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Call for Papers PROKLA 197

Widersprüche, Brüche und Krisen der sozialen Reproduktion

(Heft 4, Dezember 2019)

 

Der Begriff der sozialen Reproduktion hat in der feministisch-theoretischen, aber auch politischen Debatte eine lange Tradition. Schon in der ersten Frauen*bewegung wurde um die Umgestaltung von Hausarbeit gestritten sowie über Ideen für die Überwindung ihrer Unsichtbarkeit und der damit einhergehenden Isolierung von Frauen* im „Privaten“ nachgedacht – so wurden beispielsweise neue Formen nachbarschaftlicher Organisierung, etwa Hausfrauenkooperativen sowie neue Baukonzepte wie das küchenlose Haus, die Kindertagesstätte, die öffentliche Küche oder der Gemeinschaftsspeisesaal entwickelt. Auch in der zweiten Frauen*bewegung haben Fragen unbezahlter Hausarbeit und der Kinderversorgung im „Privaten“ eine wesentliche Rolle gespielt. Insbesondere in der sog. Hausarbeitsdebatte wurde hierfür das Verhältnis von häuslicher Arbeit zur kapitalistischen Produktion theoretisiert und somit nicht nur Probleme der sozialen Reproduktion, sondern auch ihrer Verortung im gesellschaftlichen Zusammenhang thematisiert. Seine jüngste Konjunktur erlebt der Begriff der sozialen Reproduktion im Kontext der Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2008. In den Debatten um eine Care-, Sorge- oder Krise der sozialen Reproduktion werden die als krisenhaft erlebten Zuspitzungen in den Bereichen der öffentlichen Daseinsvorsorge ebenso thematisiert wie in den „privat“ geleisteten Sorgeverantwortungen oder den transnationalen und globalen Verschiebungen von „Care“. In diesem Sinne gibt der Begriff gegenwärtig aber auch Anlass zu einer erneuten Wieder-Zuwendung materialistisch-feministischer Auseinandersetzungen (vgl. PROKLA 174).

Bereits seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert sind Themen der sozialen Reproduktion also wesentlicher Teil der Geschichte feministischer Theorie und Politik; und mit ihnen verknüpft auch von Fragen nach dem „Geschlecht“ sowie nach dem gesellschaftlichen und kapitalistischen Zusammenhang. Zugleich bleiben der Begriff der sozialen Reproduktion, aber auch jener der Krise schillernd und teilweise unscharf. Gegenwärtig erscheinen uns besonders dreierlei Beobachtungen und Problemkonstellationen interessant:

Erstensverschiebt sich im Verlauf der Geschichte das „Feld“ der Auseinandersetzungen. Denn mit der Durchsetzung neoliberaler Politiken ab den 1980er Jahren wird der zentrale Fokus auf die privatisierte Hausarbeit als wesentlicher „Ort“ der sozialen Reproduktion infrage gestellt. So ist beispielsweise das Verhältnis zwischen Lohnarbeit und Reproduktion und damit zusammenhängend zwischen dem „Öffentlichen“ und „Privaten“ stets umkämpft. Während noch in der Phase des Fordismus das männliche* Alleinernährermodell (vor allem in der bundesdeutschen Entwicklung; anders in Ostdeutschland) dominant gewesen ist und ein Großteil der reproduktiven Verantwortung von Frauen* und meist unbezahlt im „Privaten“ geleistet wurde, haben sich in den letzten Jahrzehnten sowohl die Lohnarbeitsverhältnisse als auch Formen der sozialen Reproduktion gewandelt. Der Wandel vom modernisierten Versorgermodell hin zum Adult-Worker-Model mit zwei (Vollzeit-)Erwerbstätigen ist in vollem Gange. Das führt zu einer spezifischen Veränderung auch der sozialen Reproduktion. Im Rahmen der social investment policyseit Mitte der 1990er-Jahre und der Demografiepolitiken seit den 2000er Jahren wird der Blick stark auf die Förderung der Erwerbstätigkeit von Frauen*, Müttern* und zukünftigen Arbeitskräften gelenkt. Entsprechend wird gegenwärtig im Rahmen des Ausbaus frühkindlicher Betreuung investiert, während andere Bereiche des Sozialstaats abgebaut werden. Durch die Verschiebung von Care-Tätigkeiten in die „professionelle und bezahlte“ Fürsorge, für die früher weitgehend Frauen* privat und unbezahlt zuständig waren, werden teilweise Möglichkeiten zur Erwerbsarbeit geschaffen. Zugleich bildet diese nicht zwangsläufig eine Emanzipationsperspektive oder die Überwindung patriarchaler Verhältnisse ab – auch wenn sie in der zweiten Frauen*bewegung vor allem gegen das Kernfamilienmodell überhaupt erst erkämpft werden musste. Darüber hinaus brechen in Teilen der bezahlten Fürsorge angesichts von Inwertsetzungen, Ressourcenverknappung, Zeit- und Kostendruck und/oder der Reorganisation der Arbeit selbst neue Konflikte auf, die meist von Frauen* (an)geführt werden. Neben der ungleichen Entwicklung in verschiedenen Bereichen der Sorgearbeit entstehen aber auch ungleiche und klassenselektive Möglichkeiten hinsichtlich des Zugangs zur „professionellen“ Fürsorge.

Zweitensverweisen antirassistisch-feministische Autor*innen darauf, dass sich das Verhältnis von öffentlich und privat, von bezahlter und unbezahlter Arbeit für migrantische Familien und People of Colorstets widersprüchlich darstellte. Damit machen sie darauf aufmerksam, dass das Alleinernährermodell ökonomisch wie kulturell stets nur spezifischen Bevölkerungsteilen vorbehalten war, der alleinige Fokus auf „Hausarbeit“ für einen Blick auf soziale Reproduktionsverhältnisse folglich nicht ausreicht. Auch die neoliberale Globalisierung und die dadurch forcierten Migrationsbewegungen machen es notwendig, rassistisch konstruierte Differenzen in den Blick zu nehmen – denn die soziale Reproduktion wird nicht nur vergeschlechtlicht, sie wird auch rassifiziert. Für eine Analyse der Reproduktionsverhältnisse bedeutet dies, die ungleiche Verteilung reproduktiver Verantwortung entlang dieser Differenzen ebenso in den Blick zu nehmen (etwa die Delegierung von Care-Tätigkeiten an Migrant*innen) wie die staatliche Regulierung von Migration. Damit hängt zusammen, dass die Reproduktion der Arbeitskraft selbst im großen Maßstab außerhalb der kapitalistischen Zentren und damit „billig“ sichergestellt, zugleich wirtschaftliche Interessen teilweise darin bestehen, diese über Migrationspolitiken aber wieder in die Zentren zu „integrieren“.

Drittensaber wird sichtbar, dass der Begriff der sozialen Reproduktion vielfältig verwendet wird. So werden im Zusammenhang mit Themen der sozialen Reproduktion zwar immer auch Fragen nach dem „Geschlecht“ und oftmals auch nach dem gesellschaftlichen und kapitalistischen Zusammenhang verknüpft. Dennoch war und ist die Diskussion von einer Vielzahl an unterschiedlichen und teils widersprüchlichen Konzepten geprägt. Soziale Reproduktion meint darin ebenso die Reproduktion der Arbeitskraft wie Hausarbeit, Care oder Fürsorge-Arbeit, die Produktion des Lebens oder den Zugriff auf weibliche* und vergeschlechtlichte Gebärfähigkeit und Generativität, aber auch den Zugriff auf rassifizierte Körper und deren Arbeitskraft. Damit zusammen hängt ebenfalls, dass auch die Konzeptualisierung der „Krise“ im Kontext der Debatten um eine Krise der sozialen Reproduktion, Fürsorge, Care oder Sorge unterschiedlich aufgefasst wird. Wie ist es vor diesem Problemhintergrund möglich, den Begriff der sozialen Reproduktion sowie ihrer möglichen Krise so zu konzeptualisieren, dass er die Transformationen in den Reproduktionsverhältnissen im Zusammenhang mit einem Wandel kapitalistischer (Re-)Produktion begreift? Wie kann ausgehend vom Begriff der sozialen Reproduktion das gesellschaftliche Ganze in den Blick geraten? Und inwiefern und in welcher Weise kann hier gegenwärtig von „Krisen“ gesprochen werden?

Seit geraumer Zeit werden also weitreichende Transformationen der sozialen Reproduktionsverhältnisse diskutiert, in denen mehrere Tendenzen ineinandergreifen: der Wandel der Arbeits- und Lebensformen, die Veränderung von Sozialstaatlichkeit, die Transnationalisierung von Arbeit und sozialer Reproduktion, die forcierte Inwertsetzung von Care und Care-Arbeit sowie die darin je auftretenden Widersprüche, Verschärfung und Krisen in den sozialen Reproduktionsverhältnissen.

In dem geplanten PROKLA-Schwerpunktheft interessieren uns folglich sowohl theoretisch-konzeptionelle Auseinandersetzungen mit den Begriffen der sozialen Reproduktion (oder von Care, Fürsorge, Sorge usw.), ihrer Krise und ihrer Verortung im kapitalistischen Gefüge, wie auch die beobachtbaren Brüche, Widersprüche und Kämpfe, die aktuell in und um soziale Reproduktionsverhältnisse geführt werden. Dies kann die bereits benannten Verschiebungen ebenso umfassen wie konkret stattfindende Auseinandersetzungen. Exemplarisch hierfür stehen etwa das Netzwerk Care-Revolution, die Streiks am 8. März oder die Organisierung der Pflegekräfte. In den letzten Jahren haben sich die Auseinandersetzungen um die Frage der Reproduktion bzw. Care-Arbeit intensiviert. Gleichzeitig wird in Deutschland aber ebenso wie in vielen anderen Ländern um soziale Reproduktion auch von Rechts gestritten; etwa um das Abtreibungsrecht oder die familienpolitische Ausrichtung. Denn mit der AfD hat sich in Deutschland, analog zu den meisten anderen Ländern, eine rechte Partei etabliert, die traditionelle Rollenbilder hofiert, klar antifeministische Positionen vertritt und mit einer „aktivierenden Familienpolitik“ und einer „Willkommenskultur für Neugeborene“ für eine spezifische Reproduktion vor allem der weißen* Bevölkerung eintritt. Ein ähnliches Ziel verfolgen auch die explizit pronatalistischen familienpolitischen Reformen, die in den letzten Jahren von rechten Regierungen etwa in Polen oder Ungarn umgesetzt worden sind. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, inwieweit die verschiedenen Auseinandersetzungen miteinander verbunden sind und welche Perspektiven es für feministische Kämpfe in den nächsten Jahren gibt.

Das geplante Heftes soll die Kämpfe um Reproduktion und damit verbundene Geschlechterverhältnisse analysieren und in Verbindung setzen mit den politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Mögliche Fragen könnten neben den genannten Themenkomplexen sein:

- In den letzten Jahren haben sich die Auseinandersetzungen um die Reproduktion bzw. Sorgearbeit intensiviert. Was sind die tieferliegenden gesellschaftlichen Ursachen dafür?

- Inwiefern greift die Transformation der sozialen Reproduktion und die Transformation des Kapitalismus ineinander? In welcher Weise sind diese Entwicklungen umkämpft? Wo treten Widersprüche und Krisen auf?

- Was für feministische Praktiken wurden entwickelt und in welchem Verhältnis stehen diese zueinander?

- Welche Ansätze der Organisierung gibt es im Bereich der bezahlten Sorgearbeit (bspw. in den Krankenhäusern)? Und worum werden die Kämpfe hierbei geführt?

- Wie verändern sich die sozialen Reproduktionsverhältnisse vor dem Hintergrund der globalen Verschiebung von „Care“? Welche Rolle spielen dabei Migrationspolitiken und worauf zielen diese gegenwärtig? Wie wird dadurch der Zugriff auf Arbeitskräfte erweitert und zugleich rassifiziert? Inwiefern und welche Formen von Widerstand gibt es dagegen?

- Welche Herausforderungen stellen rechte Bewegungen und Parteien für feministische Kämpfe dar? Wie wird Reproduktion und Care-Arbeit von rechts aufgegriffen? Welche Widersprüche und Konflikte gibt es innerhalb des rechten Spektrums?

- In Deutschland laufen vor dem Hintergrund des Urteils gegen die Ärztin Kristina Händel die Auseinandersetzungen um die Paragraphen 218 und 219 des Strafgesetzbuches. Wie sind diese Auseinandersetzungen einzuordnen? Wie laufen die Auseinandersetzungen in anderen Ländern?

Die Redaktion lädt zur Einsendung von Exposés von 1-2 Seiten bis zum 22. Mai 2019 ein. Die fertigen Artikel sollen bis zum 15. September 2019 vorliegen und einen Umfang von 45.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen, Fußnoten und Literaturverzeichnis) nicht überschreiten. Zusendung bitte als word- oder odt-Datei mit Angabe des AutorInnennamens an:

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