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EDITORIAL
PROKLA 151
Gesellschaftstheorie
nach Marx und Foucault (Juni 2008)
Trotz
einer verzweigten Diskussion und einer nicht mehr zu überschauenden
Literatur über die Arbeiten Michel Foucaults ebenso wie über
die von Karl Marx wird das Verhältnis beider Autoren wenig thematisiert.
Dabei gibt es zwischen Foucault und Marx eine große Schnittmenge
an theoretischen Interessen, zahlreiche Übereinstimmungen in den
analytischen Aussagen und Gemeinsamkeiten in den emanzipatorischen Zielen.
Jedenfalls war dies eine Wahrnehmung, wie sie in den 1970er Jahren verbreitet
vorhanden war. Es sei nur darauf hingewiesen, daß in Deutschland
einige der kleineren Schriften Foucaults in der Reihe „Internationale
Marxistische Diskussion“ des Merve Verlags erschienen. Vieles an
Zusammenhang wurde einfach unterstellt. Dies war keineswegs willkürlich,
denn die expliziten, vor allem die impliziten Verweise Foucaults auf Marx
waren offensichtlich, der Kontext, in dem er seine Überlegungen entfaltete,
verwies in wichtigen Hinsichten auf die zeitgenössische marxistische
Diskussion, auf den Freudo-Marxismus, auf Althusser. Doch mittlerweile
ist auch klar, daß die Selbstverständlichkeit, mit der beide
Autoren als Teil eines radikalen linken, emanzipatorischen Projekts verstanden
wurden, selbst Ergebnis einer bestimmten Diskurskonstellation und besonderen
Praxis der Linken der 1970er Jahre war. Die Art und Weise, wie Marx und
Foucault zueinander ins Verhältnis gesetzt wurden, hat sich seitdem
selbst mehrfach verändert.
In den frühen 1970er Jahren wurden vor allem Foucaults epistemologische
Schriften rezipiert. In dieser Phase waren die Berührungspunkte zwischen
der marxistischen Diskussion und Foucault noch relativ groß. Auf
der Suche nach kritischen Ansätzen, die sich dem Einfluss der positivistischen
Wissenschaftsphilosophie Karl Poppers entgegenzustellen vermochten, boten
Foucaults Studien zum Wahnsinn, zur Klinik, zur historischen Entwicklung
der Humanwissenschaften, seine methodologischen Überlegungen zu Archäologie
und Diskurs wichtige Überlegungen und Begriffe. Wo die ältere
Kritische Theorie eher nur Ansprüche auf die Kritik am Positivismus
und darauf formulierte, Wahrheitsansprüche und Geschichte der Wissenschaften
im Rahmen einer Theorie der kapitalistischen Gesellschaftsformation zusammenzuführen,
es aber im Rahmen dieser Theorie kaum zu wissenschaftshistorischen und
–theoretischen Studien kam; wo sie noch in dem klassischen Verständnis
und Gegensatz von Wahrheit und Ideologie verhaftet blieb, bewirkte Foucaults
Ansatz einen erheblichen Fortschritt, denn Wissenschaft, Wahrheit und
Vernunft konnten nun ganz im Sinne von Marx in konkreten Studien als Praktiken
mit ihnen spezifischen Macht- und Herrschaftsverhältnissen bestimmt
werden. Dass vieles von dem, was Foucault Neues zur Diskussion beitrug,
in Ansätzen schon in der älteren Kritischen Theorie zu finden
war, konnte sich im diskursiven Feld jener Zeit nicht so ohne weiteres
erschließen. Insofern haben die Studien Foucaults auch eine fruchtbare
Perspektive auf die Kritische Theorie selbst ermöglicht.
In der darauffolgenden Rezeptionswelle, in deren Mittelpunkt die Analysen
Foucaults zu Gefängnis und Disziplinarmacht standen, konnten Foucaults
Arbeiten als ein Beitrag zur marxistischen Diskussion verstanden werden.
Dies war sicherlich nicht durchgängig der Fall, für viele stellten
die Überlegungen Foucaults ein Ärgernis und eine Provokation
dar. Auf den Punkt gebracht wurde dies mit dem ersten Band von „Sexualität
und Wahrheit“. Die Art und Weise, in der Foucault nun den Begriff
der Macht weit über den der Staatsmacht hinaus ausdehnte, war nicht
mehr ohne weiteres vereinbar mit Auffassungen, wie sie im Anschluss an
Marx als verbreiteter Common Sense in der Linken bestanden. Begriffe wie
Repression oder Unterdrückung wurden von Foucault zum Gegenstand
einer kritischen Analyse gemacht, der für selbstverständlich
gehaltene Zusammenhang von bürgerlicher Sexualmoral, Herrschaft und
Ausbeutung wurde von Foucault seiner Evidenz beraubt. Im Namen einer unterdrückten
Sexualität zu sprechen, galt nun nicht mehr ohne weiteres als emanzipativ.
Seit Anfang der 1980er Jahre setzte eine zunehmende Kritik an Foucault
ein. Er wurde in den Kontext der Postmoderne gerückt – von
der er selbst einmal sagen sollte, dass er gar nicht wüsste, was
diese eigentlich sei. Foucaults Analysen galten nun als wahrheitsrelativierend
und vernunftfeindlich. Seine Bezugnahmen auf Nietzsche, auf Heidegger
machten ihn verdächtig, den Irrationalismus zu fördern.
Solche Einwände warfen kein günstiges Licht auf Foucault. Einer
Diskussion der Zusammenhänge seiner Arbeiten mit denen von Marx waren
sie ebenfalls nicht förderlich. Dazu kam, dass auch die Diskussionen
über Marx zum Erliegen gekommen waren. Viele waren des Seminarmarxismus
überdrüssig, schon seit Mitte der siebziger Jahre wurde mit
einer gewissen Abschätzigkeit von den „blauen Bänden“
gesprochen. Nicht zuletzt wurde Foucault selbst als einer der Gewährsleute
für ein Abrücken von Marx in Anspruch genommen. Er schien die
französischen Neuen Philosophen um André Glucksmann zu unterstützen,
die, vormals führende Vertreter des Maoismus, nun renegatenhaft auf
Distanz gingen und, ganz ähnlich wie vordem schon Popper, gegen die
„Feinde der offenen Gesellschaft“ loszogen. Platon, Hegel,
Marx, Lenin, Stalin – alles musste zum Gulag führen. Dieser
Sicht schien sich auch Foucault anzuschließen. Dies konnte den Eindruck
erwecken, dass Foucault selbst in gewisser Weise von seiner Diskursanalyse
abrückte, die sich solchen idealistischen Ableitungen historischer
Entwicklungen aus Texten entgegengestellt hatte. Die Diskussion über
Marx, die seit Mitte der 1960er einen enormen Aufschwung genommen hatte,
brach in gewisser Weise ab. Dies wurde durch die historischen Ereignisse
seit Ende der 1980er Jahre noch verstärkt. War man zuvor aus ökonomischen
und politischen Gründen gezwungen, sich mit dem Marxismus einfach
deswegen zu beschäftigen, weil er die Herrschaftsideologie der als
kommunistisch geltenden Staaten war – man muss nur einmal daran
erinnern, dass die Volkswagen-Stiftung damals eine textkritische Ausgabe
der Schriften Mao Tse Tungs förderte -, so war dieses Motiv nun hinfällig.
Auch wenn solche Unternehmungen fragwürdig waren und im Kontext der
sog. Systemkonkurrenz und Koexistenzpolitik standen, gaben sie doch einer
ernsthaften, kritischen, emanzipatorisch orientierten Marxrezeption an
den Universitäten ihren Rückhalt. Mit der „Wende“
und der Abwicklung des ostdeutschen Marxismus wurde auch die kritische
Theorie an den westdeutschen und dann gesamtdeutschen Hochschulen mit
abgewickelt. Erst in jüngster Zeit kommt es erneut zu einer Wiederaufnahme
jener Debatten aus den 1970er Jahren.
Sofern Foucault nicht von ‚falschen Freunden‘ vereinnahmt
wurde, die sich – gestützt auf seine Studien zur antiken Ethik
und Kunst der Lebensführung – darüber freuten, dass er
vor seinem Tod doch noch zur Moral- und Subjektphilosophie zurückgefunden
habe, hat sich seit Anfang der 1990er Jahre eine Diskussion entwickelt,
die an den Begriff von Regierung oder Gouvernementalität anschließt,
wie ihn Foucault vor allem in seinen Vorlesungen von 1978 und 1979 darlegte.
Vorgezeichnet von Foucault selbst, erwies sich dieser Begriff fruchtbar
für die Analyse neoliberaler Regierungstechnologien, insbesondere
für den Bereich der Regierung seiner selbst, also Techniken der Selbstführung.
Daraus ist eine regelrechte Foucault-Industrie hervorgegangen. Doch hat
sie nicht nur den Bezug auf frühere Phasen der Arbeit von Foucault,
also eine gewisse Systematik seiner Untersuchungen, vernachlässigt.
Auch der von Foucault aufrechterhaltene Zusammenhang zu den lin-ken Debatten
der 1970er Jahre, zu den sozialen Bewegungen und zu marxistischen Fragestellungen
geriet aus dem Blick.
Solche Konstellationen waren für Diskussionen über Foucault
und Marx, für theoretische und empirische Arbeit, die gleichermaßen
Marx und Foucault in Anspruch nahm, nicht fruchtbar. Warum nimmt sich
nun die PROKLA dieser Thematik an? Um dazu beizutragen, dass diese Diskussion
weiter geführt wird. Die PROKLA ist seit ihrer Gründung insbesondere
der Kritik der politischen Ökonomie verpflichtet, doch beschränkt
sie sich nicht darauf, sondern versucht das gesamte Feld der kapitalistischen
Gesellschaftsformation in den Blick zu nehmen. Der Anspruch der PROKLA
geht auf radikale Herrschaftskritik. Foucaults Analysen stellen in dieser
Hinsicht einen wichtigen Beitrag dar. Es ist deswegen genau zu prüfen,
was Foucault zur Kritik der gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaft
beizutragen hat, wie sich mit ihm Gesellschaftstheorie, die Begriffe von
Marx und die der ihm folgenden Tradition weiter entwickeln lässt,
ebenso auch, wie sich seine eigenen Analysen mit den Begriffen von Marx
weiter entfalten lassen.
Die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Heftes entfalten dazu ein
facettenreiches Spektrum von Positionen. Auf einer recht grundsätzlichen
Ebene beschäftigen sich die Beiträge von Alex Demirovic, Urs
Lindner und Alex Schärer mit der Beziehung zwischen Fouchaultschen
und Marxschen Analysen. Während die ersten beiden Autoren durchaus
Komplementäres und Ergänzendes dabei entdecken, sieht Schärer
die beiden Konzeptionen als unvereinbar an. Auch eher Ergänzendes
sieht Christian Schmidt in den Antworten, die Marx, Althusser und Foucault
auf die Frage nach der Reproduktion der Gesellschaft geben. Mit Foucaults
Diskursanalyse und ihrem Verhältnis zur Ideologietheorie bei Marx
und Althusser setzt sich Florian Kappeler auseinander. Die letzten drei
Beiträge setzen sich mit Foucaults Gouvernementalitätsansatz
auseinander. Dabei versuchen Markus Griesser und Gundula Ludwig unter
Rückgriff auf Gramsci den Foucaultschen Ansatz für eine feministische
Staatstheorie nutzbar zu machen. Urs Marti und Thomas Biebricher zeigen
dagegen aus unterschiedlichen Perspektiven die Grenzen des Gouvernementalitätsansatzes
auf. Außerhalb des Schwerpunkts analysieren Jürgen Hoffmann
und Rudi Schmidt den Lokführerstreik 2007/2008 und fragen nach den
Konsequenzen für die künftigen gewerkschaftlichen Vertretungsstrukturen.
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