PROKLA

Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft

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Call for Papers 185: Ausnahmezustand – Barbarei oder Sozialismus?

admin am 18. Mai 2016

Call for Papers PROKLA 185
Ausnahmezustand – Barbarei oder Sozialismus?
(Heft 4, Dezember 2016)

Die gegenwärtige Situation ist schwer zu fassen. Betrachtet man die Entwicklungen seit dem Ausbruch der jüngsten globalen Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2007, so erinnert vieles an die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre: Auf die ökonomische Krise folgte eine politische Krise in vielen Ländern. Dabei verläuft die Entwicklung der politischen Krise im Vergleich zu den 1930er Jahren jedoch einerseits viel langsamer, was darauf verweist, dass auch die Herrschenden aus früheren Krisen gelernt haben und dass der globale Kapitalismus heute in viel stärkerem Maße als vor dem Zweiten Weltkrieg über ökonomische, politische und ideologische Stabilisatoren verfügt. Andererseits sind viele politische Entwicklungen weniger eindeutig und die Ereignisse und Probleme, die die öffentliche Diskussion beherrschen, lösen sich in immer schnellerem Rhythmus ab. Die kritische Analyse kommt ins Hintertreffen, sie hinkt der Verschiebung der Herausforderungen und Prioritäten hinterher: Weltwirtschafts- und Finanzkrise, wachsende (globale) Ungleichheit, der sogenannte Arabische Frühling und die Occupy-Bewegung (und deren Niedergang), Staatenzerfall, geopolitische Konflikte und Kriege in Libyen, der Ukraine, Syrien, zwischen den Großmächten und Regionalmächten (und Verbündeten), Fluchtbewegungen in historischem Ausmaß, Entdemokratisierung, rechte und faschistische Mobilisierungen in allen westlichen Industriestaaten, Backlash und Anti-Genderismus, religiöser Fundamentalismus, nahezu unumkehrbarer Klimawandel und nachhaltige Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen etc. pp.

Wir befinden uns an einem Punkt, an dem die Bemühung, den Entwicklungen und ihren Ursachen nachzuspüren und Zusammenhänge zu erschließen, atemlos macht – und irgendwie vergeblich wirkt. Dieser „Ausnahmezustand“ bedarf selbst einer kritischen Analyse. Dabei ist mit „Ausnahmezustand“ nicht einfach eine Herrschaftspraxis jenseits rechtsstaatlicher Prinzipien gemeint, die es zunehmend auch gibt, sondern die zeitdiagnostische Feststellung: die Welt scheint aus den Fugen.

Im PROKLA-Schwerpunkt „Ausnahmezustand – Barbarei oder Sozialismus?“ sollen die Dynamiken und Zusammenhänge genauer analysiert werden. Welche Entwicklungslinien zeichnen sich derzeit ab? Von welchen innergesellschaftlichen und internationalen Kräftekonstellationen werden sie getragen? Welche Widersprüche und Konflikte liegen ihnen zugrunde? Und stehen die vielen beunruhigenden Ereignisse, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, nicht vielmehr doch in einem (welt-)politischen Zusammenhang, den eine Analyse herausstellen müsste? – so lauten die Leitfragen, denen in dem Schwerpunktheft nachgegangen werden soll.

Erwünscht sind Beiträge unter anderem zu folgenden Themen:

  • Sind wir tatsächlich mit einer „Chaotisierung“ gesellschaftlicher Verhältnisse konfrontiert? Oder sind nicht vielmehr Muster im Chaos zu erkennen? Wie sehen diese aus?
  • Inwieweit beruht die kapitalistische Herrschaft heute noch auf Hegemonie, d.h. auf ethisch-politischer Führung und materieller Kompromissbildung innerhalb der verschiedenen Machtblöcke und zwischen ihnen sowie im Verhältnis der herrschenden zu den beherrschten Klassen? Wenn man noch von Hegemonie sprechen kann: Wird sie im Wesentlichen auf nationalstaatlicher Ebene hergestellt oder international?
  • Hat das neoliberale Regieren mittels der Produktion von Unsicherheit einen Punkt erreicht, an dem sich dessen Wirkungen gegen die Herrschenden selbst kehren, sodass die Verhältnisse ihrer Kontrolle entgleiten?
  • Wenn wir es trotz der großen Krise bisher mit einer Kontinuität des Neoliberalismus zu tun haben: Welches Verhältnis besteht zwischen den verschiedenen nationalen Varianten des Neoliberalismus im Zusammenhang des Weltsystems? Wie hat sich diese Artikulation in den letzten Jahren verschoben? Wie lässt sich ein weltsystemtheoretischer Ansatz vor diesem Hintergrund mit hegemonietheoretischen Fragestellungen verknüpfen?
  • Welche Zusammenhänge lassen sich etwa zwischen den Bürgerkriegen in der Ukraine oder in Syrien und den geopolitischen Konflikten zwischen den USA, der EU, Russland und China analysieren? Welches Verhältnis besteht zwischen aufstrebenden Mittelmächten wie Türkei, Iran und Saudi-Arabien einerseits und den imperialistischen Mächten der kapitalistischen Zentren andererseits? Welches Verhältnis besteht zwischen dem Staatenzerfall im arabischen Raum und der deutschen Flüchtlingspolitik? Welche weiteren Zusammenhänge zwischen vermeintlich unabhängigen Konflikten sind derzeit relevant?
  • Auf welche Herausforderungen reagiert die zunehmend autoritär auftretende Staatsgewalt?
  • Inwieweit haben wir es mit einer politischen Rechtsverschiebung oder/und mit einer Polarisierung gesellschaftlicher Verhältnisse zu tun? Warum stoßen linke Politiker wie Bernie Sanders in den USA oder Jeremy Corbyn in Großbritannien auf so viel Aufmerksamkeit? Welche gesellschaftlichen Prozesse begünstigen sie?
  • Kann es ein rechtes europäisches Projekt geben oder läuft es unweigerlich auf eine Re-Nationalisierung und den Zerfall der EU hinaus?
  • Können herkömmliche Begriffe – von „autoritärer (Wettbewerbs-)Etatismus“ über „Doppelstaat“, „Bonapartismus“, „Postdemokratie“, „Parteiendiktatur“ bis „Faschisierung“ – analytisch noch fassen, was derzeit in verschiedenen Ländern passiert?
  • Welche gesellschaftlichen Konfliktfelder sind in den letzten Jahren entstanden? Und warum gerade diese? Warum macht die Rechte die Medien („Lügenpresse“) oder die Justiz zum Gegenstand ihrer Hetze (etwa in den USA, der Türkei, in Ungarn, Italien)? Wie sind die Konflikte strukturiert, welche Formen nehmen sie an? In welcher Hinsicht ähneln sie sich länderübergreifend? Wie hängen sie mit den grundlegenden strukturellen Herrschaftsverhältnissen und Konflikten der kapitalistischen Gesellschaften, mit den Klassen- und Geschlechterverhältnissen oder dem Rassismus zusammen?
  • Die gegenwärtige parlamentarische Demokratie wird von rechts und links kritisiert, aber ist die demokratische Frage auch für diejenigen zentral, die sich selbst nicht mehr als „handlungsfähig“ begreifen, die weder wählen, noch auf die Straße gehen? Rechte und linke organisierte Kräfte machen Politik, aber inwieweit entsprechen ihnen gesellschaftliche Kräfte, inwieweit haben sie ein organisches Verhältnis zu bestimmten sozialen Gruppen? Was wissen wir über die Sozialstruktur der jeweiligen ‚dissidenten‘ Bewegungen, sowohl der reaktionären wie der progressiven?
  • Inwieweit ist die gegenwärtige rechte Mobilisierung gegen Flüchtlinge Ausdruck einer ideologischen Problemverschiebung, inwieweit werden hier rassistisch verschoben Probleme der Subalternen mit der neoliberalen Arbeitsmarkt-, Wohnungs- und Finanzpolitik artikuliert? Inwieweit stehen andererseits die Willkommensbewegungen, die Proteste gegen Pegida oder gegen TTIP für eine umfassendere Ablehnung der herrschenden Politik, inwieweit artikuliert sich in ihnen ein antineoliberales oder antikapitalistisches Potenzial?
  • Was ist der ökologische Gehalt der weltweit zunehmenden Konflikte und Kriege? Inwieweit lassen sich diese auch als Erscheinungsform einer verschärften Konkurrenz um Ressourcen und Senken interpretieren?
  • Inwieweit konvergieren die weltweit zunehmenden Kämpfe gegen herrschaftsförmige Aneignungen von Natur in einem Projekt radikaldemokratischer Transformation, d.h. in dem Bemühen, die Kontrolle über natürliche Ressourcen und Senken zu demokratisieren und diese Demokratisierung als Medium des Abbaus sozialer Herrschaft zu begreifen?
  • Was hat es mit der Debatte über das Ende des Kapitalismus auf sich, das von Immanuel Wallerstein über Wolfgang Streeck und Jeremy Rifkin bis Paul Mason thematisiert wird? Gibt es tatsächlich langfristige Entwicklungstendenzen, die darauf verweisen, dass der Kapitalismus seine „besten Zeiten hinter sich“ (Robert Misik) hat?

Die Redaktion lädt zur Einsendung von Exposés von 1-2 Seiten bis zum 15. Juni ein. Die fertigen Artikel sollen bis zum 15. September vorliegen und einen Umfang von 45.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen, Fußnoten und Literaturverzeichnis) nicht überschreiten. Zusendung bitte als word-, RTF- oder ODT-Datei mit Angabe des Autor_innennamens an: redaktion@prokla.de.