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EDITORIAL
PROKLA 141
Die Zukunft ist links!
(Dezember 2005)
Vor
gut 25 Jahren wurde mit der Wahl von Margaret Thatcher in Großbritannien
und Ronald Reagan in den USA der Neoliberalismus zur offensiv vorgetragenen
Utopie eines neuen Kapitalismus, der von den übermäßigen
Regulierungen eines sich immer weiter ausdehnenden Staates erst noch befreit
werden muss, um für die gesamte Gesellschaft seine segensreichen
Wirkungen entfalten zu können. Waren Privatisierung und Deregulierung,
Steuersenkungen, Abbau sozialer Sicherungen und ein ausgeglichener Staatshaushalt
als Maximen staatlicher Politik zunächst noch heftig umstritten,
verwandelten sie sich in den folgenden zwei Jahrzehnten zu Selbstverständlichkeiten
staatlicher Politik, die im Grundsatz über alle Parteigrenzen hinweg
geteilt wurden. Die Globalisierung der kapitalistischen Wirtschaft, die
sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion noch beschleunigte, lies den
einzelnen Ländern anscheinend gar keine andere Wahl mehr als sich
im „Standortwettbewerb“ um die Gunst des internationalen Kapitals
der neoliberalen Doktrin zu beugen. Und mit der „New Economy“
schien ein neuer, krisenfreier, voller Möglichkeiten der Selbstverwirklichung
steckender Kapitalismus anzubrechen (vgl. dazu PROKLA 122, März 2001).
Seit Mitte der 1990er Jahre wurde die Hegemonie des Neoliberalismus aber
zunehmend brüchig. Währungs- und Finanzkrisen, der Crash der
„New Economy“ und die Rezession der Weltwirtschaft machten
deutlich, dass es mit der schönen neuen Welt des Kapitalismus doch
nicht so weit her war. Zugleich wurden globalisierungskritische Bewegungen
nicht nur immer stärker, es gelang ihnen auch eine zunehmende weltweite
Vernetzung und Kampagnenfähigkeit zu erreichen.
Eine offensichtliche Folge dieser geschwächten neoliberalen Hegemonie
war die Abwahl einer Reihe konservativ liberaler Regierungen während
der 1990er Jahre. Allerdings zeigte sich, dass die dann zumeist sozialdemokratisch
geführten Regierungen auch keinen einschneidenden Politikwechsel
herbeiführten (vgl. zur Situation in Deutschland bereits ein Jahr
nach dem Regierungswechsel PROKLA 116 Rot-grüner Absturz, September
1999). Dieses Muster scheint sich auch in Lateinamerika zu wiederholen.
Emir Sader macht in seinem Beitrag darauf aufmerksam, dass in den letzten
Jahren zehn Regierungen gestürzt oder abgelöst wurden, wobei
die Nachfolgeregierungen aber häufig genauso dem Neoliberalismus
verhaftet blieben wie ihre Vorgängerinnen (mit dem wohl wichtigsten
Fall, der Regierung Lula in Brasilien, beschäftigte sich der Beitrag
von Leda Paulani, in PROKLA 138, März 2005). Es ist also keineswegs
so ohne weiteres möglich, durch einen Regierungswechsel auch tatsächlich
eine „andere Politik“ hervorzubringen, was stets die Hoffnung
linker Wähler und Wählerinnen war. Wolf-Dieter Narr und Roland
Roth sprechen unter anderem dieses Problem in ihrem Artikel auf einer
grundsätzlichen Ebene an.
Auch in Deutschland ist nach den vorgezogenen Bundestagswahlen eine unklare
Lage entstanden. Zwar ist die Mehrheit der Bevölkerung, trotz dauernder
medialer „Reform“Beschallung vom neoliberalen Projekt nicht
so richtig zu überzeugen. Der Stimmanteil seiner offensiven parteipolitischen
Vertreter, CDU/CSU und FDP, hat gegenüber der letzten Wahl sogar
leicht abgenommen und die SPD hat mit einer, allerdings inhaltlich äußerst
dünnen, kapitalismuskritischen Rhetorik den befürchteten katastrophalen
Absturz gerade noch einmal verhindert. Ob damit allerdings schon eine
„Mehrheit links der CDU“ existiert, ist zumindest fraglich,
hat doch auch der rot-grüne Neoliberalismus eine soziale Basis in
dem jeweiligen Wählerklientel. Eine optimistische Analyse des Wahlergebnisses
liefert Peter Wahl; er warnt aber zugleich vor zuviel Euphorie gegenüber
der neuen Linkspartei: sie kann eine soziale Bewegung nicht ersetzen und
die sozialen Bewegungen werden stets in einem Spannungsverhältnis
zu linken Parteien stehen.
In der großen Koalition geht die neoliberale Politik des Abbaus
sozialer Sicherungen und der Umverteilung von unten nach oben unter Beteiligung
der SPD munter weiter. Die Haushaltssanierung soll vor allem über
eine Erhöhung der Mehrwertsteuer erreicht werden, die vor allem die
unteren Einkommensgruppen trifft. Dagegen ist die „Reichensteuer“
ein Witz: wer wirklich viel verdient (über 500.000 Euro bei einem
Ehepaar) soll einen Bruchteil der Steuergeschenke der letzten Jahre erneut
an den Fiskus abführen. Gespart werden soll bei den zukünftigen
Rentnern – die geplante Erhöhung des Rentenalters ist nichts
weiter als eine verdeckte Rentensenkung – und vor allem bei den
Hartz IV Empfängern, also denen, die bereits am wenigsten haben.
Darüber hinaus soll der Kündigungsschutz erheblich aufgeweicht
werden, indem die „Probezeit“ (in der eine Kündigung
ohne Angaben von Gründen jederzeit möglich ist) von sechs Monaten
auf zwei Jahre verlängert wird. Nach den von Rot-Grün mit Hartz
IV eingeführten Zumutbarkeitsregelungen (Hartz IV Empfänger
müssen auch Beschäftigungen akzeptieren, die mit bis zu dreißig
Prozent unter dem ortsüblichen Tarif entlohnt werden) ist dies der
zweite schwere Angriff auf die Fähigkeiten von Arbeitnehmern und
Gewerkschaften eine Interessenvertretungspolitik aufrecht zu erhalten.
Angesichts solcher Zumutungen steht ihre immer wieder erneute Abwehr auf
der Tagesordnung. Doch wird eine Linke, die sich immer nur auf Abwehrkämpfe
beschränkt, so notwendig sie auch sein mögen, inhaltlich austrocknen.
Der Horizont eines „guten Leben“ ist mehr als die Verhinderung
der jüngsten Verschlimmerungen. Insofern kommt es darauf an, auch
Perspektiven zu diskutieren, die über die Abwehrkämpfe im hier
und jetzt hinausgehen. Zumindest einen Anstoß dazu soll dieses Heft
der PROKLA liefern.
Alex Demirovic stellt in seinem Beitrag die Frage nach der „vernünftigen
Gesellschaft“, welche die Linke anstrebt. Die Irrationalitäten
und tagtäglichen Absurditäten der kapitalistischen Vergesellschaftung
lassen sich leicht aufzeigen. Aber wie weit trägt die Berufung auf
Vernunft als Maßstab und Anleitung einer anderen Gesellschaft? Zumindest
die rationale Vernunftkritik, die die herrschaftlichen Implikationen der
Vernunft und ihre Gewaltpotentiale aufgewiesen hat, ist zur Kenntnis zu
nehmen. Doch hilft wiederum nur vernünftiges Argumentieren, um sich
mit den Grenzen der Vernunft auseinander zu setzen.
Wolf-Dieter Narr und Roland Roth formulieren, nach einigen Schlaglichtern
auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustände, die Notwendigkeit
grundsätzlichen Veränderung: Gegen die herrschenden Formen einer
verselbständigter kapitalistischen Ökonomie, wie einer nicht
weniger verselbständigter, den kapitalistischen Formen entsprechenden
Politik versuchen sie ausgehend von einem materialistischen Verständnis
der Menschenrechte, die Anforderungen an eine radikaldemokratische Umwälzung
der ökonomischen wie auch der politischen Verhältnisse zu bestimmen.
Den Übergang von der neoliberalen zu einer sozialistischen Gouvernementalität
versuchen Joachim Bischoff, Hasko Hüning und Christoph Lieber zu
beleuchten: die sozialistische Gouvernementalität hätte sich
nicht nur mit der Verteilung, sondern vor allem mit der Produktion des
gesellschaftlichen Reichtums zu befassen.
Aus einer etwas anderen Perspektive nähert sich Petra Schaper-Rinkel
der Frage nach zukünftigen Gesellschaften. Sie wirft einen Blick
auf die Geschichte politischer Utopien und diskutiert sie als eigensinniges
Medium des Zukunftsdenkens. So beschränkt und zeitgebunden sie auch
jeweils sind, so unverzichtbar sind sie andererseits, um die als selbstverständlich
akzeptierten Horizonte und Denkverbote zu durchbrechen.
Die Krise der lateinamerikanischen Linken, die in der Krise neoliberaler
Hegemonie eben über kein populäres eigenes Konzept verfügen,
beleuchtet Emir Sader, in seinem bereits oben erwähnten Beitrag.
Außerhalb des Schwerpunkts werden drei thematisch recht unterschiedliche
Beiträge präsentiert. Benno Teschke führt in den im angelsächsischen
Raum verbreiteten „Politischen Marxismus“ ein, der eine Reihe
von historischen Begriffsbildungen, die im traditionellen Marxismus ganz
selbstverständlich akzeptiert wurden, in Frage stellt. Teschke führt
dies am Konzept der „Bürgerlichen Revolution“ aus, bemängelt
aber sowohl auf Seiten der Kritiker als auch der Vertreter dieses Konzepts
die weitgehende Ausblendung der internationalen Sphäre als einer
maßgeblichen Instanz geschichtlicher Entwicklung.
Hyekyung Cho zeichnet in ihrem Beitrag die Rolle Chinas im Welthandel
und die Wendungen von Chinas Handelspolitik nach. Dabei wird deutlich,
dass die Entwicklung Chinas geradezu das Gegenbeispiel für die Empfehlungen
neoliberaler Handelspolitik darstellt. Mit dem Beitritt zur WTO wird sich
die Handelspolitik allerdings erneut und mit ungewissem Ausgang ändern.
Die Entwicklung des „Chinesischen Kapitalismus“, dem die PROKLA
schon einmal ein ganzes Heft gewidmet hatte (Nr. 119, Juni 2000), bleibt
also spannend.
Uli Jähner setzt sich in seinem Beitrag mit einem neu aufgekommenen
und stark verbreiteten TV-Format, den diversen Casting Shows auseinander.
Er interpretiert sie einerseits als ein von der Musikindustrie eingeschlagener
Weg aus der Krise, andererseits als Testgebiet für die Ausdehnung
neoliberaler Konkurrenzbeziehungen.
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