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Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft

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Call for Papers PROKLA 189/1: Natur, Ressourcen, Konflikte: Kämpfe um die globale Inwertsetzung von Land und Rohstoffen

admin am 1. März 2017

Call for Papers PROKLA 189
Natur, Ressourcen, Konflikte: Kämpfe um die globale Inwertsetzung von Land und Rohstoffen
Heft 4, Dezember 2017

Seit Anfang der 2000er Jahre kommt es zu einer neuen Welle von Einhegungen von Land und Natur Ursachen hierfür sind die Vielfachkrise des Kapitalismus, die Ausweitung imperialer Lebensweisen im Globalen Norden und Süden und die hiermit verbundene stark gestiegene Nachfrage nach Agrarprodukten, bergbaulichen Rohstoffen (Mineralien, Metalle, seltene Erden, Erze) und fossilen und erneuerbaren Energieträgern (Öl, Gas, Kohle, Biomasse, pflanzliche Rohstoffe). Darüber hinaus sorgen Hedgefonds und andere Finanzmarktinstrumente für eine Erschließung von Natur als neue und sichere Anlagefelder für überakkumuliertes Kapital. Dies geht mit zunehmend negativen ökologischen und sozialen Folgen, wie Wasserverschmutzung, Bodenerosion oder Vertreibung, einher. Weltweit verlieren Menschen ihr Land zu Gunsten kommerzieller großflächiger Agrarproduktion sowie von Bergbau-, Klimaschutz- und Infrastrukturprojekten.

Kapitalakkumulation durch Enteignung erfolgt dabei sowohl im Rahmen „klassischer“ extraktiver Projekte sowie im Namen eines vermeintlich grünen Kapitalismus. Dabei werden beispielsweise Waldgebiete als CO2 Senken im Rahmen des Emissionshandels unter Schutz gestellt oder große Landflächen für die Energieproduktion durch Solarzellen umgenutzt. Aber auch Unterseegebiete geraten zunehmend in den Fokus für die Ressourcenausbeutung. Aktuelle Inwertsetzungsprozesse von Land und Rohstoffen sind häufig Teil nationaler und internationaler Entwicklungsstrategien. Progressive wie konservative Regierungen in Lateinamerika verfolgen ein neo-extraktivistisches Entwicklungsmodell und fördern die Ausweitung des Bergbaus. Die Weltbank und andere Geberinstitutionen unterstützen die Ausweitung agrarindustrieller Produktionskomplexe ebenso wie „grüner“ Investitionen insbesondere im globalen Süden. Zugleich sind international zahlreiche Initiativen entstanden, welche versuchen, die massive Umnutzung von Land „nachhaltiger“ zu gestalten, beispielsweise die „Initiative für Transparenz im rohstoffgewinnenden Sektor“ (Extractive Industries Transparency Initiative, EITI), die Weltbank-Richtlinien für nachhaltige agrarindustrielle Investitionen oder der Dodd Frank Act, der die Verwendung von „Konfliktrohstoffen“ aus der Demokratischen Republik Kongo und angrenzenden Ländern regeln und eindämmen soll. Auch die deutsche Bundesregierung erarbeitet derzeit einen nationalen Aktionsplan (NAP), mit dem die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte in nationales Recht implementiert werden sollen.

Inwertsetzungsprozesse von Land und Rohstoffen und geopolitische Konflikte darüber sind seit jeher umkämpft (siehe auch Prokla 135 zu Ressourcenkonflikten, Prokla 156 zu Ökologie in der Krise sowie Prokla 176 zur politischen Ökonomie des Mülls). Die aktuellen, zum Teil aggressiven Bemühungen um die Sicherung des Zugriffs auf Rohstoffe und Land haben neue Konflikte und Kämpfe ausgelöst und alte verschärft, im Globalen Süden und Norden. Forderungen wie „Our land, our life, our future“ werden derzeit von Papua Neuguinea bis nach Mosambik, Brasilien und Griechenland laut. Weltweit leisten Bauern und Bäuerinnen, Anwohner_innen und Aktivist_innen und schließlich auch Staaten Widerstand gegen die Ausweitung der so genannten „extraktiven Grenzen“. Diese Kämpfe sind oft nicht nur lokal verankert, sondern über Regionen, Länder und Kontinente hinweg organisiert. Eine Vielzahl von Akteuren – von Gewerkschaften über grassroots hin zu zivilgesellschaftlichen Organisationen – mobilisiert in diesem Zusammenhang. Kämpfe um die Inwertsetzung von Land und Ressourcen beschränken sich dabei nicht nur auf den konkreten Ort der Extraktion, sondern finden ebenso entlang der Produktionsketten statt. Sie stehen mit anderen Konflikten und gesellschaftlichen Kämpfen in Beziehung. Proteste und Widerstand haben dementsprechend vielfältige Anliegen (siehe auch Prokla Heft 170 zu sozialen Kämpfen in Afrika). Sie richten sich gegen Vertreibung, Umweltzerstörung, mangelnde Entschädigungen oder schlechte Arbeitsbedingungen. Gleichzeitig werden Entwicklungsmodelle, die Gewinnverteilung, bestehende und geplante Handelsabkommen, Staat-Gesellschafts-Beziehungen und die Rolle des Staates in der globalen Landwirtschafts- und Rohstoffpolitik neu verhandelt. Den weltweiten Einhegungen setzen soziale Bewegungen und Protestakteure alternative Konzepte und Ansätze sozial-ökologischer Transformation entgegen wie gemeinschaftlich verwaltetes Land, commons und care-economy-Ansätze, Ernährungssouveränität, Klima- und Umweltgerechtigkeit und degrowth-Strategien.

Dieses Heft soll sich den Kämpfen im Kontext gegenwärtiger Inwertsetzungs- und geopolitischer Kontrollprozesse von Land und Ressourcen widmen. Wir freuen uns über Artikelvorschläge aus der sozialen Bewegungsforschung, den Internationalen Beziehungen, der Friedens- und Konfliktforschung, der Human- bzw. politischen Geografie sowie der Ethnologie zu folgenden Leitfragen:

  • Wie lassen sich die Kämpfe um die aktuellen Einhegungen von Land und maritime Hoheitsansprüche historisch einordnen und theoretisch begreifen?
  • Welche konkreten Auseinandersetzungen finden statt, wenn es um die globale Inwertsetzung von oder Kontrolle über Land geht, also um die Ausweitung des industriellen Bergbaus und der Agrarindustrie mit ihren Unternehmenspraktiken, um die Kontrolle über maritime Hoheitsgebiete und Meeresböden, um die Lagerung von Müll unterschiedlichster Art, um die Nutzung von CO2 Senken, die im Zuge des Pariser Klimaabkommens weltweit an Bedeutung gewinnen, um die Erschließung neuer konventioneller und unkonventioneller Vorkommen von Öl und Gas, um erneuerbare Energien oder um die Kontrolle über Naturschutzgebiete und Flora und Fauna?
  • Was sind die Ursachen von Konflikten über die Inwertsetzung von Land und Ressourcen und in welchem Verhältnis stehen sie zu materiellen und diskursiven sozialen Herrschaftsverhältnissen? Wo (geographisch und in der Produktionskette) finden diese Kämpfe statt? Welche Rolle spielen Raum- bzw. skalare Strategien in diesen Kämpfen?
  • Welche transformative Bedeutung haben Kämpfe gegen die Inwertsetzung von Land und Rohstoffen für den Wandel von Entwicklungs- und Wachstumsmodellen, für Emanzipation und Demokratie sowie für andere soziale Kämpfe (z.B. feministische und Arbeiter_innenkämpfe)?
  • Was zeichnet soziale Bewegungen und Protestakteure aus, die gegen die Inwertsetzungsprozesse von Land und Ressourcen kämpfen? Wer sind die zentralen Akteure, welche Bevölkerungsgruppen partizipieren, welche lokalen, nationalen und transnationalen Netzwerke werden aktiv? Unter welchen Umständen und mit welchen Strategien sind solche sozialen Kämpfe erfolgreich? Was für Alternativen werden entwickelt? Welche Kooperationen bestehen zu anderen Bewegungs- bzw. Widerstandsgruppen?
  • Wie reagieren Unternehmen und staatliche Autoritäten auf Widerstandsbewegungen? Wie wird Protest eingehegt oder unterdrückt? Welche Bedeutung haben die Proteste für Staat-Gesellschaft-Beziehungen, Demokratie und staatliche Herrschaft?

Die Redaktion lädt zur Einsendung von Exposés von 1-2 Seiten bis zum 1. Mai 2017 ein. Die fertigen Artikel sollen bis zum 1. September 2017 vorliegen und einen Umfang von 45.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen, Fußnoten und Literaturverzeichnis) nicht überschreiten. Zusendung bitte als word-, RTF- oder ODT-Datei mit Angabe des Autor_innennamens an:

PROKLA-Redaktion: redaktion@prokla.de
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Bettina Engels: bettina.engels@fu-berlin.de
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Kristina Dietz: kristina.dietz@fu-berlin.de