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Call for Papers PROKLA 186: Die Materialität und politische Ökonomie des Internets

admin am 13. Juli 2016

Call for Papers PROKLA 186
Die Materialität und politische Ökonomie des Internets
(Heft 1, März 2017)

Das Internet hatte lange Zeit den Ruf, ein dezentraler, hierarchiefreier und demokratischer Raum zu sein. Spätestens mit den Enthüllungen durch den ehemaligen NSA-Mitarbeiter Edward Snowden wurde jedoch deutlich, dass die materielle und technologische Infrastruktur des Internets alles andere als das ist. Es gibt riesige und nur wenige Internet-Knotenpunkte, die die gesamten transatlantischen Datenströme konzentrieren. Zudem ist die Ökonomie des Internets sehr stark von Oligopolen geprägt, ein neues – und das leistungsstärkste – Transatlantikkabel werden in naher Zukunft Facebook und Microsoft realisieren.

Während in letzter Zeit viel über Datensicherheit und -schutz sowie über Kontrolle von geheimdienstlichen Aktivitäten diskutiert wurde, bleibt die „politische Ökonomie“ und die „Materialität“ des Internets meist außerhalb kritischer Analyse. Es wird zwar viel darüber geredet, wie das Internet die Arbeitswelt verändern könnte („Industrie 4.0“), aber weniger darüber, wie das, was das Internet materiell und „immateriell“ ausmacht, selbst eine Anlagesphäre von Kapital (von Google und Facebook über Technologieanbieter von Cisco bis Intel) sowie ein politisch und ökonomisch umkämpftes Terrain ist. Das Internet hat seinen historischen Ursprung im Militärischen und in der Hochschule. Es kann also bezweifelt werden, dass allein eine „gute Idee“ pervertiert wurde, vielmehr waren Machtverhältnisse und strategische Interessen seit Beginn in die „neue“ Technik eingeschrieben. Das Internet ist zudem hoch politisch: Die Vergabe von IP-Adressen und die Koordination des Domain Name Systems (DNS) und der dafür nötigen Root-Nameserver-Infrastruktur ist abhängig vom US-Wirtschaftsministerium. Hinter den www-Adress-Zeilen, die tagtäglich in Browserfenster eingegeben werden, verbirgt sich also ein kaum bekanntes, aber hart umkämpftes politisch-ökonomisches Feld.

Räumlich ist das Internet vor allem ein „westliches“ Phänomen. Große Teile der Welt sind kaum „vernetzt“. Und auch dort, wo das Internet aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken ist, scheint sich aufgrund der Überwachungspraxis eine „Nationalisierung“ des Netzes anzubahnen, und das nicht nur in China. Mit „E-Mail made in Germany“ versucht ein Zusammenschluss von E-Mail-Anbietern ein „nationales Netz“ zu etablieren, was einem der Grundprinzipien des Internets widerspricht: Daten suchen sich den schnellsten Weg; auch Brasilien strebt an, sich von der US-amerikanischen Dominanz zu lösen. Das Internet ist also wie der geographische Raum von topographischen Verbindungen, Grenzen und Zentren und einer Peripherie geprägt. Der Idee nach ist das Internet zudem gegenüber Daten, Inhalten, AbsenderInnen oder EmpfängerInnen neutral (Netzneutralität). Die großen deutschen Internetanbieter versuchen schon lange, die „Netzneutralität“ zu kippen. Ende Oktober 2015 stimmte das Europaparlament der EU-Verordnung über Maßnahmen zum Zugang zum Internet zu und lehnte alle Änderungsvorschläge ab. Es ist ein Verkehrsmanagement vorgesehen, inklusive einer Drosselung bestimmter Inhalte – quasi ein Ende des offenen Netzes und der Netzneutralität. Für Unternehmen eröffnet sich so die Möglichkeit, mehr Profit zu machen, etwa mit Premiumangeboten (z.B. schnelleres Netz für Online-Videotheken), nachdem die Versorgung mit schnellem Internet dort abgeschlossen ist, wo es sich gelohnt hat, nämlich in den Städten. Gleichzeitig fordern sie dort staatliche Unterstützung, wo sich Investitionen für sie nicht rentieren – im ländlichen Raum.

Mit dem Internet wird Profit gemacht, und mit Internet-Anwendungen ebenso. Allein in Europa hängen inzwischen etwa eine Million Arbeitsplätze derzeit indirekt an der Entwicklung sogenannter App-Anwendungen für Smartphones und mobile Endgeräte (etwa Tablets). Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass die Hardware bisher immer günstiger wurde, wobei die Erwartung einer weiteren ständigen Verbesserung der Speicher-Kapazitäten („Moore’s Law“) inzwischen an ihre Grenzen zu stoßen scheint. Insider fragen sich daher, welche neuen Wege die Hersteller-Firmen einschlagen werden (müssen): etwa das vermehrte Angebot internetgestützter Betriebssoftware, die in möglichst viele Lebensbereiche Einzug halten soll („Internet der Dinge“), wobei die Hoffnung besteht, dass die Geräte – dank technischer Innovationen – immer schneller ausgetauscht werden. Die Entwicklung bringt jedoch nicht nur ein ökologisches Problem bei Herstellung, Betrieb (Energieverbrauch) und Entsorgung mit sich. Die materielle Grundlage dieser „informationellen Lebensweise“ beruht zudem auf dem permanenten Zugriff auf umkämpfte Ressourcen wie seltene Erden und Metalle sowie auf extrem ausbeuterischen Arbeitsbedingungen. Die Welt des Internets ist also alles andere als immateriell.

Im PROKLA-Schwerpunkt „Die Materialität und politische Ökonomie des Internets“ sollen die politischen und ökonomischen Zusammenhänge und Akteure, die das Internet ausmachen, genauer analysiert werden. Erwünscht sind Beiträge unter anderem zu folgenden Themen:

  • Was macht das Internet als Idee aus, und ergeben sich aus der technischen und materiellen Umsetzung notwendigerweise Effekte, die der Idee widersprechen? Wie ist eine historisch-kritische Geschichte des Internets zu schreiben?
  • Wer sind die zentralen staatlichen wie privaten Akteure, Institutionen und Gremien, die das Internet derzeit ausmachen? Was sind ihre jeweiligen Interessen und welche Widersprüche ergeben sich zwischen ihnen?
  • Wieso wird vom digitalen Raum gesprochen und wie sehen die Materialität, Weite und Begrenzung, die soziale Strukturierung dieser Räumlichkeit aus? Gibt es eine Geopolitik des Internets? Oder eine „virtuelle Diplomatie“?
  • Informatik und Computing (Programmierung) war stark von Frauen geprägt. Während des Zweiten Weltkriegs war die Tätigkeit des Programmierens fast ausschließlich in der Hand von Frauen, das erste Computerprogramm wurde von einer Frau entworfen (Ada Lovelace). Wie wurde in die Materialität von Computer und Internet im Laufe weniger Jahre die männliche Dominanz eingeschrieben?
  • Wie ist vor diesem Hintergrund die feministische Praxis und das Narrativ zu bewerten, dass das Internet dank Cyberfeminismus bis FEM Netting durchaus eine „weibliche“ Technologie ist (vgl. von Donna Haraway bis Sadie Plan) und zudem bis heute feministisch umkämpft ist – in Nutzung, Design und hinsichtlich der Öffentlichkeit?
  • In welchem Maße entstehen mit dem Internet neue Anlagemöglichkeiten für das Kapital und welche neuen Arten der Verwertung gehen damit einher? Wie sehen Geschäftsmodelle und Strategien großer Konzerne aus?
  • Das Internet, dessen hochkomplexe Infrastruktur und die internetgestützten Anwendungen kommen nicht ohne technische Hardware aus – ob im Privatleben oder in Unternehmen. Wie sehen die internationalen Wertschöpfungsketten digitaler Ökonomie aus, wer profitiert wie? In welchem Verhältnis stehen materielle und immaterielle Produktion bzw. macht es überhaupt Sinn diese voneinander zu unterscheiden? Wie sieht die Ökonomie von Datacentern aus, einem „vergessenen“ Ort und eine Schnittstelle von Hardware und Infrastruktur?
  • Nahezu alle, die ein Smartphone besitzen, unterwerfen sich einem digitalen Panoptikum. Aber wie sieht das aus und warum funktioniert es? Inwieweit beruhen die Geschäftsmodelle (etwa von Google und Facebook) darauf?
  • Die Debatte über das Internet dreht sich unter anderem um die Frage, ob es Handlungsspielräume verengt oder umgekehrt ein Mittel ist, größere gesellschaftliche Handlungsfähigkeit, also Emanzipationsperspektiven zu realisieren? Wie ist diese neue Debatte um die (Nicht-)Neutralität von Technik einzuschätzen und wo lassen sich Beispiele für die eine oder die andere Tendenz finden?
  • Was ist aus den netzpolitischen Aktivitäten der zurückliegenden Dekade geworden? Wer sind die Akteure der feministischen und linken Kämpfe um Inhalte und Design des Internets und um was wird gekämpft? Sind Materialität und die politisch-ökonomischen Bedingungen Thema oder bleiben die Kämpfe im liberale-ideologischen Feld der „Netzfreiheit“ verhaftet?
  • Wie verändert sich Öffentlichkeit, Offenheit und Vertraulichkeit im Kontext des Internets? Wie ist die Rolle subalterner Gegenöffentlichkeit (#aufschrei, Arabischer Frühling u.a.) einzuschätzen?
  • Der „informationelle Kapitalismus“ (Castells) ist ohne das Internet nicht vorstellbar. Das hat weitreichende Auswirkungen auf die Eigentumsverhältnisse, die zuletzt Paul Mason und Jeremy Rifkin diskutiert haben. Sind immaterielle Eigentumsverhältnisse im Internet tatsächlich schwieriger durchsetzbar als die in der materiellen Welt? Und welche Chancen ergeben sich für Emanzipationsperspektiven, wie sind die open source- Bewegung oder der „Commonismus“ zu bewerten?

Die Redaktion lädt zur Einsendung von Exposés von 1-2 Seiten bis zum 30. August ein. Die fertigen Artikel bis zum 30. November vorliegen und einen Umfang von 45.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen, Fußnoten und Literaturverzeichnis) nicht überschreiten. Zusendung bitte als word-, oder ODT-Datei an:

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