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Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft

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Call for Papers 181: Geopolitische Konflikte nach der „neuen Weltordnung“

Die Redaktion am 20. Februar 2015

Call for Papers PROKLA 181
Geopolitische Konflikte nach der „neuen Weltordnung“
(Heft 4, Dezember 2015)

Nur ein knappes Vierteljahrhundert nach ihrer Ausrufung durch George H.W. Bush befindet sich die „neue Weltordnung“ in Auflösung. Der Konflikt in der Ukraine, die (Bürger-)Kriege im Nahen Osten und der Aufstieg des IS, die Weltwirtschaftskrise und die durch sie beschleunigten Verschiebungen zugunsten der BRICS-Staaten, die Krise in der EU, die Konflikte um natürliche Ressourcen und die ökologischen Krisenphänomene wie der Klimawandel haben die Vorstellung einer friedlichen globalen Entwicklung unter kapitalistischen Vorzeichen und unter US-amerikanischer Führung gründlich desavouiert. Die Klassenkämpfe, die sich im Zuge der Weltwirtschaftskrise verschärft haben, überlagern sich mit Territorialkonflikten, wie etwa in Ostasien, in der Ukraine oder im arabischen Raum besonders deutlich wird. Gleichzeitig werden Projekte wie das Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) und das internationale Dienstleistungsabkommen TISA vorangetrieben. Es verstärken sich mithin sowohl Tendenzen der ökonomischen und politischen Vereinheitlichung des kapitalistischen Weltsystems als auch Tendenzen seiner zunehmenden Fragmentierung.

Davon bleiben auch die wissenschaftlichen Beschreibungen der „neuen Weltordnung“ nicht unberührt. Konzepte wie Global Governance oder Multilateralismus waren von Beginn an eher normativ überfrachtet als analytisch gesättigt. Aber auch Begriffe wie Empire (Michael Hardt/Antonio Negri), American Empire (Leo Panitch/Sam Gindin) oder neuer Imperialismus (David Harvey), die noch bis vor Kurzem zum Standardrepertoire der kritischen Globalisierungsdiskussion gehörten, bedürfen heute der Überprüfung, sind sie doch nicht ohne Weiteres in der Lage, (widersprüchliche) Phänomene wie die Verschiebungen im Verhältnis zwischen den USA und China, die Unfähigkeit der USA, Konflikte zu befrieden, oder das internationale Management der Finanzkrise zu erklären.

Welche Art der Weltordnung sich gegenwärtig herausbildet, was also nach der „neuen Weltordnung“ kommt, ist auch in der marxistischen Diskussion keineswegs unumstritten. Im Anschluss an die klassische und die neuere Imperialismus-Diskussion sind verschiedene Entwicklungen denkbar. Einerseits könnte das gemeinsame Interesse der herrschenden Klassen an der Sicherung der kapitalistischen Produktionsbedingungen und an der Ausbeutung der Arbeitskraft gegenüber ihren internen Konflikten überwiegen. Dies könnte darin Ausdruck finden, dass internationale Integrationsprozesse weiter voranschreiten und internationale Regimes und Organisationen ein immer stärkeres Gewicht bekommen. Andererseits könnten sich in einer multipolaren Weltordnung imperialistische Rivalitäten entsprechend den Prognosen der klassischen Imperialismustheorie wieder verschärfen und zu vermehrten Konflikten entlang ganz verschiedener Achsen führen: zwischenstaatlich, religiös, ressourcenorientiert, ökologisch.

Denkbar ist auch, dass einer Zone reicher bzw. aufstrebender Länder mit rigider Ordnung und stark bewehrten Grenzen eine Zone mit relativ chaotischen Zuständen gegenübersteht, die aus der Ferne militärisch-geheimdienstlich überwacht und gelenkt wird. Offen ist ferner, welche Konfliktachsen dabei in den Vordergrund treten und welche Bündnisse sich herausbilden würden. Auch die Entwicklungsperspektiven der BRICS-Staaten sind keineswegs klar: Galten Staaten wie Indien oder Brasilien noch vor kurzer Zeit als erfolgreich, gibt es in jüngster Zeit Anzeichen dafür, dass diese Länder einer Krise zutreiben. Russland, vor wenigen Jahren eine führende Großmacht, wird heute als ein Schwellenland betrachtet, dessen Politik bemüht ist, eine neue Einflusssphäre zu schaffen. Von großer Bedeutung sind schließlich der Zugriff auf Ressourcen unter den Ozeanen und an den Polen sowie neue Methoden der Förderung fossiler Brennstoffe wie das fracking, das vor allem in den USA einen Boom erlebt und zu Verschiebungen auf den Rohstoffmärkten führt. Ebenso finden neue Arten der Auseinandersetzungen im Internet und im Weltraum statt.

Wir begrüßen Artikel, die sich mit diesen Fragen beschäftigen, sich dabei kritisch mit früheren theoretischen Beiträgen – von den klassischen Imperialismustheorien über die Weltsystemtheorie, die Weltmarktdebatte der 1970er und frühen 1980er Jahre bis zur Globalisierungsdiskussion der 1990er Jahre und zur neuen Imperialismusdiskussion der 2000er Jahre – auseinandersetzen und die verschiedenen Aspekte der Thematik – von der Außenwirtschaftspolitik über die Umweltpolitik bis zur Militärpolitik – empirisch analysieren.

  • Wie sind die Konflikte in der Ukraine, im arabischen Raum, in Südost- und Ostasien, um Meeresböden, die Arktis oder den Weltraum zu begreifen? Welche Kräftekonstellationen im Inneren der beteiligten Staaten liegen ihnen jeweils zugrunde?
  • Wird das Weltsystem zunehmend durch eine Kooperation zwischen den USA und China geprägt („Chimerika“), während die EU tendenziell marginalisiert wird? Gelingt es den USA, auch China in ihr Empire einzugliedern? Oder schließen sich die alten imperialistischen Mächte entlang der atlantischen Achse gegen ihre neuen Herausforderer zusammen? Bilden sich auf der eurasischen Landmasse oder zwischen den BRICS-Staaten neue Bündnisse heraus, die mit den USA in Konflikt geraten?
  • Welche Folgen werden solche Entwicklungen für Regionen in Afrika, Lateinamerika oder Asien haben?
  • Welche geopolitische Bedeutung haben die Vereinbarungen der BRICS-Staaten, die Shanghai-Organisation, die Verhandlungen im Bereich der Klimapolitik, Pipeline-Projekte oder Abkommen über Währungsswaps?
  • Welche Bedeutung kommt der EU in den globalen Machtkämpfen zu (bleibt Europa der subalterne Juniorpartner der USA?) – und welche ihren Mitgliedsstaaten, allen voran Deutschland? Wie entwickelt sich das Verhältnis zwischen der NATO und der ESVP?
  • Wie sind die Verhandlungen über TTIP und andere Freihandels- und Investitionsschutzabkommen einzuordnen?
  • Inwieweit verschärfen sich öko-imperiale Konflikte um Ressourcen und Senken? Welche Formen der Bearbeitung solcher Konflikte (bilateral, multilateral, rechtlich, gewaltförmig) bilden sich heraus?

Die Redaktion lädt zur Einsendung von Exposés von 1-2 Seiten bis zum 1. Mai ein. Die fertigen Artikel sollen bis zum 15. September vorliegen und einen Umfang von 45.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen, Fußnoten und Literaturverzeichnis) nicht überschreiten. Zusendung bitte als word-, RTF- oder ODT-Datei mit Angabe des Autor_innennamens an:

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