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Heft 4 | Prokla 113: Konzentration, Internationalisierung, Vernetzung

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Titel 1998-04
Konzentration, Internationalisierung, Vernetzung (Dezember 1998)

PROKLA-Redaktion: Editorial 504
Leslie Hannah: Die Überlebenschancen der Großen 509
Dorothea Schmidt: Geschlossene Gesellschaft? Die säkulare Entwicklung der Konzentration in der deutschen Elektroindustrie 529
Boy Lüthje: »Vernetzte Produktion« und »post-fordistische« Reproduktion. Theoretische Überlegungen am Beispiel »Silicon Valley« 557
Lothar Hack: Unternehmensinterne Organisation internationaler Arbeitsteilung. Industrielle Forschungs- und Entwicklungsorganisation als Form und Träger von Globalisierungsprozessen 589
Steffen Becker, Thomas Sablowski: Konzentration und industrielle Organisation. Das Beispiel der Chemie- und Pharmaindustrie 619
Robert Guttmann: Die strategische Rolle der Pensionsfonds 643
Jörg Huffschmid, Elmar Altvater: Ein Gespräch über »politischen Kapitalismus«, »Stamokap«, Wettbewerbsfähigkeit und vieles andere 651

Die wachsende Konzentration – dieses Thema bewegte und beunruhigte bis in die siebziger Jahre hinein selbst noch Verfechter der sozialen Marktwirtschaft, die sich deren Verwirklichung als mittelständische Idylle erträumt hatten. Linke Ökonomen wiederum nahmen zwar Lenins harsche Aussage, die Tendenz zur Monopolisierung bedeute nichts als »Stagnation und Fäulnis«, damals meist nicht mehr wörtlich, fanden hier aber einen Kristallisationspunkt ihrer Kapitalismuskritik. Galt doch die »Macht der Oligopole« als eine der wesentlichen Ursachen für Krisen und Fehlentwicklungen des Kapitalismus, ob es um Rationalisierungen und Arbeitsplatzabbau in der westdeutschen Stahlindustrie ging oder um die US-amerikanische Kontrolle der chilenischen Kupferminen, die zur Unterstützung jener Kräfte führte, die das sozialistische Experiment unter Allende gewaltsam beendeten.
Seither ist ein eigenartiges Auseinanderdriften der realen Entwicklung und ihres Niederschlags in wissenschaftlichen und politischen Debatten einer kritischen Öffentlichkeit festzustellen. Das Phänomen, das dabei zunächst ins Auge fällt, ist die stetig wachsende Zahl von Fusionen, vor allem aber die Veränderung von deren Dimensionen. Doch je mehr es davon gibt, um so weniger ruft dies mittlerweile Irritationen hervor oder veranlaßt grundsätzliche Analysen. Man braucht sich nur an die Meldungen des letzten Jahres über Zusammenschlüsse verschiedenster Art zu erinnern: die Victoria-Versicherungsgruppe mit der Hamburg-Mannheimer, Krupp-Hoesch mit Thyssen, der Versicherungs-Konzern Allianz mit den Assurances Générales de France, die Bayerische Vereinsbank mit der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank, Condor (Lufthansa) mit NUR-Touristik (Karstadt), Preussag AG (TUI) mit Hapag Lloyd, der kanadische Gemischtwarenkonzern Seagram mit dem Musikproduzenten Polygram, British Petroleum mit dem US-amerikanischen Mineralölkonzern Amoco. Diese Nachrichten über neue und immer größere Kapitalverflechtungen scheinen seit einigen Jahren bei den meisten zu jenem resignierten Gleichmut geführt zu haben, wie er gegenüber Verkehrstoten, Überschwemmungen und Pöbeleien von Rechtsradikalen üblich geworden ist. Dazu hat sicherlich auch der ideologische Erfolg neoliberaler Politik beigetragen, der es nicht nur gelungen ist, Erscheinungen der Globalisierung als naturwüchsig ablaufende Prozesse hinzustellen, sondern diese verzerrte Wahrnehmung mit einer Standortdiskussion zu verbinden, die den neuen Kapital-Zusammenballungen eine höhere Weihe verlieh. Große und erst recht übernationale Zusammenschlüsse sollten demnach unumgänglich sein, um nationale Standorte zu sichern.
»Setzen Sie Ihren Namen unter die größte Fusion der Automobilgeschichte. Tauschen Sie Ihre Daimler-Benz-Aktien gegen DaimlerChrysler-Aktien, und nehmen Sie an den großartigen Wachstumschancen dieses neuen Unternehmens teil.« Solcherart ermunterte Daimler-Benz seine Aktionäre im Oktober dieses Jahres in einer Anzeige, der geplanten Fusion zum drittgrößten Autokonzern der Welt ihren Segen zu erteilen. Daß sie dieses mit überwältigender Mehrheit taten, wissen wir mittlerweile, ob die Expansion des neuen Konzern-Riesens so »großartig« ausfallen wird, wie man es hier vollmundig ankündigt, muß sich allerdings erst noch herausstellen. Denn die neue Welle der Konzentration ist nicht nur, wie die bisherigen, volkswirtschaftlich höchst bedenklich: unter anderem wegen der massiven Verluste von Arbeitsplätzen, die sie mit sich bringt. Neben diesen zum Teil bereits eingetretenen, zum Teil absehbaren Schädigungen weist sie eine weitere, relativ neue Dimension von Irrationalität auf der einzelwirtschaftlichen Ebene auf. Nach Studien der New Yorker Mercer Consulting Group und von McKinsey ergibt sich, daß jede zweite Fusion in den USA in den letzten Jahren gescheitert ist. Die Erfahrungen haben insbesondere gezeigt, daß die Chance eines Fehlschlags mit der Größe des Zusammenschlusses stetig zunimmt. Ein prominentes Beispiel dafür ist die Übernahme der Hollywood-Studios Columbia Pictures und MCA durch die japanischen Konzerne Sony und Matsushita, die den Erwerbern Verluste von mehr als 3 Mrd. Dollar einbrachten. Ähnliches ist bekannt von Verflechtungen im Eisenbahn- und Telefonsektor sowie in der Pharmabranche. Selbst die Automobilindustrie hat bereits eine in den Sand gesetzte Vorläufer-Fusion aufzuweisen: die zwischen Daewoo und General Motors. Auch in Deutschland fehlt es nicht an warnenden Beispielen, zu denen eine Reihe verlustbringender Firmenaufkäufe durch Daimler-Benz ebenso gehören wie das Desaster, in dem die Pläne des Bremer Vulkan endeten, sich einen »maritimen Technologie-Konzern« zusammen zu zimmern.
Dennoch: »Big ist chic« – wie der Spiegel anläßlich der geplanten Daimler-Chrysler-Fusion kommentierte. Der scheinbar wider alle Vernunft durchgehaltene kapitalistische Modetrend sollte also Anlaß genug sein, ein PROKLA-Heft sowohl der historischen Entwicklung wie der aktuellen Konzentration des Kapitals zu widmen. Dabei zeigt vor allem die historische Betrachtung, daß die weit verbreitete Vorstellung einer unausweichlich zunehmenden Konzentration, einer kapitalistischen Konkurrenz, die nur die Größten überleben läßt, allenfalls Teilaspekte der Wirklichkeit widergibt. Leslie Hannah untersuchte das Schicksal der 100 international größten Unternehmen des Jahres 1912 und stellte dabei fest, daß 1995 nur noch die Hälfte dieser ehemaligen Giganten existierte und lediglich ein Fünftel noch immer zu den 100 Größten zählt. Dies demonstriert eindrucksvoll, wie Machtpositionen, die den meisten Zeitgenossen ähnlich unangreifbar vorkommen mußten wie heutzutage diejenige von Bill Gates, relativ labil erscheinen, sobald man sie in einer größeren zeitlichen Perspektive betrachtet. Bemerkenswert ist auch das Ergebnis, daß dabei keine bedeutsamen Unterschiede zwischen Ländern oder Branchen bestanden, sondern diese am ehesten innerhalb der Branchen selbst auftraten. Die Entwicklung einer einzelnen Branche, nämlich der deutschen Elektroindustrie diskutiert Dorothea Schmidt. Diese Branche erschien vielen Zeitgenossen bereits vor dem Ersten Weltkrieg als Paradebeispiel für die Entstehung großer Machtblöcke, die oftmals als unumgängliche Bedingung dafür galten, aufwendige Forschung und Entwicklung in Laboratorien und Versuchseinrichtungen voranzutreiben und kapitalintensive Großprojekte wie etwa Kraftwerke zu realisieren. Dennoch zeigt der spätere Verlauf, daß der scheinbar vorgezeichnete Weg keineswegs geradlinig weiter ging, da es immer wieder zu Wellen der Neugründung kleinerer Unternehmen kam, und die Mittel, mit denen die Großen ihre Überlegenheit zeitweilig zementierten, in anderen Perioden genausogut zu geschäftlichen Mißerfolgen führen konnten.
Klassische Konzentrationsprozesse und Fusionen stellen somit nur eine, aber nicht die einzige Erscheinungsform industrieller Restrukturierung dar. Andere Formen können unauffälliger, aber nicht weniger folgenreich sein. So konstatieren Steffen Becker und Thomas Sablowski am Beispiel der Chemie- und Pharmaindustrie eine industrielle Restrukturierung, bei der es derzeit zu organisatorischen Dezentralisierungen und Desintegrationen kommt. Darin drückt sich allerdings keine allgemeine Tendenz zur Dekonzentration aus, eher stellt die »Besinnung auf das Kerngeschäft« eine neuartige Form der keineswegs aufgegebenen strategischen Vormachtposition der etablierten Unternehmen dar. Die Autoren zeigen, daß es den Großen der Branche insbesondere durch die Schaffung von Produktions-Netzwerken gelingt die wachsenden Unsicherheiten über künftige Produktentwicklungen zu einem guten Teil auf kleinere »start-up«-Unternehmen abzuwälzen.
»Vernetzung« spielt insbesondere auch in der Computerindustrie eine zentrale Rolle. Wie Boy Lüthje vor allem in Hinblick auf Betriebe von Silicon Valley aufzeigt, fand hier eine weitgehende vertikale Desintegration statt, die mit einer globalen Vernetzung der Produktion über contract manufacturing einhergeht, welche eine weltweite Vernutzung unterschiedlich qualifzierter Arbeitskraft erlaubt. Daß sich dieser Prozeß aber keineswegs in das – inzwischen »alte« – Muster der »neuen internationalen Arbeitsteilung« einpaßt, wird an der (geschlechtlichen und ethnischen) Neuzusammensetzung der Belegschaften in Silicon Valley deutlich.
Vernetzung auf internationaler Ebene spielt auch in dem Beitrag von Lothar Hack eine zentrale Rolle. Er beleuchtet wie ein Unternehmen, dessen dominante Stellung in erheblichem Maß auf seinen Vorsprüngen im Bereich der Forschung und der Entwicklung neuer Produkte basiert, diese Position unter den heutigen Bedingungen einer starken internationalen Verflechtung zu bewahren sucht. Am Beispiel von Siemens wird die Frage gestellt, inwieweit ein solcher Großkonzern mit seiner Vielzahl von Kooperationen, weltweiten Tochterfirmen und Beteiligungen hier nicht nur transnational, sondern wirklich global agiert. In der Tat finden sich nicht nur netzwerkartige Organisationen, die ähnlich wie bei der Chemie und Pharmaindustrie die Nutzung von »start-up«-Unternehmen für die eigenen Zwecke einschließen, sondern auch die neue Form dezentraler »Kompetenzzentren«, die weltweit gestreut, also keineswegs nur auf die Länder der Triade beschränkt sind. Deren Funktionen richten sich sowohl auf die lokale wie auf die globale Ebene: Sie sollen die Nähe zu den Kunden ebenso gewährleisten wie den Nutzen arbeitsteiliger Forschung und Entwicklung realisieren, was allerdings zu erheblichen Koordinationsproblemen führt.
Daß gerade die Internationalisierung eine Form der Konzentration sein kann, läßt sich an der Entwicklung von VW besonders deutlich nachvollziehen. Ein dazu vorliegender Beitrag von Thomas Haipeter konnte aus Platzgründen nicht mehr in dieses Heft aufgenommen werden. Er wird in der nächsten Nummer der PROKLA, dem zweiten Europa-Heft (März 1999) erscheinen.
In der letzten PROKLA (Nr 112: Osteuropa und der Westen) analysierte Katharina Müller die neue rentenpolitische Orthodoxie Osteuropas, die sich an das Modell der Pensionsfonds anlehnt. Die ökonomische Bedeutung solcher Pensionsfonds, die bisher vor allem in den USA und in Großbritannien verbreitet waren und insbesondere in den Übernahmeschlachten der 80er Jahre eine wichtige Rolle spielten, untersucht Robert Guttmann. Aufgrund verschiedener institutioneller Wandlungen stellt er bei ihnen eine Veränderung von einer nur kurzfristigen Gewinnorientierung hin zu eher »aktiven« Eigentümern, die stärker als früher an der Entwicklung »ihrer« Unternehmen (d.h. derjenigen Unternehmen, von denen sie Aktien und Anleihen halten) interessiert sind. Ob sich damit aber schon der immer noch weit verbreitete »Casino-Kapitalismus« (Susan Strange) grundsätzlich ändern wird, erscheint fraglich. Noch immer dominiert an den Finanzmärkten das kurzfristige Interesse an der Maximierung des »Shareholder-Value«. Und dieses ist dazu angetan, wie der britische Economist 1990 in einem längeren Essay über die Zukunft des Kapitalismus besorgt hervorhob, gesamtwirtschaftliche Instabilitäten zu erhöhen. Die Zeitschrift, der sicherlich keinerlei Sympathie für den Klassenkampf von unten zu unterstellen ist, diagnostizierte eine Entwicklung, die dazu führe, daß ein Großteil der kapitalistischen Eigentümer keinerlei Interesse am dauerhaften Gedeihen eines Unternehmens aufweisen. Einen Anteil an einem solchen zu besitzen, bedeute ihnen allenfalls so viel wie jemandem, der sich bei Pferdewetten engagiere, »to imagine that he owns part of Lucky Lady, running in the 2.30 tomorrow afternoon.«
Von marxistischer Seite sind Konzentrationsprozesse in diesem Jahrhundert vor allem im Rahmen der auf Lenin und Eugen Varga zurückgehenden Theorie vom »staatsmonopolistischen Kapitalismus« diskutiert worden, die nicht nur die Monopolbildung, sondern vor allem auch die Verquickung von ökonomischer und politischer Macht thematisierte. Unter anderem mit dem (auf Max Weber zurückgehenden) Konzept des »politischen Kapitalismus«, das in manchen Hinsichten an den »Stamokap« erinnert, werden gegenwärtig die Transformationsökonomien Osteuropas analysiert (vgl. Melanie Tatur und Jadwiga Staniszkis in der letzten PROKLA). Was es mit solchen Ähnlichkeiten auf sich hat und wie diese Ansätze für eine an der Veränderung kapitalistischer Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse interessierten Analyse fruchtbar gemacht werden können, ist noch längst nicht klar; Elmar Altvater und Jörg Huffschmid erörtern solche Fragen in einem Dialog mit offenem Ende.

One Response to “Heft 4 | Prokla 113: Konzentration, Internationalisierung, Vernetzung”

  1. PROKLA » Blog Archiv » Editorial PROKLA 169 Says:

    […] Jahre 1998 gab bereits einmal ein PROKLA-Heft zu Konzentration (PROKLA 113: Konzentration, Internationalisierung, Vernetzung). Damals stand die Fusion der Konzerne Daimler und Chrysler an, die Daimler-Chef Jürgen Schrempp […]

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