat und Kapital, wie es sich in Regelungen auf verschiedenen politischen Ebenen niederschlägt, mit denen Kosten und Risiken der Ent­sorgung auf die Allgemeinheit oder auf bestimmte Gruppen der Bevölkerung abgewälzt werden – aber auch gegenläufige Entwicklungen, die durch öffentlichen Druck entstanden sind.
  • Wie sind verschiedene Modelle der Abfallwirtschaft  innerhalb der critical urban theory zu diskutieren? Inwieweit wird der Ansatz des Right to the City durch soziale Bewegungen und Initiativen für neue Formen des Arbeitens, Konsumierens und der Müllvermeidung verwirklicht? Welche Rolle spielen Müll und Abfall in den Debatten der Politischen Ökologie, inwieweit kritisieren oder erweitern sie herkömmliche Herangehensweisen an das Thema?
  • “Made to break” – Stellt die künstliche Obsoleszenz ein Massenphänomen dar und inwieweit ist sie mit Marktstrukturen bzw. mit bestimmten alten und neuen Geschäftsstrategien zu  erklären? Wie sind alternative Modelle wie modulare Smartphones einzuschätzen, die sich aus verschiedenen, separat ersetzbaren Einzelbausteinen zusammensetzen?
  • Wer arbeitet im Müllsektor und unter welchen Bedingungen? Welche Rolle spielen formelle und informelle Arbeit, wer erzielt dabei ein relativ sicheres Einkommen oder auch nur einen Hungerlohn und wie hängt das mit den allgemeinen Strukturen der jeweiligen Arbeitsmärkte zusammen?
  • Welche gesellschaftlichen und technologischen Perspektiven zeichnen sich für Müllvermeidung und Recycling ab?

 

Die Redaktion lädt zur Einsendung von Exposés von 1-2 Seiten bis zum 20. Februar 2014 ein. Die fertigen Artikel sollen bis zum 10. Juni 2014 vorliegen und einen Umfang von 48.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen, Fußnoten und Literaturverzeichnis) nicht überschreiten.

Zusendung bitte als word- oder RTF-Datei an

redaktion@prokla.de und an
schmidt@prokla.de (Dorothea Schmidt)