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Call for Papers 184: Die Neuordnung der Energieversorgung: Kräfteverhältnisse, Konflikte und Perspektiven

Die Redaktion am 30. September 2015

Call for Papers PROKLA 184
Die Neuordnung der Energieversorgung: Kräfteverhältnisse, Konflikte und Perspektiven
(Heft 3, September 2016)

Das auf der Verbrennung der fossilen Energieträger Öl, Kohle und Gas beruhende Energiesystem befindet sich in einer Krise. Die Förderung konventionellen Öls hat ihren Peak entweder bereits überschritten oder wird dies in nächster Zeit tun. Nicht-konventionelle Ölvorkommen werden selbst von den Befürwortern ihrer Ausbeutung allenfalls als Zwischenlösung auf dem Weg zu einem anderen Energiesystem angesehen. Von den Kohle-Vorräten wird angenommen, dass sie noch für längere Zeit reichen. Mehr noch als die Verbrennung von Öl wird die der Kohle aber aus klima-, in Ländern wie China auch aus gesundheitspolitischen Gründen zunehmend kritisiert. Am Abbau und an der energetischen Nutzung der besonders klimaschädlichen Braunkohle entzündet sich derzeit in einigen Ländern eine Protestbewegung, die sich auf lokale Anti-Kohle-Initiativen ebenso wie auf zentrale Veranstaltungen in Gestalt von Protest-Camps stützt. Erdgas ist zwar im Vergleich zu Öl und Kohle weniger umweltschädlich, aber auch seine Förderung hat in den meisten Ländern bereits ihren Höhepunkt überschritten. Dazu kommt, dass die Gasversorgung von den jüngsten geopolitischen Spannungen zwischen Russland – dem Land mit den weltweit größten Erdgasreserven und -ressourcen – und der EU bzw. der NATO überlagert wird.

Außer der (absehbaren) Erschöpfung der Ressourcen und der Überlastung der Senken – also jener Ökosysteme, die die Emissionen aus der Verbrennung fossiler Energieträger absorbieren und damit eine wichtige klimatische Regulierungsfunktion ausüben – ist das fossilistische Energiesystem auch von Seiten der erneuerbaren Energien unter Druck geraten. Deren Nutzung befindet sich weltweit im Aufschwung. In Deutschland hat sich ihr Anteil am gesamten Endenergieverbrauch zwischen 2000 und 2013 auf 12,4 Prozent verdreifacht; was den Strom angeht, so wird mittlerweile mehr als ein Viertel des Bedarfs von erneuerbaren Energien gedeckt. Großkonzerne wie RWE oder Eon, die über Jahrzehnte hinweg mit der Energieversorgung aus fossilen und atomaren Quellen viel Geld verdient haben, befinden sich in einer Existenzkrise, der sie mit einem grundlegenden Umbau ihrer Unternehmensstrukturen zu begegnen versuchen.

Der Übergang von einem fossilistischen zu einem auf erneuerbaren Energieträgern beruhenden System, dessen Möglichkeit sich in diesen Entwicklungen andeutet, ist jedoch keineswegs konfliktfrei geschweige denn ausgemacht. In Deutschland wurde die Dynamik des dezentralen Ausbaus der Stromerzeugung mittels Solar- und Windkraft durch die Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Jahr 2014 gebremst. Profiteure der Novelle sind eben jene Großkonzerne der Energieversorgung, die mit der Krise des Fossilismus selbst in eine existenzbedrohende Lage geraten sind. Ihnen soll etwa durch die Förderung zentraler Großstrukturen der Stromerzeugung – vor allem in Gestalt von Offshore-Windparks, die für die bisherigen Protagonisten der Energiewende (Haushalte, Genossenschaften, Stadtwerke) nicht finanzierbar sind – das Aufspringen auf einen Zug ermöglicht werden, dessen Abfahrt vor über einem Jahrzehnt sie verpasst oder sogar zu verhindern versucht haben.

Der Konflikt um die räumliche Gestalt einer Energieversorgung auf Grundlage erneuerbarer Energieträger, bei dem es letztlich darum geht, ob die Kontrolle über eine wichtige gesellschaftliche Infrastruktur wie bisher von einem Konglomerat großer Konzerne ausgeübt oder aber kapitalistischen Verwertungsinteressen entzogen und demokratisiert wird, ist nur einer von vielen Konflikten, die in der Krise des fossilistischen Energiesystems ausgetragen werden. In anderen Auseinandersetzungen, etwa jenen um die europäische Klima- und Energiepolitik, steht die prioritäre Förderung der erneuerbaren Energien und damit die Systemtransformation selbst zur Disposition. So setzt das 2014 beschlossene Klima- und Energiepaket der EU viel stärker als sein Vorgänger aus dem Jahr 2007 auf „Technologieneutralität“ bei der Bekämpfung des Klimawandels: Ob die – in ihrer Höhe selbst strittigen – europäischen Ziele zur Reduktion von Treibhausgasemissionen mittels des Ausbaus von erneuerbaren Energien erreicht werden oder über eine Renaissance der Atomkraft und durch neue, dank der Carbon-Capture-and-Storage-Technologie „CO2-arme“ Kohlekraftwerke, sollen die EU-Mitglieder selbst entscheiden dürfen. Dieser Kurswechsel der europäischen Energiepolitik ist der Tatsache geschuldet, dass es Staaten wie Polen, deren interne Kräfteverhältnisse stark von fossilistischen Akteuren dominiert werden, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise gelingt, ihre Interessen zunehmend erfolgreich zu artikulieren.

Wird also der Übergang von einem System der fossilen zu einem der (dezentral zu erzeugenden) erneuerbaren Energien auf dem Stromsektor gerade bekämpft, so erlebt der Wärmesektor in Teilen der Welt, wie z.B. den USA, derzeit einen Boom der nicht-konventionellen Öl- und Gasförderung. Durch die gegen Russland gerichtete intensivierte Kooperation zwischen den USA und europäischen Staaten auf dem Gassektor (Export von US-amerikanischem Flüssiggas nach Europa) erhält dieser Boom zusätzlich eine geopolitische Dimension. Im Verkehrssektor hat die Energiewende noch nicht einmal begonnen. Die private fossilistische Automobilität ist ungeachtet des Klimawandels und der zu erwartenden Ressourcenverknappung nach wie vor das dominante Muster der Fortbewegung. In den Mittel- und Oberklassen aufstrebender Länder wie China breitet sie sich gerade mit Macht aus. In Deutschland verzeichnen besonders Ressourcen- und Emissions-intensive Fahrzeuge, wie die „Sport Utility Vehicle“ (SUV) genannten Kompaktpanzer, derzeit unter allen neu zugelassenen PKW die höchsten Zuwachsraten.

Im Vergleich zur Energiewende auf dem Stromsektor hat eine „Mobilitätswende“ deutlich weiterreichende Implikationen für die Lebensweise. Sie erfordert eine Transformation des beruflichen Alltags, der Freizeit- und Urlaubsgestaltung sowie der Stadtentwicklung. Wenn das Auto seine Zentralität verliert, hat das Auswirkungen auf symbolische Orientierungen (Vorstellung von Freiheit und Männlichkeit) sowie auf Klassen- und Geschlechterverhältnisse (Konversion einer männlich geprägten Branche wie der Automobilindustrie; Arbeitszeitverkürzung; Überwindung von suburbanen Siedlungsstrukturen, die fossilistische Formen der Fortbewegung ebenso perpetuieren wie asymmetrische Geschlechterverhältnisse). Nicht zufällig beschränken sich bisherige verkehrspolitische Ansätze auf eine ökologische Modernisierung der fossilen Automobilität mittels des Elektromotors und der Beimischung von Agrartreibstoffen. Während die Politik der Elektroautomobilität ihren selbst gesetzten Zielen aber weit hinterher hinkt, bricht sich die Ausweitung der Agrartreibstoffproduktion am zunehmenden Widerstand in den Ländern des globalen Südens.

Im PROKLA-Schwerpunkt „Die Neuordnung der Energieversorgung: Kräfteverhältnisse, Konflikte und Perspektiven“ sollen diese Dynamiken genauer analysiert werden. Welche energiepolitischen Entwicklungslinien zeichnen sich derzeit ab? Von welchen innergesellschaftlichen und internationalen Kräftekonstellationen werden sie getragen? An welchen Widersprüchen und Konflikten brechen sie sich? Wie sind die Erfolgsbedingungen von Initiativen und sozialen Bewegungen einzuschätzen, die für eine Transformation von Lebensweisen und eine Demokratisierung der Energieversorgung auf der Basis erneuerbarer Energieträger kämpfen? – so lauten die Leitfragen, denen in dem Schwerpunktheft nachgegangen werden soll. Erwünscht sind Beiträge unter anderem zu folgenden Themen:

  • die Krise und Restrukturierung der großen Energieversorgungsmonopole,
  • das Verhältnis zwischen Unternehmen der Energiewirtschaft und dem Staat, Subventionspolitiken und Technologieförderung im Bereich der fossilen, atomaren und erneuerbaren Energien,
  • die mögliche Renaissance der Atomkraft und der Kohle sowie die sie tragenden Kräftekonstellationen,
  • Akteure und Kräfteverhältnisse im Bereich der erneuerbaren Energien (zwischen grünem Kapitalismus und sozial-ökologischer Transformation)
  • das Spannungsfeld von Klimapolitik und der Förderung nicht-konventioneller fossiler Energieträger in den USA,
  • der geplante Energie-Binnenmarkt der EU und seine Implikationen für eine Transformation bzw. Perpetuierung des vorherrschenden Energiesystems,
  • der energiepolitische Gehalt der jüngsten geopolitischen Spannungen zwischen Russland einerseits und der EU sowie der NATO andererseits,
  • das Spannungsverhältnis zwischen der physischen und ökonomischen Materialität von Infrastruktursystemen (wie den Pipeline-Projekten von Russland nach Westeuropa) einerseits und geopolitischen Verschiebungen andererseits,
  • die Persistenz und Ausbreitung fossilistischer Mobilitätsmuster,
  • das Verhältnis von Energiesystem, Geschlechterverhältnissen und Produktionsweise: die (Un-)Möglichkeit eines post-fossilen Kapitalismus; die erneuerbaren Energien als Moment und Voraussetzung einer nachkapitalistischen Gesellschaftsformation, die klassen- und geschlechterpolitischen Implikationen fossilistischer und nicht-fossilistischer Formen der Produktion, der Fortbewegung, des Wohnens, der Ernährung,
  • soziale Bewegungen gegen die Ausbeutung fossiler Ressourcen, ihre Hintergründe, Perspektiven und Ziele,
  • Tendenzen hin zu einer Dezentralisierung der Energieversorgung und deren Widersprüche,
  • die sozial-ökologische Transformation von Lebensweisen: ihre Ansatzpunkte, ihre Verallgemeinerungsfähigkeit, ihre Verankerung in sozialen Bewegungen, ihr geschlechter- und klassenpolitischer Gehalt,
  • Konflikte um Energiedemokratie und Energiegerechtigkeit.

Die Redaktion lädt zur Einsendung von Exposés von 1-2 Seiten bis zum 1. Februar 2016 ein. Die fertigen Artikel sollen bis zum 1. Juni 2016 vorliegen und einen Umfang von 45.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen, Fußnoten und Literaturverzeichnis) nicht überschreiten. Zusendung bitte als word-, RTF- oder ODT-Datei mit Angabe des Autor_innennamens an:

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