PROKLA

Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft

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Call for Papers PROKLA 1917:

admin am 4. November 2016

Call for Papers PROKLA
100 Jahre russische Revolution“ (2017)

Wie auch immer die russische Revolution, ihre Ursachen und Folgen beurteilt werden – Einigkeit besteht darin, dass es sich um ein weltgeschichtlich herausragendes, epochales Ereignis handelt. Auch 100 Jahre danach und mehr als 25 Jahre nach dem Untergang der So­wjetunion und des „real existierenden Sozialismus“ in Osteuropa ist die Auseinander-setzung mit der russischen Revolution nicht nur in geschichtspolitischer Hinsicht wichtig. Das Thema „100 Jahre russische Revolution“ umfasst nicht nur das historische Ereignis, sondern die ge­samte Geschichte des „kurzen“ 20. Jahrhunderts und das Verständnis von grund-legenden politischen Kategorien in diesem Kontext: Sozialismus, Kommunismus, Reform, Revolution, Transformation, Geschichte, Staat, Partei oder Demokratie. Die Redaktion der PROKLA plant über das Jahr 2017 verteilt die Veröffentlichung von Beiträgen zum Thema „100 Jahre russische Revolution“, das aus Sicht der Redaktion unter anderem folgende Gesichtspunkte umfasst:

1. Der aktuelle Forschungsstand zur russischen Revolution
War die Oktoberrevolution ein Staatsstreich der Bolschewiki? War sie die notwendige Konse­quenz des Versagens der provisorischen Regierung und der gemäßigten sozialistischen Parteien und Ausdruck der wachsenden Unterstützung der Massen für das bolschewistische Programm angesichts von Hunger und Krieg? Inwieweit wurden die sozialen Verhältnisse in Russland durch die Revolution transformiert? Inwieweit nicht? Wie kam es dazu, dass sich gesellschaftliche Verhältnisse durchsetzten, die im Widerspruch zu den emanzipatorischen Ansprüchen der Revolutionäre standen? War der autoritäre Charakter der nachrevolutio­nären Entwicklung Ergebnis des Revolutionsmodells; war er schon in die Politik der Bolsche­wiki eingeschrieben; hatte er seine Grundlagen in der russischen Gesellschaft – aber wenn das der Fall war, warum wurde mit diesen nicht gebrochen? Wie weitreichend war die Räte­bewegung, an welche Grenzen stieß sie und wie kam es, dass sie der bolschewistischen Partei untergeordnet wurde? An welchen Wendepunkten waren Alternativen denkbar? Wel­che Fehler begingen die verschiedenen sozialistischen Kräfte? Welche neuen Forschungser­gebnisse gibt es zu diesen Fragen? Die Revolution war nicht einfach ein politischer Umsturz, sondern von einem breiten und tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbruch begleitet, der auch etwa die Kultur, Familien- und Geschlechterverhältnisse erfasste. Welche Analysen gibt es hierzu aus feministischer Perspektive? Wie ist die Diskussion zum ‚neuen Menschen‘ einzu­schätzen?

2. Das Verständnis des Sozialismus
Welcher Art waren die sozialistischen Ideologien, die die russischen sozialistischen Parteien und ihr Agieren in der Revolution geprägt haben? Welche Interpretationen des Marxismus haben den Gang der Ereignisse in welcher Weise beeinflusst? Und wie hat die russische Re­volution ihrerseits das Verständnis des Übergangs von Kapitalismus in Sozialismus, des So­zialismus und die Politik der verschiedenen Strömungen der Arbeiterbewegung (sozialdemo­kratische und kommunistische Parteien, Anarchisten etc.) geprägt? Welche Unterschiede lassen sich zwischen dem marxschen Verständnis von Sozialismus/Kommunismus und der späteren Theorie und Praxis in der sozialistischen und kommunistischen Weltbewegung ver­zeichnen? Inwieweit war die Zustimmung zum Umsturz und zur Revolution durch spezifisch russische Faktoren geprägt? In welcher Weise haben die russische Revolution und ihre Fol­gen die Theorie und Praxis der Linken bestimmt? Sind sie heute noch bestimmend? Welche theoretischen und praktischen Schlussfolgerungen sollte die Linke aus der Geschichte der russischen Revolution ziehen? Was bedeutet Revolution heute?

3. Linke Kritiken der Sowjetunion
War die Sowjetunion eine halbasiatische Despotie und die Fortsetzung eines Modernisie­rungsprojekts, ein bürokratisch degenerierter Arbeiterstaat, ein staatskapitalisti­sches System oder eine Gesellschaftsformation sui generis mit einer neuen Produktionswei­se jenseits von Kapitalismus und Sozialismus? (Vgl. PROKLA 155) Bis heute gibt es in der kritischen marxistischen und linken Diskussion keinen Konsens über den Charakter der sowjetischen Gesellschaft. Marcel van der Linden hat in Buchform und dann in seinem Aufsatz „Der Sozia­lismus, der keiner war: marxistische Kritiken der Sowjetgesellschaft“ in PROKLA 155 die wohl umfassendste Übersicht der kritischen marxistischen Diskussionen zu dieser Frage vor­gelegt. Die verschiedenen Stränge der Diskussion stehen in seiner enzyklopädischen Dar­stellung aber weitgehend nebeneinander. Es wäre politisch wichtig, die Diskussion weiterzuführen und zu vertiefen. Die Frage stellt sich auch, inwieweit die histori­schen Forschungsergebnisse seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Öffnung der Archive zu neuen Erkenntnissen in der kritischen marxistischen und linken Diskussion geführt ha­ben.

4. Wie haben die Praxis in der sowjetischen Wirtschaft und die gleichzeitigen Ent­wicklungen in der Wirtschaftswissenschaft die ideologischen Auseinandersetzun­gen zwischen Neoliberalismus und Sozialismus geprägt?
Hier wäre eine Aufarbeitung der „sozialistischen Kalkulationsdebatte“ und der Genese der Vorstellungen von „sozialistischer Warenproduktion“ von Bedeutung. Es ist frappierend, wie schnell aus einer Übergangssituation ein neues System destilliert wurde und wie selbst Öko­nomen wie Oskar Lange, die den Sozialismus gegenüber den Neoliberalen wie v. Mises und Hayek verteidigten, von der Hegemonie der neoklassischen Wirtschaftstheorie geprägt wa­ren. Wie tragfähig sind Konzeptionen einer sozialistischen Marktwirtschaft, die in der kriti­schen Auseinandersetzung mit der sowjetischen Zentralverwaltungswirtschaft und als Ant­wort auf die Kritiken der Neoliberalen entwickelt wurden? Umgekehrt ist kritisch aufzuarbei­ten, wie und warum Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie – namentlich die Reproduktions­schemata oder seine Werttheorie (vgl. kritisch bereits Friedrich Pollock; Rita di Leo) – für planwirtschaftliche Konzepte (in der Sowjetunion) herangezogen werden konnten.

5. Der weltpolitische Einfluss der Sowjetunion
Dem Selbstverständnis Lenins zufolge war die russische Revolution dem Ziel der Weltrevolu­tion verpflichtet. Entsprechend eine Kommunistische Internationale gegründet. An Beispielen wie dem spanischen Bürgerkrieg, der chinesischen Revolution, dem Kampf gegen den Natio­nalsozialismus und den nationalen Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt könnten die Einflüsse der Sowjetunion und des sowjetischen Marxismus nachgezeichnet und problemati­siert werden. Welche Rolle spielten beispielsweise die Volksfrontkonzeption und die Stamo­kaptheorie in den westlichen Ländern nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs? Wie und warum formatierte der sowjetisch geprägte Marxismus-Leninismus die Debatten und die Theorieproduktion der globalen Linken?

6. Der Antikommunismus als Praxis der bürgerlichen Kräfte
Im Schwarzbuch Kommunismus (hgg. v. Stéphane Courtois 1997) wurden die Verbrechen aufgelistet, die im Namen des Kommunismus begangen wurden. Aber dieses Schwarzbuch ist selbst Teil einer problemati­schen Praxis des Antikommunismus und wurde mit Recht kritisiert. Der Antikommunismus kommt beileibe nicht immer wie beim Schwarzbuch im Kleide der Wissenschaft daher, son­dern zieht sich durch die Jahrhunderte als eine weltweite, äußerst gewalttätige Praxis. Man könnte somit auch ein „Schwarzbuch Antikommunismus“ schreiben – oder zumindest in ei­nem Aufsatz eine Skizze dafür entwickeln.

Die Redaktion der PROKLA lädt zur Einsendung von Exposés zum Thema „100 Jahre russi­sche Revolution“ im Umfang von ein bis zwei Seiten bis zum 1.12.2016 ein. Fertige Aufsät­ze im Umfang von ca. 45.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen, Fußnoten und Literaturverzeichnis) nicht überschreiten und müssen für die Hefte des Jahres 2017 zu jeweils unterschiedlichen Terminen vorliegen. Zusendung bitte als word- oder ODT-Datei mit Angabe des Autor_innennamens an: Thomas Sablowski (sablowski@soz.uni-frankfurt.de) und Ingo Stützle (stuetzle@prokla.de)