1.
Ein Gespenst ging um in Deutschland, das Gespenst des Kapitalismus. Es
wechselte auf wundersame Weise seine Gestalt, trat einmal auf als Heuschreckenschwarm
ausländischer, vorzugsweise amerikanischer Investoren, dann wieder
als vernunft- und moralbegabtes Wesen, an dessen soziale Verantwortung
man appellieren konnte. Die Kritik an diesem Gespenst sollte helfen, eine
Wahl zu gewinnen, aber die Wahl ging verloren und nun kommt die nächste,
große Wahl viel früher als geplant. Diejenigen, die dieses
Gespenst gerufen haben, bemühen sich jetzt, es wieder einzufangen
und die Flasche zuzustöpseln, der es entstieg.
Wie in jedem Gespenst steckt allerdings auch in diesem ein harter, gesellschaftlicher
Kern, der sich der Inszenierung widersetzt. Die Menschen sind klug genug
zu wissen, dass der Kapitalismus nicht wie eine Heuschreckenplage vorüberzieht
und dass diejenigen, die jetzt Alarm geschlagen haben, vorher nichts als
Anpassung und Opfer von denen gefordert haben, denen der Wind der Globalisierung
hierzulande am schärfsten ins Gesicht bläst. Sie kennen die
Gefahren, die die zunehmende Abhängigkeit des eigenen Schicksals
und dessen der Gesellschaft von Markt und Profit mit sich bringen, und
lehnen zugleich die Inszenierung von Kapitalismuskritik zu Wahlkampfzwecken
ab. Das zeigen alle Umfragen zu Münteferings Kampagne. Sie spüren
die Realität einer langsam, aber stetig auseinanderdriftenden Gesellschaft,
und selbst dann, wenn sie sich am besseren Ende wiederfinden, ist ihr
Leben dabei, sich zu verändern, stressiger, unsicherer und voller
widersprüchlicher Anforderungen zu werden. Das Gefühl von Ungerechtigkeit,
von einer aus dem Ruder laufenden gesellschaftlichen Entwicklung macht
sich breit, wenn der Vorsitzende der Deutschen Bank Rekordgewinne verkündet,
und gleichzeitig erklärt, diese müssten durch den Abbau von
6000 Arbeitsplätzen noch weiter gesteigert werden, so als wolle er
den Marxschen Satz von der Maßlosigkeit kapitalistischer Verwertung,
die keine innere Grenze kenne, auch noch dem letzten Zweifler einbläuen.
Von Adam Smith bis John Rawls bestand die einzige Rechtfertigung, die
Liberale dem Kapitalismus abforderten, darin, dass er die Lebensbedingungen
auch noch derjenigen, die am schlechtesten gestellt sind, verbessern müsse.
Aber selbst nach diesem schwachen Kriterium, das allenfalls eine Zeitlang
in den am meisten entwickelten Ländern erfüllt war, wird die
Legitimität des Kapitalismus in Deutschland heute brüchig. Es
ist beileibe nicht mehr sicher, dass es allen besser geht, weil es Ackermann
und seinen Kollegen sehr viel besser geht. Wenn in Deutschland heute wieder
vom Kapitalismus die Rede ist, geht es der Sache nach um die Verschiebung
gesellschaftlicher Machtverhältnisse, die Aufkündigung des Nachkriegskompromisses
zwischen Kapitaleignern und Lohnabhängigen.
Das Problem dabei ist nicht, wie von Müntefering unterstellt, ein
individuell moralisches, wie die „Verantwortungslosigkeit“
von Fondsmanagern oder die „Maßlosigkeit“ von Konzernchefs.
Der über die Konkurrenz vermittelte Zwang zur Kapitalverwertung ist
das Grundgesetz des Kapitalismus. Wollen die Kapitaleigner, dass ihre
Unternehmen am Markt überleben, dann müssen sie nicht nur Profit
machen, sondern einen Profit, der mit dem ihrer Hauptkonkurrenten mithalten
kann. Von den Missionaren des Neoliberalismus, wie Hans-Werner Sinn, dem
Präsidenten des Ifo-Instituts, wird dieser Zusammenhang auch überhaupt
nicht bestritten, sondern offensiv gegen die moralisierende Kritik der
Münteferings ins Feld geführt: „Wer sich ihr mit moralischen
Ansprüchen nähert, hat die Funktionsweise der Marktwirtschaft
nicht verstanden“ (Neue Osnabrücker Zeitung 20.04.05). Allerdings
ist damit noch überhaupt nicht die Frage beantwortet, wie Staat und
Gesellschaft mit dieser „unmoralischen“ Veranstaltung umgehen.
Es sind ja keine Naturgewalten, die die Vorherrschaft der Fi-nanzmärkte
und des „shareholder value“ hervorgebracht haben, sondern
politische Entscheidungen, die die Finanzmärkte liberalisierten und
die Freiräume für Hedge Fonds und Private-Equity Fonds erst
eröffneten. In Deutschland wurden Hedge Fonds erst 2004 von der Rot-Grünen
Koalition für Anleger freigegeben, nachdem die selbe Koalition bereits
mit ihrer Steuerreform 2000 für Kapitalgesellschaften die Besteuerung
von Veräußerungsgewinnen, die beim Verkauf von Unternehmensbeteiligungen
entstehen, abschaffte. Die eigene Politik begünstigte alles das,
was jetzt kritisiert wird. Dass sich an dieser Art von Politik etwas ändert,
ist aber gerade nicht zu erwarten. Auf dem Programm von Rot-Grün
steht nicht nur die Beibehaltung der Agenda 2010, sondern auch die Senkung
der Körperschaftssteuer und die Abschaffung der Erbschaftssteuer
für Unternehmen, die von den Erben weitergeführt werden. Und
von Schwarz-Gelb oder einer großen Koalition ist da auch nichts
grundsätzlich anderes zu erwarten. Die nächste Runde von Sozial-kürzungen
„weil der Staat kein Geld hat“, kommt bestimmt.
2.
Was bisher schon an Verschiebungen im sozialen Gefüge der Bundesrepublik
stattgefunden hat (und zwar noch ohne die jetzt erst einsetzenden Auswirkungen
von Hartz IV zu berücksichtigen) wird im kürzlich erschienenen
zweiten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung eher angedeutet
als tatsächlich erfasst. Der sozialwissenschaftliche „state
of the art“, den dieser Bericht in seinen empirischen Teilen zweifellos
repräsentiert, stößt an seine Grenzen, wenn die Datenlage
es nicht hergibt, vor allem die oberen Einkommens- und Vermögenskategorien
angemessen auszuleuchten. Aber es hätte den Verfassern gut angestanden,
hätten sie die Lücken deutlicher benannt und beispielsweise
auf die exorbitanten Zuwachsraten in den Gehältern der Vorstandsmitglieder
der DAX-Unternehmen von 1997 bis 2002 um 65 Prozent auf das 42fache des
durchschnittlichen Arbeitnehmereinkommens hingewiesen – Informationen,
die fraglos in einen Reichtumsbericht gehören, dort aber nicht auftauchen
(siehe Joachim Bergmann, Die Reichen werden reicher – auch in Deutschland,
in: Leviathan 2/2004: 185-201). Immerhin zeigt dieser Bericht, dass die
Ungleichheit der Einkommen und Vermögen weiter zunimmt, die Armutsrisikoquote
(definiert als ein Einkommen von unter 60 Prozent des Medians) im Fünfjahreszeitraum
seit 1998 um knapp eineinhalb Prozentpunkte auf 13,5 Prozent gestiegen
ist und dabei vor allem das Risiko, durch Arbeitslosigkeit in Armut zu
geraten, sich weiter verschärft hat.
Eingebettet sind die Befunde in programmatische Stellungnahmen zur rot-grünen
Regierungspolitik. Diese soll als angemessene Antwort auf die gesellschaftlichen
und ökonomischen Probleme erscheinen. Die heute noch zutreffende
Information, dass die Altersarmut weiter zurückgegangen ist, wird
einfach in die Zukunft hinein verlängert und unter der Überschrift
präsentiert „Rente bleibt verlässlich – Sicherheit
im Alter“ (Lebenslagen in Deutschland – Zweiter Armuts- und
Reichtumsbericht, Deutscher Bundestag, Drucksache 15/5015 vom 3.3. 2005:
17), ungeachtet aller Rentenreformmodelle, die stets auf einen Rückgang
des Leistungsniveaus und eine stärkere Eigenbeteiligung abzielen.
Als Antwort auf die Krise am Arbeitsmarkt folgen die bekannten Hinweise
auf das Repertoire der Agenda 2010, ungeachtet aller skeptischen Befunde
aus der arbeitsmarkt- und sozialwissenschaftlichen Forschung, die mittlerweile
hierzu vorliegen, und ungeachtet aller Einwände von ökonomischer
Seite, die die Verbindung von Leistungskürzungen im Zuge von Hartz
IV, Arbeitsplatzabbau im öffentlichen Dienst und „Haushaltskonsolidierung“
für beschäftigungspolitisch desaströs halten (vgl. dazu
PROKLA 134 Die kommende Deflationskrise?, März 2004). Unter der Überschrift
„Flexibilität und Sicherheit“ verkündet der Bericht
das Ende des Sozialstaats wie wir ihn bis heute in Deutschland kennen.
Die Sicherung des „materiellen Status“, heißt es da,
sei nicht nur – was unter den gegebenen politischen Kräfteverhältnissen
sicherlich richtig ist – zunehmend schwieriger geworden. Sie gerät
als politisches Ziel selbst aus dem Blick. „Zugleich aber sind verteilungspolitische
Maßnahmen unter veränderten ökonomischen Bedingungen nur
noch begrenzt wirksam. Es geht darum, neue Formen der Sicherheit zu fördern.
Soziale Sicherheit folgt künftig dem Paradigma, die Menschen zu befähigen,
flexibel auf die Herausforderungen der Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft
zu reagieren“ (ebd.). Was aber soll soziale Sicherheit heißen,
wenn materielle Sicherheit nicht mehr gewährleistet ist?
Die Sicherung des materiellen und sozialen Status war im deutschen Sozialstaat
immer schon eine zwiespältige Angelegenheit. Bedeutete sie doch die
Fixierung auf den Erwerbsstatus und daraus abgeleitet die Fortschreibung
sozialer Ungleichheiten im sozialen Sicherungssystem. Zugleich wurden
auf diese Weise aber auch den Lohnabhängigen soziale Rechte zuerkannt
und die Mittelklassen in die Unterstützung des Sozialstaats eingebunden,
weil sie selbst von ihm unterstützt wurden. Abgehen von der Statussicherung
könnte im Prinzip auch heißen, einen egalitäreren Weg
einzuschlagen – die Finanzierungsgrundlage über das Erwerbseinkommen
hinaus zu erweitern, die individuelle Absicherung, unabhängig vom
familiären Status, in den Vordergrund zu stellen und damit den Bürger
- statt den Erwerbsstatus zu stärken. Was hier anvisiert wird, geht
aber in eine ganz andere Richtung. „Befähigung“ statt
Statussicherung schiebt die Verantwortung, sich mit den jeweils vorhandenen
und vom Staat zugeteilten Ressourcen im „neuen Kapitalismus“
der Flexibilisierung (Sennett) über Wasser zu halten, den Individuen
zu und hält für den Fall des Scheiterns allenfalls noch eine
Grundsicherung auf deutlich abgesenktem Niveau bereit. Was hier als neues
Konzept der sozialer Sicherung, als zeitgemäßer Sozialstaat
verkauft wird, ist im Grunde die Rückkehr zum uralt-liberalen Modell
des 19. Jahrhunderts: der Einzelne hat allenfalls Anspruch auf die Sicherung
des Überlebens, alles weitere muss er selbst am Markt erreichen -
oder eben auch nicht. Nicht mehr die Angleichung der Lebensverhältnisse,
sondern die Ungleichheit wird wieder zum Motor des Fortschritts erklärt.
Eine solche Politik legt es denen, die es sich leisten können, geradezu
nahe, sich vom Sozialstaat und seinen solidarischen Formen zu verabschieden.
3.
Die vom Kapitalismus hervorgebrachten Ungleichheiten existieren aber nicht
allein auf nationaler Ebene, die Ungleichheiten sind global. Von neoliberalen
Politikern und Ökonomen wird die Globalisierung als Allheilmittel
gegen Unterentwicklung und Armut angepriesen. Auch hier erinnert vieles
an das 19. Jahrhundert, an die Propheten des Freihandels. Ökonomische
Liberalisierung und Deregulierung auch der schwachen, wenig entwickelten
Länder, soll zu deren eigenem Vorteile erfolgen. Wer dies bestreitet
habe die Marktwirtschaft nicht verstanden oder verfolge bornierte Partikularinteressen.
Die Ergebnisse dieser in den letzten Jahrzehnten zunehmend betriebenen
Politik weisen aber in eine ganz andere Richtung. Robert H. Wade zeigt
in seinem Beitrag, dass auf globaler Ebene noch immer der „Matthäus-Effekt“
vorherrscht: es wird denen gegeben, die schon haben. Detailliert setzt
sich Wade mit scheinbar entgegengesetzten Ergebnissen auseinander und
macht deutlich, dass die Entwicklung der Armut vor allem davon abhängt,
wie man sie misst. Aber auch das wo ist nicht uninteressant: Nimmt man
China aus den einschlägigen Statistiken heraus, sieht es, egal mit
welcher Messung, schlecht aus für die Armutsbekämpfung durch
Globalisierung. Und China selbst entwickelte sich bisher, indem es gerade
nicht die neoliberalen Musterrezepte befolgte. Die weltweite Dominanz
dieser Rezepte führt eher zur Verfestigung der globalen Ungleichheiten
als zu ihrer Reduzierung.
Integration in die liberalisierten Finanzmärkte, welche das Herzstück
der Globalisierung bilden, hat auch Konsequenzen für Umfang und Art
des Naturver-brauchs. Dies zeigt Philipp Hersel in seinem Beitrag. Diese
Integration begünstigt nicht nur den Transfer von natürlichen
Ressourcen vom Süden in den Norden, wobei die ökologischen Schäden
auf Seiten des Südens verbleiben. Durch die Verschuldung angetrieben
müssen die Länder des Südens ihre natürlichen Ressourcen
immer weiter auf den Markt werfen, was dort zu Preisverfall führt.
Statt bei sinkenden Preisen aber das Angebot zu drosseln, wie es die reine
liberale Lehre vorsieht, müssen sie mehr auf den Markt werfen, um
den Schuldendienst leisten zu können. Sie sind in derselben Zwangslage
wie Menschen, die vom Verkauf ihrer Arbeitskraft leben, und die bei einem
geringeren Lohn nicht weniger sondern mehr arbeiten müssen. Hinter
der formalen Symmetrie der Märkte verbirgt sich zumindest bei einigen
Märkten eine grundlegende, strukturelle Asymmetrie.
Globale Ungleichheiten können sich auch auf kleinstem Raum zusammendrängen,
z.B. auf einem Schiff, wie der Beitrag von Heide Gerstenberger und Ulrich
Welke zeigt. Das „Ausflaggen“ von Schiffen macht es möglich,
dass die angeheuerte Mannschaft nicht nur aus ganz verschiedenen Ländern
stammt, sondern dass die Einzelnen auch für ganz unterschiedliche
Löhne arbeiten, da für jeden die Arbeitsbedingungen seines Herkunftslandes
gelten. Die staatliche Rechtssetzung, die für einen Minimum an Schutz
auch der schwächeren Seite sorgt, ist unter solchen Bedingungen de
facto ausgehebelt.
Auch für die Machtverteilung auf der politischen Ebene spielen globale
Ungleichheiten eine entscheidende Rolle und schlagen sich in der Konkurrenz
von Staaten nieder. Wie sich diese Konkurrenz entwickelt und mit welchen
Konzepten sie zu analysieren ist, ist durchaus umstritten. In PROKLA 133
Imperialistische Globalisierung (Dezember 2003) hatten wir diese Debatte
aufgenommen. Hans-Jürgen Bieling führt diesen Strang in seinem
Beitrag fort und diskutiert die Entwicklungsperspektiven der EU: ob und
inwiefern sich hier eine supranationale Macht mit imperialen Ambitionen
herausbildet.
Globale Ungleichheiten sind für die Weltsystemtheorie geradezu konstitutiv.
In den PROKLA Heften 133 und 135 debattierten bereits Immanuel Waller-stein
und Stephen Gill über die prominenteste These dieses Ansatzes, den
bevorstehenden Niedergang der US-ameri-kanischen Hegemonie. Miriam Heigl
gibt nun einen systematischen Überblick über Leistungen und
Defizite der neueren Ansätze der Weltsystemstheorie angesichts der
wieder eingesetzten imperialismustheoretischen Debatten.
Nach
dem gemeinsamen Binnenmarkt und der Einführung des Euro ist der Verfassungsvertrag,
der gegenwärtig ratifiziert wird, das dritte große Projekt
einer institutionellen Weiterentwicklung der Europäischen Union.
Außerhalb des Heftschwerpunktes setzt sich Étienne Balibar
auf einer grundsätzlichen Ebene mit den Problemen einer europäischen
Verfassung und der Weiterentwicklung der EU auseinander. Ein entschiedenes
Votum gegen den jetzt vorliegenden Verfassungsvertrag, vor allem wegen
des darin enthaltenen Versuchs Aufrüstungsbemühungen der EU-Staaten
verfassungsmäßig zu verankern, formuliert Tobias Pflüger
in einem Einspruch.
Ein anderer Einspruch setzt bei den Folterbildern von Abu Ghraib an, die
im vergangenen Jahr um die Welt gingen. Im Moment findet gerade die juristische
Aufarbeitung der durch diese Bilder bekannt gewordenen Folterungen statt,
die bisher mit einer Ausnahme zu recht milden Urteilen führte. Isabell
Lorey setzt sich in ihrem Beitrag mit den Reaktionen auseinander, die
diese Folterbilder hervorgerufen haben, und damit, was uns diese Reaktionen
sagen kön
Am 23. April dieses Jahres starb André Gunder Frank, einer der
bedeutendsten und einflussreichsten linken Sozialwissenschaftler der zweiten
Hälfte des 20. Jahrhunderts. Theotonio Dos Santos würdigt ihn
in einem Nachruf. Wir dokumentieren außerdem einen von André
Gunder Franks letzten Artikel, der, vor dem Hintergrund der Weltsystemtheorie,
den ökonomischen und geopolitischen Aufstieg Asiens prognostiziert.