Jahrgänge

2018-2012 | 2012-2006 | 2006-2000 | 2000-1994 | 1993-1987 | 1987-1981 | 1981-1974 | 1974-1971

  • 2000

  • Re-Regulierung der Weltwirtschaft
    Bd. 30 Nr. 118 (2000)

    Auf den ersten Blick scheinen sich die Diskurse zu ähneln: Um die Wende zum 20. Jh. wurde die „Anarchie des Marktes“ für die heftig wütenden ökonomischen Krisen der Vergangenheit verantwortlich gemacht. Sie verunsicherten mit sozialstaatlich nicht abgesicherter Arbeitslosigkeit und daraus resultierendem Massenelend, Firmenzusammenbrüchen und sozialen Unruhen die kapitalistischen Industriegesellschaften. Von der „Organisation des Kapitalismus“, von der Einführung regulierender Elemente in die Marktwirtschaft gegen die ungezügelte Konkurrenz haben sich sogar liberale Wirtschaftstheoretiker wie Naumann und erst recht Sozialdemokraten wie Hilferding und andere „Austromarxisten“, später auch Kommunisten eine Verhinderung der Krisen oder zumindest eine Linderung ihrer schlimmsten Auswirkungen versprochen. Bis zur großen Depression der frühen dreißiger Jahre war diese Sichtweise weit verbreitet: Die regulierende Organisation des Kapitalismus könne dazu beitragen, Krisen zu vermeiden. Weil man diese einfache Lehre in den „roaring twenties“ nicht befolgt habe, sei es zu der großen Weltwirtschaftskrise nach dem Schwarzen Freitag vom Oktober 1929 gekommen. So nahezu einvernehmlich die Krisentheoretiker der 20er und 30er Jahre. Hundert Jahre später, am nächsten „fin de siècle“ sind wir Zeugen eines durchaus vergleichbaren Diskurses: Man müsse das entfesselte, weil fast vollständig deregulierte globale Finanzsystem bändigen, um drohenden Finanzkrisen vorzubeugen und, wenn sie denn eingetreten seien, politische Lösungspakete gegen ihre Konsequenzen zu schnüren. Die anarchischen Märkte sollen wieder organisiert werden – wie hundert Jahre zuvor, nur die Sprache hat sich geändert. Heute heißt die Organisation des Kapitalismus: Re-Regulierung des globalen Finanzsystems.

  • 1999

  • Informalisierung: Transformationen und Überlebensstrategien
    Bd. 29 Nr. 117 (1999)

    „Die kleinsten Kinder sind auf mancherlei Weise beschäftigt. Ein großer Teil derselben trägt Fische zum Verkauf…; andere sieht man sehr oft in der Gegend des Arsenals, oder wo sonst etwas gezimmert wird, wobei es Späne gibt, auch am Meere, welches Reiser und kleines Holz auswirft, beschäftigt, sogar die kleinsten Stückchen in Körbchen aufzulesen… Sie gehen nachher mit den Körbchen tiefer in die Stadt und setzen sich mit ihren kleinen Holzportionen gleichsam zu Markte… Andere Kinder tragen das Wasser der Schwefelquellen… Eine sehr große Anzahl von Menschen… beschäftigen sich, das Kehricht auf Eseln aus der Stadt zu bringen. Das nächste Feld… ist nur ein Küchengarten, und es ist eine Freude, zu sehen, welche unsägliche Menge von Küchengewächsen alle Markttage hereingeschafft wird und wie die Industrie der Menschen sogleich die überflüssigen, von den Köchen verworfenen Teile wieder in die Felder bringt, um den Zirkel der Vegetation zu beschleunigen… Ich würde zu weit aus meinem Wege gehen, wenn ich hier von der mannigfachen Krämerei sprechen wollte…; allein ich muß doch hier von den Herumträgern sprechen… Einige gehen herum mit Fäßchen Eiswasser, Gläsern und Zitronen…; andere tragen Körbe allerlei Backwerks, Näscherei. Zitronen und anderes Obst umher… Wie diese Art Herumträger geschäftig sind, so gibt es noch eine Menge kleiner Krämer, welche gleichfalls herumgehen und, ohne viele Umstände, auf einem Brett, in einem Schachteldeckel ihre Kleinigkeiten oder auf Plätzen, geradezu auf flacher Erde, ihren Kram ausbieten… Ich weiß wohl, daß dies viel zu allgemein gesagt ist und daß die Charakterzüge jeder Klasse nur erst nach einer genauern Bekanntschaft und Beobachtung rein gezogen werden können, allein im ganzen würde man doch, glaube ich, auf diese Resultate treffen…“ So beschreibt Johann Wolfgang von Goethe den „informellen Sektor“ Neapels in seinen Aufzeichnungen vom 28. Mai 1787 während der „italienischen Reise“.

  • „Rot-Grüner“ Absturz
    Bd. 29 Nr. 116 (1999)

    Gerade ein Jahr ist es her, daß „Rot- Grün“ einen glänzenden Wahlerfolg erlebte. Nicht nur wurde zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik eine Bundesregierung tatsächlich abgewählt, mit den Grünen war in der Regierung erstmals eine Partei vertreten, die ihre Gründung und ihren Aufstieg den außerparlamentarischen Protestbewegungen der späten 60er und 70er Jahre sowie der Friedensbewegung der 80er Jahre zu verdanken hatte. In diesem einen Jahr ist es der rot-grünen Regierung allerdings gelungen, auch noch die minimalsten Erwartungen, die man in sie gesetzt hatte, zu unterbieten. „Rot-Grün“ befindet sich nicht nur in den gerade lancierten Umfragewerten im Sturzflug, „Rot-Grün“, verstanden als Projekt einer wenigstens ansatzweisen Alternative zur konservativ-neoliberalen Politik der Vorgängerregierung, ist bereits in diesem ersten Regierungsjahr abgestürzt. Für die PROKLA war dies Grund genug sich mit diesem Absturz zu beschäftigen und den geplanten Schwerpunkt zu Drogenhandel, Sicherheitsapparaten und damit verbundenen gesellschaftlichen Transformationsprozessen auf das nächste Jahr zu verschieben. In doppelter Hinsicht symbolisch war die Wiederherstellung der vollen Lohnfortzahlung im Krankheitsfalle zu Beginn der Legislaturperiode: die materiellen Auswirkungen blieben gering, da die Lohnfortzahlung bereits in vielen Tarifverträgen vereinbart worden war; zum anderen blieb dies aber das einzige Wahlversprechen (neben der Kindergelderhöhung), das wirklich eingelöst wurde. In der Folge gab es dann nur noch Abstürze in den verschiedensten Bereichen. Die grundlegende Reform des Staatsbürgerschaftsrechts wurde gegen den Druck einer deutschtümelnden CDU/CSU nicht wirklich verteidigt, schnell wurde dem nachgegeben, was man für die Gemütslage des Volkes hielt. Ganz ähnlich beim vollmundig angekündigten Atomausstieg: konzeptionslos stand die Regierung den Kraftwerksbetreibern gegenüber, die – keineswegs überraschend, von „Rot- Grün“ aber offensichtlich unerwartet – ihre längst abgeschriebenen und daher besonders profitablen AKWs auf keinen Fall frühzeitig abschalten wollen. Die Liste ließe sich fortsetzen.

  • Totalitarismus und Liberalismus
    Bd. 29 Nr. 115 (1999)

    Der Rückblick auf das ablaufende Jahrhundert fordert zu übergreifenden Deutungen und globalen Begriffen heraus, die seine großen Konfliktformationen, seine katastrophischen Brüche und überraschenden Wendepunkte verständlich machen. Die vorherrschenden Interpretationslinien ranken sich um das Jahr 1989, in dem das Licht der liberalen Demokratie den Sieg über das totalitäre Reich des Bösen davongetragen zu haben schien. Die universelle Durchsetzung von politischer Freiheit auf der einen, marktwirtschaftlicher Rationalität auf der anderen Seite scheinen das Tor zu einer neuen Welt aufgestoßen zu haben, welche die religiösen, nationalistischen und ideologischen Konflikte hinter sich läßt und allenfalls noch einige Nachhutgefechte mit den letzten Vertretern einer untergehenden Epoche austrägt. Selbst die einzig noch herrschende kommunistische Partei von Bedeutung sah sich veranlaßt, das Privateigentum in der chinesischen Verfassung zu verankern. Insofern trifft es zu, daß die »Revolutionen von 1989« nichts Neues hervorgebracht, sondern in ungeahnter Weise die Gesellschaftsform affirmiert hat, welche der Sozialismus überwinden wollte. Die großen Veränderungen des letzten Jahrzehnts haben zu einem gewissen Sprachverlust der Linken geführt. Die Auflösung des osteuropäischen »Realsozialismus « hat den Abschied von einem Vokabular beschleunigt, das politische Konstellationen in den Begriffen der Klassentheorie zu bestimmen und gesellschaftliche Veränderungen nach ihrem Fortschrittscharakter beurteilte. Vielen gilt »Sozialismus« nicht mehr als ein historisches Projekt, sondern bestenfalls als defensives Reformprogramm zur Zivilisierung einer entgrenzten Ökonomie und zur Versicherung gegen Marktrisiken.

  • Europa II: Währung, Sozialstaat, Arbeitsmärkte
    Bd. 29 Nr. 114 (1999)

    Europa ist ein wirtschaftlicher Riese und ein politischer Zwerg. In diesem Sinn kritisiert nicht nur der Kommissionspräsident Jacques Santer das Fehlen einer gemeinsamen europäischen Außenpolitik. Während der europäischen Politik konsensfähige Handlungsziele nach außen fehlen, hat sich eine europäische 'Innenpolitik' im Laufe der Zeit durch die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs, das europaweite kommunale Wahlrecht und, nicht zuletzt, durch das Schengener Abkommen sowie seit Beginn des Jahres auch durch eine gemeinsame Währung etabliert. Doch auch hier wiederholt sich das Verhältnis eines Riesen zu einem Zwerg: Das monetär integrierte Europa hat bedeutend an globalem Einfluß gewonnen, während der Kompetenzrahmen für eine europäische Politik, soweit sie nicht auf die weitere Durchsetzung von Marktmechanismen zielt, weiterhin ein gnomenhaftes Dasein führt. Die Jahrzehnte unter neoliberaler Hegemonie hinterlassen eine europäische Architektur, in der entfesselte Kapitalinteressen gegenüber der Ausweitung staatsbürgerlicher und sozialer Rechte dominieren. Europa wird von einer Administration verwaltet, die nur sehr eingeschränkt der Kontrolle durch ein gewähltes Parlament unterliegt. Und wie der jüngste Korruptionsskandal um die Europäische Kommission vor Augen geführt hat, ist das Europäische Parlament bislang ein bellender Hund, der sich rasch an die Kette national geprägter Parteiloyalitäten legen läßt. Auch die Europäische Kommission verfügt freilich nur über ein beschränktes Aktionsfeld: Sie hat die unter Berücksichtigung verschiedener Interessengruppen und des Europäischen Parlaments ausgearbeiteten Vorlagen dem Ministerrat vorzulegen, damit sie gegebenenfalls in Gemeinschaftsrecht umgesetzt werden können. Und im Ministerrat werden weiterhin national vordefinierte Standpunkte ins Verhältnis gesetzt – auf kleinstem gemeinsamen Nenner. Die entscheidenden Weichenstellungen der europäischen Politik werden nicht von demokratisch legitimierten Institutionen, sondern »intergovernemental«: auf Regierungskonferenzen vorgenommen.

  • 1998

  • Konzentration, Internationalisierung, Vernetzung
    Bd. 28 Nr. 113 (1998)

    Die wachsende Konzentration – dieses Thema bewegte und beunruhigte bis in die 70er Jahre hinein selbst noch Verfechter der sozialen Marktwirtschaft, die sich deren Verwirklichung als mittelständische Idylle erträumt hatten. Linke Ökonomen wiederum nahmen zwar Lenins harsche Aussage, die Tendenz zur Monopolisierung bedeute nichts als »Stagnation und Fäulnis«, damals meist nicht mehr wörtlich, fanden hier aber einen Kristallisationspunkt ihrer Kapitalismuskritik. Galt doch die »Macht der Oligopole « als eine der wesentlichen Ursachen für Krisen und Fehlentwicklungen des Kapitalismus, ob es um Rationalisierungen und Arbeitsplatzabbau in der westdeutschen Stahlindustrie ging oder um die US-amerikanische Kontrolle der chilenischen Kupferminen, die zur Unterstützung jener Kräfte führte, die das sozialistische Experiment unter Allende gewaltsam beendeten. Seither ist ein eigenartiges Auseinanderdriften der realen Entwicklung und ihres Niederschlags in wissenschaftlichen und politischen Debatten einer kritischen Öffentlichkeit festzustellen. Das Phänomen, das dabei zunächst ins Auge fällt, ist die stetig wachsende Zahl von Fusionen, vor allem aber die Veränderung von deren Dimensionen. Doch je mehr es davon gibt, um so weniger ruft dies mittlerweile Irritationen hervor oder veranlaßt grundsätzliche Analysen. Man braucht sich nur an die Meldungen des letzten Jahres über Zusammenschlüsse verschiedenster Art zu erinnern: die Victoria-Versicherungsgruppe mit der Hamburg-Mannheimer, Krupp-Hoesch mit Thyssen, der Versicherungs- Konzern Allianz mit den Assurances Générales de France, die Bayerische Vereinsbank mit der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank, Condor (Lufthansa) mit NUR-Touristik (Karstadt), Preussag AG (TUI) mit Hapag Lloyd, der kanadische Gemischtwarenkonzern Seagram mit dem Musikproduzenten Polygram, British Petroleum mit dem US-amerikanischen Mineralölkonzern Amoco.

  • Europa I: Osteuropa und der Westen
    Bd. 28 Nr. 112 (1998)

    Viele, vor allem westliche Einschätzungen der osteuropäischen Reformpolitik waren noch bis vor kurzem von der selbstgewissen Ansicht geprägt, daß die postkommunistische Transformation in den fortgeschritteneren Reformstaaten im wesentlichen abgeschlossen sei. Die entscheidende Aufgabe der Politik wurde im Bruch mit den zentralen Institutionen des Sozialismus gesehen – und die Kommunistischen Parteien und die Planbürokratien waren auch innerhalb kürzester Zeit von der Bildfläche verschwunden. Die konstruktiven Leistungen des Staats sollten sich im Großen und Ganzen darauf beschränken, die Basisinstitutionen eines »demokratischen Kapitalismus« zu etablieren. Die Fortschritte einzelner Länder wurden an einem Entwicklungspfad mit klar festgelegten Wegmarken gemessen, dessen Richtung alternativlos vorgezeichnet war. Nahezu alle osteuropäischen Regierungen haben sich in den Jahren nach 1989 auf einen Liberalisierungskurs verpflichtet – sei es aus eigener Überzeugung, sei es unter dem Druck der westlichen Gläubiger. Die neoliberalen Reformprogramme gewannen ihre Überzeugungskraft angesichts der desaströsen Auswirkungen blockierter Reformen in der Ukraine und Weißrußland und nicht zuletzt durch die Hoffnung, bei konsequenten Reformen an den westeuropäischen Wohlstand anschließen zu können. Das in den Ländern der Dritten Welt angewandte Konzept der »strukturellen Anpassung« wurde zur vorherrschenden Transformationstheorie, in der freilich entgegen dem akademischen Ritus kaum zwischen positiver Analyse und normativen Politikempfehlungen unterschieden wurde. Aus der Sicht dieses Konzepts war der Niedergang der sozialistischen Länder nur das augenfälligste Beispiel für das notwendige Scheitern staatszentrierter, von Weltmarkteinflüssen abgeschirmter Entwicklungstrategien, die zuvor bereits in Südeuropa und Lateinamerika verabschiedet worden waren.

  • Globalisierung und Gender
    Bd. 28 Nr. 111 (1998)

    Über Globalisierung wird intensiv und viel diskutiert. Über »Globalisierung und Gender« wird weit weniger debattiert. Dieses Thema ist noch immer das Stiefkind der Wissenschaft und der Medien. Wenn Geschlecht in dieser meist männlichen Literatur überhaupt erwähnt wird, dann nur im Hinblick auf Frauen. »Geschlecht « – als soziale Organisation der Geschlechterverhältnisse – wird reduziert auf die Rolle der Frau. Die wird wiederum nur als eine »Verlängerung« des in der Öffentlichkeit agierenden Mannes und gleichzeitig als das ewige Opfer des handelnden Mannes konstruiert. Dieser vereinfachte, aber erkenntnisleitende Dualismus zwischen Frau und Mann hat seine Geburtsstunde in dem männlichen Gesellschaftsvertrag, der Frauen aus der öffentlichen Sphäre ausschließt und sie gleichzeitig »nur« in ihrer Funktion des Gebärens und Erziehens loyaler Staatsbürger einschließt. Durch die Trennung der bürgerlichen Gesellschaft in private und öffentliche Sphären wurde Frau auf ihr »natürliches« Wesen der Reproduktion reduziert (vgl. Carol Pateman, The Sexual Contract, Cambridge 1988). Die * Anm. der Redaktion: Der Schwerpunkt dieses Heftes wurde maßgeblich von Brigitte Young als Gastredakteurin konzipiert, der wir für ihre Arbeit und ihr Engagement ganz herzlich danken. Konzeption von Frau als der mit der Natur verbundene Teil eines patriarchalen Systems und der ewig Leidenden paßt auch zu dem gesellschaftlich konstruierten Bild vom Mann als agierendem Subjekt und der Frau als »seinem« Familienzubehör. Ob es sich um die Transformation vom Feudalismus zum Kapitalismus, vom Agrar- zum Industriekapitalismus oder um die »dritte Welle der Demokratisierung« (Huntington) handelt, Frauen erscheinen in ihrer Gesamtheit als die »Betroffenen«, als passive Opfer. Diese Interpretation hat auch etwas Beruhigendes: trotz gravierender gesellschaftlicher und ökonomischer Veränderungen durch die Millennien findet man Frauen immer wieder dort wo Mann sie gerade zurückgelassen hat: auf der unteren Stufe der Geschichte.

  • S(t)andOrt Berlin
    Bd. 28 Nr. 110 (1998)

    Daß die PROKLA nach dem Heft StadTRaum (PROKLA 109, Dezember 1997) nun dem "neuen Berlin" ein weiteres Stadtheft widmet, ist keineswegs einem Lokalpatriotismus der Redaktion geschuldet. Wenn Berlins Innensenator Schönbohm mahnt: "Berlin muß endlich begreifen, daß es nicht nur sich selber gehört," heißt dies ja wohl, daß auch unsere LeserInnen im "Rest" der Bundesrepublik ihre Ansprüche und Interessen an Berlin haben. Berlin, so Schönbohm, "repräsentiert die Mitte Deutschlands in der Weltöffentlichkeit", und an der wachsenden internationalen Literatur zu Berlin könnte man in der Tat ablesen, daß nicht nur das deutsche Interesse an dieser Stadt explodiert ist. Die außergewöhnlichen Bedingungen, die mit dem Mauerfall für politische, wirtschaftliche und räumliche Entwicklungen eröffnet wurden, machten Berlin zu einem Experimentierfeld "am Ende der Geschichte", wo sich kapitalistische Träume und stadtentwicklungspolitische Hoffnungen im Scheinwerferlicht internationalen Interesses entfalten – oder in den märkischen Sand setzen ließen. Um die 1989/90 geweckten Träume von der prosperierenden Metropole von Weltformat, der europäischen Dienstleistungsmetropole und der Ost-West- Drehscheibe zu verwirklichen, setzten die regierenden Politiker vor allem auf internationale Projektentwickler und ihre Financiers, machten die Rationalität der umworbenen Investoren zur Grundlage ihrer Entscheidungen – zur Not auch unter Umgehung oder entsprechender Abänderung lokaler Entscheidungsstrukturen zum Zwecke beschleunigter Handlungsfähigkeit.

  • 1997

  • StadTRaum
    Bd. 27 Nr. 109 (1997)

    Jahrhundertelang galt die Stadt als Inbegriff von wirtschaftlicher, politischer und vor allem kultureller Entwicklung; gesellschaftliche Dynamik war etwas, das sich vorwiegend in Städten abspielte, auch wenn die dabei ablaufenden Prozesse unterschiedlich beurteilt wurden. Bereits die biblischen bis in die Gegenwart transportierten Bilder von »Babylon« und »Jerusalem« verweisen auf diese ambivalenten Einschätzungen: Stadt als Ausdruck von moralischem Niedergang und Dekadenz oder als Verwirklichung von Kultur und Aufklärung. Mit der industriekapitalistischen Stadt des 19. Jhs. erhielt diese Dichotomie eine neue Evidenz: beinhaltete die Stadt doch auf der einen Seite technische Wunderwerke und das Versprechen von Wohlstand, Bildung und die Möglichkeit individueller Entfaltung, auf der anderen Seite aber auch das Elend des Proletariats, die Auflösung familiärer Bindungen und die Entfremdung von den natürlichen Lebensgrundlagen. Wurde das Leben in den Städten auch noch so unterschiedlich beurteilt, so war man sich doch einig in seiner zentralen Rolle für die Entwicklung der Gesellschaft. Allerdings scheint sich jetzt auch dieser Konsens aufzulösen. So proklamierte jüngst Alain Touraine das Ende der Städte. Er behauptete, daß wir nur noch »glauben, in Städten zu leben ... Doch die Stadt, die einst um die wichtigen Handlungsorte - den Palast, den Markt, die Kathedrale - wuchs, ist längst Vergangenheit « (Das Ende der Städte? Die Zeit Nr. 23, 24.5.1996). Vor allem traut er dem Städtischen nicht mehr die wichtigen sozialen Integrationsleistungen zu, die die Grundlage weiterer Entwicklung darstellen. Damit nimmt Touraine die weltweit sichtbaren Trends der inneren Auflösung des städtischen Zusammenhangs auf, von dem die Flucht der Mittel- und Oberschichten in die Vorstädte nur der deutlichste Ausdruck ist. Städte scheinen am Ende des 20. Jhs. zu bloßen Standorten zu verkommen. Die Kehrseite ihrer Einbeziehung in die sich verdichtenden globalen Prozesse ist anscheinend ihr Ende als gesellschaftliche Veranstaltung.

  • Landwirtschaft
    Bd. 27 Nr. 108 (1997)

    Die PROKLA-Redaktion bereitet ein Schwerpunkt-Heft über die Stadt vor; es soll im Winter 1997 erscheinen. Kann man über die Stadt schreiben, und über das Land schweigen? Das als Motto gewählte Zitat von Eric Hobsbawm besagt, daß dies wohl kaum Sinn macht. Zunächst entstehen Städte als seßhafte Siedlungen parallel zur Entwicklung der Landwirtschaft seit dem neolithischen Zeitalter. Städte der frühen Zeiten waren Marktplätze, Kultzentren und Verwaltungseinheiten, die häufig (zumindest im Reich der Mayas und Azteken in Zentralamerika) die Arbeit der Bauern kontrollierten und die Nahrungsmittel verteilten. Die Städte der frühen Kulturen, auch wenn sie mehrere 10.000 Einwohner hatten, blieben abhängig vom landwirtschaftlichen Überschuß. Ein großer Teil der städtischen Bevölkerung war obendrein auf dem Land vor den Toren der Stadt tätig. Erst der Aufstieg der großen Imperien veränderte das Verhältnis von Stadt und Land. Die großen Städte wie Rom oder Peking, Pataliputra und später Venedig und Genua gründeten ihre Existenz auf den Handel, zum Teil auf den Fernhandel und machten sich so vom umliegenden Land weitgehend unabhängig. Auf dem Land herrschte Abhängigkeit und Unfreiheit, aber »Stadtluft macht frei«.

  • Verkehr, Transport und Mobilität
    Bd. 27 Nr. 107 (1997)

    Mit dem ICE in einigen Stunden von München nach Hamburg zu reisen oder in etwa derselben Zeit mit dem Flugzeug den Atlantik zu überqueren, hat für uns heute nichts außergewöhnliches mehr an sich, unabhängig davon, wie oft wir von diesen Möglichkeiten tatsächlich Gebrauch machen. Allerdings ist es gerade mal gut 150 Jahre her, daß zunächst mit Eisenbahnen später mit Dampfschiffen, Autos und schließlich Flugzeugen die bis dahin geltenden, durch Pferdekraft und Wind gesetzten Grenzen menschlicher Reisegeschwindigkeit überwunden und seitdem immer neue Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt wurden. Was als zivilisatorischer Fortschritt erscheint und für frühere Generationen unvorstellbar gewesen wäre, was unser Empfinden von Raum und Zeit radikal veränderte, war aber nur durch die verschwenderische Mobilisierung der in Kohle und Öl gespeicherten fossilen Energien möglich geworden. Ebenso atemberaubend wie die neuen Geschwindigkeiten der Fortbewegung ist daher auch die Geschwindigkeit, mit der wir diese in Jahrmillionen aufgespeicherten Ressourcen verbrauchen und dabei gleichzeitig die Atmosphäre mit den verschiedensten Abfallprodukten belasten, was höchst wahrscheinlich zu beträchtlichen klimatischen Veränderungen führen wird.

  • Konflikte um den Wohlfahrtsstaat
    Bd. 27 Nr. 106 (1997)

    Nicht erst jetzt ist der Wohlfahrtsstaat ins Gerede gekommen: Die Rede von den »leeren Kassen«, den »überzogenen Ansprüchen« oder der »Überforderung des Sozialstaats« gehen ins dritte Jahrzehnt, an den Stammtischen ebenso wie in der wissenschaftlichen und politischen Öffentlichkeit. Genauso lange sind auch bereits kritische Stimmen gegen die »Rotstiftpolitik«, den »sozialen Kahlschlag« oder die »Demontage« des bis dahin so erfolgreichen bundesrepublikanischen Konsensmodells zu vernehmen. Dabei mußte oftmals der Eindruck entstehen, die oppositionelle Rhetorik sei inzwischen heiser geworden. Wenn Jahre über Jahre mit pathetischer Geste eine stete Wiederholung von »Kahlschlag« und »Demontage« beschworen wurde, schien der Wohlfahrtsstaat mehr als einmal an sein Ende gekommen zu sein und so etwas wie eine mehrfach bestattete Leiche darzustellen. Anders als in zahlreichen apokalyptischen Visionen vorhergesagt, erfolgte der Abbau der wohlfahrtsstaatlichen Strukturen allerdings nicht in rasender Talfahrt, sondern in einem eher gemäßigten Tempo und in widersprüchlichen Formen. Dennoch hat er inzwischen im Großen und Ganzen zweifellos stattgefunden, und die früher nicht immer fundierte Aufgeregtheit der Kritiker dieser Entwicklungen ist sehr viel differenzierteren Analysen gewichen.

  • 1996

  • Fragementierte Staatsbürgerschaft
    Bd. 26 Nr. 105 (1996)

    Die Entwicklung von Staatsbürgerschaft in ihrer heutigen Verwendung ist eng mit der Entstehung von Nationalstaaten verbunden, die Individuen konstitutionell in ein Gemeinwesen einbanden. Obwohl dieser Entwicklungsprozeß kontextabhängig verschieden verlief, läßt sich verallgemeinernd festhalten, daß er 'von oben' durch Staatspolitik und 'von unten' durch die Mobilisierung sozialer Kräfte vorangetrieben wurde und in der Institutionalisierung staatsbürgerlicher Rechte, Pflichten und Partizipationsstrukturen mündete (Tilly 1975, Turner 1990). Dieser Prozeß hat einerseits zu der Entstehung des Nationalstaates als einem der zentralen politischen Mythen der Modeme beigetragen (Anderson 1983), andererseits umfaßt er die Herausbildung von Institutionen, die Teil der politischen Organisation von Gesellschaften sind. Als Ansatzpunkt für eine kritische Position in der Staatsbürgerschaftsdebatte ist vor allem die politische Bedeutung dieser Verknüpfung von Mythos und Institutionenbildung wichtig.

  • Universität
    Bd. 26 Nr. 104 (1996)

    Der 23. April ist von der UNESCO zum »Tag des Buches« erklärt worden. Er wird weltweit mit Feiern begangen. Auch an der FU Berlin wurde 1996 des Tags des Buches, allerdings etwas schwermütig, gedacht. Denn just im April sind Bibliotheksetats der Universitäten um an die 50% zusammengestrichen worden, so daß viele Bibliotheken in diesem Jahr kein einziges Buch mehr werden erwerben können. Zeitungen und Zeitschriften werden abbestellt, was mittelfristig für viele wissenschaftliche Zeitschriften das »Aus« bedeutet, weil die Abos ausgehen. Die wissenschaftlichen Kommunikationsmöglichkeiten werden eingeschränkt. Die Vielfalt, für den wissenschaftlichen Evolutionsprozeß unverzichtbar, wird zur Einfalt, aus der die Sparpolitik ihre Begründung holt. Ebenso planlos und unüberlegt wie in der Phase des klotzigen Aufbaus einer olympischen Hauptstadt wird in Berlin nun zukunftsblind gespart. Am »Rückbau «, wie der Abriß von Gebäuden heute schöngeredet wird, sind immerhin Architekten, Statiker und manchmal auch die Bürger beteiligt. Beim Rückbau der Universitäten entsteht der Eindruck, daß hier nur Bagger, Abrißbirne und Betonköpfe in Funktion sind. Apres nous le deluge. Daß in Berlin und anderswo gespart werden muß, weiß inzwischen jedes Kind. Kinder müssen sich nicht Rechenschaft über die Konsequenzen ihres Tuns ablegen, Politiker und Wissenschaftler aber sehr wohl, und nicht nur in Berlin. Dabei muß eine viel zu selten gestellte Frage aufgeworfen werden: Wie kommt es eigentlich, daß nach Jahrzehnten ungestümen wirtschaftlichen Wachstums in den Industrieländern, nach dem »Sieg im Kalten Krieg« über den »realsozialistischen« Systemwettbewerber, nach dem Triumph eines historischen Modells, zu dessen Bestandteilen auch die weitgehend öffentliche Finanzierung des Bildungssystem gehört, auf einmal die öffentlichen Kassen knirschend leer sind und weltweit die Sozial- und Bildungshaushalte unter dem Beifall selbstbewußter Konservativer und Liberaler zusammengestrichen werden?

  • Vom Gelde
    Bd. 26 Nr. 103 (1996)

    Unter dem unscheinbaren Titel »Vom Gelde« erschien im Jahre 1931 ( ein Jahr nach dem englischen Original) das erste »große« Werk von Keynes, in dem er die orthodoxe Auffassung des Geldes kritisierte. Davon ausgehend legte er dann 1936 seine »General Theory« vor, die zu dem vielleicht einflußreichsten wirtschaftstheoretischen Werk dieses Jahrhunderts wurde, was aber nicht verhinderte, daß sie vom gegenwärtigen neoklassischen Mainstream als im wesentlichen überholt betrachtet wird. Nicht viel anders erging es einem anderen Autor, der gut 70 Jahre vor Keynes auch zunächst eine Schrift veröffentlichte, die die vorherrschenden Geldtheorien (und zwar sowohl der »bürgerlichen« Ökonomen als auch der sozialistischen Autoren seiner Zeit) kritisierte und einige Jahre später mit einer breit angelegten Analyse und Kritik kapitalistischer Produktionsverhältnisse an die Öffentlichkeit trat: die Rede ist natürlich von Karl Marx und seiner 1859 erschienen Schrift »Zur Kritik der politischen Ökonomie« und dem 1867 folgenden ersten Band des »Kapital«. Daß Marx und Keynes - die großen Häretiker der ökonomischen Theorie - die beiden einzigen relevanten Alternativen zur klassisch-neoklassischen Verharmlosung der ökonomischen Bedeutung des Geldes entwickelten, wurde auch schon im Editorial der PROKLA 63 festgehalten, die vor 10 Jahren mit dem schlichten Titel »Geld« erschien.

  • Zur politischen Ökonomie des Wassers
    Bd. 26 Nr. 102 (1996)

    Den alten Griechen galt Wasser neben Erde, Luft und Feuer als eines der »Vier Elemente«, aus denen alles Seiende zusammengesetzt ist. Wasser ist die Grundlage allen Lebens. Wo Wasser zu finden war, ließen Menschen sich nieder, die Bändigung des Wassers ermöglichte die ersten Hochkulturen. Schon Herodot schrieb über den Glanz der Pharaonen, er sei »ein Geschenk des Nils« und Fernand Braudel arbeitete in seiner Kulturgeschichte der Mittelmeerregion die Bedeutung der hydrologischen und klimatischen Bedingungen für die soziale und ökonomische Entwicklung heraus. Wasser war auch ein entscheidendes Medium zur Erkundung der Welt und eine wunderbare Erleichterung des Transports. Zugleich ist Wasser in Gestalt von Flut- und Überschwemmungskatastrophen eine furchtbare Bedrohung. Aber nicht nur ein Zuviel auch ein Zuwenig an Wasser ist eine tödliche Gefahr: ausgedörrte Felder, vertrocknete Landstriche stellen das Überleben der Bevölkerung und ganzer Ökoysteme in Frage. Und erst recht entscheidet der Zustand des Wassers über Leben und Tod: 80% aller Krankheitsfälle (Cholera, Typhus, Diarrhö, Hepatitis) und ein Drittel aller Todesfälle in den Entwicklungsländern sind auf verseuchtes Wasser zurückzuführen.

  • 1995

  • Kapitalistische Kulturen
    Bd. 25 Nr. 101 (1995)

    Mit dem Zusammenbruch der »realsozialistischen « Regimes in Osteuropa hatte sich der Kapitalismus (zumindest bis auf weiteres) als weitgehend konkurrenzloses Unternehmen durchgesetzt. Aber nur kurz war von einer »Neuen Weltordnung« oder gar von einer »Friedensdividende«, die Wohlstand für alle bringen sollte, die Rede: wie kriegerisch die neue Zeit war, machte der Krieg gegen den Irak ebenso klar wie die Nationalitätenkonflikte in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion und der Bürgerkrieg in Jugoslawien (vgl. dazu PROKLA 84, Neuaufteilung der Welt und PROKLA 87, Nationalismus am Ende des 20. Jahrhunderts). Nachdem die alte Konfliktlinie zwischen Ost und West weitgehend beseitigt war, schien nun diejenige zwischen Nord und Süd an Bedeutung zu gewinnen. Und bald wurde im siegreichen Westen auch ein neuer Feind ausgemacht: Die Bedrohung von Freiheit, Demokratie, abendländischer Kultur und Kapital kam jetzt nicht mehr aus einem »kommunistischen« Reich des Bösen, sie ging jetzt von einem vor allem im Nahen und Mittleren Osten angesiedelten »Fundamentalismus« aus. Autoren wie Samuel Huntington, die prognostizierten, daß die Zukunft nicht mehr durch Auseinandersetzungen zwischen Ideologien, sondern zwischen Kulturen geprägt wird, hatten (und haben) Konjunktur. Gerade in der Konstruktion des Feindbildes »Fundamentalismus « wird aber nicht nur der westliche Anteil am Aufstieg fundamentalistischer Bewegungen (wie etwa in den 80er Jahren in Afghanistan, wo es gegen den kommunistischen Feind ging) geflissentlich übersehen, auch die fundamentalistischen Tendenzen im Westen, sei es nun in Gestalt einer wiedererwachten Religiosität, eines neuen Puritanismus oder des marktwirtschaftlichen Fundamentalismus der herrschenden ökonomischen Theorie geraten dabei nicht in den Blick (vgl. zu diesen Seiten PROKLA 96, Fundamentalismus und neue Religiosität).

  • Ortsbestimmung
    Bd. 25 Nr. 100 (1995)

    Mit dem vorliegenden Heft hat es PROKLA in den vergangenen 25 Jahren auf die stattliche Zahl von 100 Ausgaben mit weit über 600 Artikeln gebracht. Gegründet wurde PROKLA unter politischen und wissenschaftlichen Bedingungen, die sich von den heutigen erheblich unterscheiden. Studentenbewegung und außerparlamentarische Opposition hatten mit ihren Forderungen nach einer Demokratisierung der Gesellschaft, den Protesten gegen den Vietnamkrieg und die Notstandsgesetze das Ende des »CDUStaats « eingeläutet. Ende der 60er Jahre hatten große Teile der Protestbewegung auch Marx, die Arbeiterklasse und den Klassenkampf entdeckt. In dieser Aufbruchphase wurde PROKLA gegründet - nachdem in der Redaktion der »Sozialistischen Politik « eine SEW/DKP-nahe Minderheit die undogmatische Mehrheit mit juristischen Tricks hinausgeworfen hatte. Das Pathos der damaligen Aufbruchstimmung drückte sich auch im Namen der neuen Zeitschrift aus: Probleme des Klassenkampfs. Zeitschrift für politische Ökonomie und sozialistische Politik. Bereits in den 70er Jahren wurde daraus das Akronym PROKLA und seit 1992 lautet der Name PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft. Daß es sich bei diesem Namenswechsel nicht um die heute modisch gewordene Liquidation der eigenen Geschichte handelte, sondern um die adäquatere Bezeichnung eines Publikationsprogramms, das sich nicht allein auf die früheren Eckpfeiler Klassenkampf, politische Ökonomie und sozialistische Politik reduzieren ließ, ohne aber deren Bedeutung abzuleugnen (vgl. Editorial von PROKLA 86, März 1992), dafür stehen die in der PROKLA veröffentlichten Beiträge .

  • Verteilungsfragen
    Bd. 25 Nr. 99 (1995)

    Das Jahr 1982 markiert eine Wende in der Geschichte der Bundesrepublik. Der politische Machtwechsel traf zusammen mit einem drastischen Trendbruch in der Wirtschaftsentwicklung. Nicht nur, daß es einen Einbruch aufdem Arbeitsmarkt gab, der die Arbeitslosenzahl über die Zweimillionenmarke hinausschnellen ließ. Nicht nur, daß die Wirtschaftspolitik langsam aber sicher auf die von Thatcher und Reagan vorgetestete sog. Angebotsorientierung umgestellt wurde. Arbeitslosigkeit sowie Wirtschafts- und Finanzpolitik zusammen bewirkten eine massive Verschiebung in der Einkommensverteilung, die bis heute, also über die Einigung hinaus und wohl durch die Einigung verstärkt, nicht nur die »private« materielle Lage der abhängig Beschäftigten, sondern auch die allgemeine Versorgung mit öffentlichenGütern beeinträchtigt...

  • Italienische Verhältnisse
    Bd. 25 Nr. 98 (1995)

    Die legasthenische Vertauschung von Buchstaben charakterisiert einiger maßen präzis die historische Entwicklungsbahn des »Falls ltalien«, allerdings nicht nur in einer Richtung. Daher das Fragezeichen hinter dem Titel. Vom »caos italiano« ist derzeit viel die Rede, nach Berlusconis arrogantem und gescheitertem Versuch, die komplexe italienische Gesellschaft wie ein Untemehmen zu managen. Die Berlusconi ablösende »Übergangs-Regierung« von Technokraten, Sachwaltern von Sachzwängen, konnte daher den Fall Italien als Lehrstück der Krisenbewältigung inszenieren. Übergang - wohin? Der »caso italiano«, ein europäischer Fall?  

     
  • 1994

  • Netzwerke zwischen Markt und Staat
    Bd. 24 Nr. 97 (1994)

    Für viele Gesellschaften, die im vergangenen "neoliberalen Jahrzehnt" ihre Entwicklungshoffnungen auf die Dynamik eines entfesselten Marktes gesetzt haben, hat sich dieses Projekt als Tanz auf dem Drahtseil ohne Netz herausgestellt. Besonders tief war der ungesicherte Absturz in den »Transformationsgesellschaften« Ost- und Mitteleuropas, wo die marktliberalen Schocktherapien im Stile der Strukturanpassungsprogramme des IWF oder marktliberaler Sequenzprojekte mit wenigen Ausnahmen (in kleinen und bereits vergleichsweise entwikkelten zentraleuropäischen Ländern) gescheitert sind. Aber schon lange vor den Erfahrungen in Osteuropa zeigte sich in vielen lateinamerikanischen Ländern, daß das bloße Setzen auf den Markt nicht nur ökonomisch unzureichend ist, sondern auch zur Veränderung politischer Institutionen wie auch des »Politischen« selbstführt.

  • Fundamentalismus und neue Religiosität
    Bd. 24 Nr. 96 (1994)

    Der Fundamentalismus und die in aller Welt neuerwachenden religiösen Bewegungen werden im allgemeinen als Widerstand gegen die Zumutungen einer von Europa ausgehenden Zivilisation, die Traditionen und Glaubenssysteme zersetzt, verstanden. Man verwendet den Begriff »Fundamentalismus« in der Regel als globale Bezeichnung für außereuropäische, insbesondere in islamischen Ländern auftretende, defensive Protestbewegungen, die mit religösem Fanatismus an der Konservierung patriarchaler Hierarchien und Familienstrukturen arbeiten. Die Ziele dieser Bewegungen richten sich nicht nur ideell gegen die Werte westlicher Aufklärung, sondern sind auch mit demokratischen Formen von Politik, mit religiöser Toleranz und subjektiver Freiheit unvereinbar: Die globalen Prozesse der Differenzierung von Religion und Recht, Politik und Wirtschaft, der Auflösung traditionaler Vergemeinschaftungen und der Entwicklung einer autonomen Individualität können nur mit despotischer Gewalt und Staatsterror zurückgedreht werden. Diese Interpretation des Fundamentalismus kann sich auf eine lange Tradition berufen, in der die Ausbreitung des industriellen Kapitalismus und der westlichen Kultur als Geschichte des Fortschritts und der Enttraditionalisierung gefeiert und jeder Widerstand als hinterwäldlerische Regression eingestuftwurde. 

  • Internationale Institutionen. 50 Jahre nach Bretton Woods
    Bd. 24 Nr. 95 (1994)

    Vor genau 50 Jahren wurde in Bretton Woods die ökonomische Grundlage der damals neuen Weltordnung für die Zeit nach der Niederschlagung des Faschismus gelegt. Die frustrierenden Erfahrungen mit dem Völkerbund der Zwischenkriegszeit vor Augen, noch geschockt von den Folgen des Zusammenbruchs des Weltmarkts nach der großen Weltwirtschaftskrise, sollten die Rahmenbedingungen einer zukünftig expandierenden Weltwirtschaft geschaffen werden...

  • Politik in Deutschland
    Bd. 24 Nr. 94 (1994)

    Die bundesdeutsche Politik der letzten fünf Jahre bietet eine seltsame Ironie. Wurde in den 80er Jahren das Projekt eines sozialen und ökologischen Umbaus der Industriegesellschaft allein schon aus finanziellen Gründen von den Regierenden als illusionär abgetan, so mobilisiert dieselbe Regierung für die Übertragung der kapitalistischen Marktordnung auf Ostdeutschland heutzutage Beträge, von denen die linken und grünen Reformpolitiker damals nicht einmal zu träumen wagten. Nach fünf Jahren desaströser Vereinigungspolitik mag man sich darüber streiten, wessen Vorstellungen illusionärer waren. Die Bonner Visionäre richteten ihren Blick zunächst auf eine verklärte westdeutsche Nachkriegsgeschichte. Nach dem Modell von Währungsreform und Wirtschaftswunder wollte man auch im Osten die Marktkräfte »entfesseln«. Die politischen Entscheidungsträger hofften, sich nach Durchsetzung der richtigen Grundentscheidungen auf einen »ordnungspolitischen Rahmen« zurückziehen zu können. Die Sanierung der Volkswirtschaft und die Angleichung der Lebensverhältnisse sollte sich durch Veräußerung des ehemals »volkseigenen« Vermögens selbst finanzieren. Der zunächst überwiegend kreditfinanzierte »Fonds Deutsche Einheit« und die einheitsbedingt steigende Staatsverschuldung sollten sich durch erwartete Steuermehreinnahmen innerhalb weniger Jahre konsolidieren. Das Ausmaß der Verschuldung und die zukünftig anfallenden Kosten wurden freilich vorsichtshalber hinter einer Vielzahl kaum noch durchschaubarer Sonderhaushalte versteckt - was bei einer Aktiengesellschaft den V erdacht des Bilanzbetrugs nahegelegt hätte.

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