Jahrgänge

2018-2012 | 2012-2006 | 2006-2000 | 2000-1994 | 1993-1987 | 1987-1981 | 1981-1974 | 1974-1971

  • 1994

  • Politik in Deutschland
    Bd. 24 Nr. 94 (1994)

    Die bundesdeutsche Politik der letzten fünf Jahre bietet eine seltsame Ironie. Wurde in den 80er Jahren das Projekt eines sozialen und ökologischen Umbaus der Industriegesellschaft allein schon aus finanziellen Gründen von den Regierenden als illusionär abgetan, so mobilisiert dieselbe Regierung für die Übertragung der kapitalistischen Marktordnung auf Ostdeutschland heutzutage Beträge, von denen die linken und grünen Reformpolitiker damals nicht einmal zu träumen wagten. Nach fünf Jahren desaströser Vereinigungspolitik mag man sich darüber streiten, wessen Vorstellungen illusionärer waren. Die Bonner Visionäre richteten ihren Blick zunächst auf eine verklärte westdeutsche Nachkriegsgeschichte. Nach dem Modell von Währungsreform und Wirtschaftswunder wollte man auch im Osten die Marktkräfte »entfesseln«. Die politischen Entscheidungsträger hofften, sich nach Durchsetzung der richtigen Grundentscheidungen auf einen »ordnungspolitischen Rahmen« zurückziehen zu können. Die Sanierung der Volkswirtschaft und die Angleichung der Lebensverhältnisse sollte sich durch Veräußerung des ehemals »volkseigenen« Vermögens selbst finanzieren. Der zunächst überwiegend kreditfinanzierte »Fonds Deutsche Einheit« und die einheitsbedingt steigende Staatsverschuldung sollten sich durch erwartete Steuermehreinnahmen innerhalb weniger Jahre konsolidieren. Das Ausmaß der Verschuldung und die zukünftig anfallenden Kosten wurden freilich vorsichtshalber hinter einer Vielzahl kaum noch durchschaubarer Sonderhaushalte versteckt - was bei einer Aktiengesellschaft den V erdacht des Bilanzbetrugs nahegelegt hätte.

  • 1993

  • Frauen in der Ökonomie
    Bd. 23 Nr. 93 (1993)

    Frauen in der (Real)Ökonomie, erst recht die Rolle von Frauen innerhalb der Zunft der (größtenteils männlichen) Ökonomen - noch vor zwei Jahrzehnten war das für linke Theorie und Politik wahrhaftig kein besonders interessantes Thema. In Sachen "Geschlechtsblindheit" konnte es die Kritik der Politischen Ökonomie mit dem mainstream der neoklassischen Wirtschaftswissenschaften allemal aufnehmen. Wo diese den geschlechtslosen, rational kalkulirenden und einzif auf Marktsignale reagierenden homo oeconomicus werkelen sah und die nicht mit Preisen versehene "Produktion menschlicher Ressourcen", daher viele Arten von unbezahlter Frauenarbeit entweder ignorierte oder (in einigen mikroökonomischen Varianten) der freien Wahl ökonomischer Akteure anheimstellte, die sich entlang komparativer Vorteile spezialisieren - da verbuchte die Kritik der Politischen Ökonomie die Asymmetrie zwischen den Geschlechtern als "Nebenwiderspruch", der noch dazu im Verdacht stand, vom "Hauptwiderspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital" abzulenken...

  • Die Linke in Europa
    Bd. 23 Nr. 92 (1993)

    Das sozialistische Lager und die Sowjetunion existieren nicht mehr. Die Koordinaten der politischen Landschaft und die Angelpunkte linker Theorie und Strategie haben sich daher verschoben. Es fragt sich natürlich: wohin? Diese Frage stellt sich weniger orthodoxen Parteiintellektuellen - die ohnehin nicht auf Fragen, sondern auf vorgefertigte Antworten spezialisiert waren. Sie stellt sich vielmehr jener »Neuen Linken«, die seit den 60er Jahren in Opposition gegen den Sozialismus sowjetischen Typs entstanden war, und nun bemerkt, daß sie mit dem gemeinsamen Gegenstand dieser Opposition ihren gemeinsamen Nenner verloren hat. Sie stellt sich schließlich all denen, die von den triumphalistischen Wortführern des Wirtschaftsliberalismus erstaunt vernehmen, daß nicht nur der Staatssozialismus, sondern auch die sozialstaatliche » Institutionalisierung des Klassenkonflikts« ausgespielt habe.

  • Neues Deutschland
    Bd. 23 Nr. 91 (1993)

    Das neue Deutschland ist nicht mehr die alte Bundesrepublik. In westlichen Ohren klingt diese Feststellung nicht selten wie eine Drohung, berührt sie doch die implizite Erwartung, die zur Geschäftsgrundlage für den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes gemacht worden war. Im Tausch gegen den Verzicht, die staatliche Einheit Deutschlands zum Gegenstand einer politischen Willenserklärung des demokratischen Souveräns zu erheben, haben die Regierenden des überlegenen westlichen Staates das politische Versprechen abgelegt, daß sich jenseits der Elbe alles, diesseits aber möglichst nichts ändern soll. Heute sind die Klagen Legion, daß weder das eine noch das andere sich eingestellt habe. Wenn ein Drittel aller Arbeitsplätze der DDR in den fünf neuen Ländern vernichtet worden und bald vierzig Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung von staathcher Alimentierung abhängig sind, dann wird in der Oberlausitz, in Vorpommern oder in Halle-Neustadt langsam die Hoffnung sinken, zur Lebensform des westlichen Besitzindividualismus überwechseln zu dürfen. Das Volk der ehemaligen DDR wird durch die Erfahrung zusammengehalten, im Verhältnis zum Westen eine kollektive Deklassierung verarbeiten zu müssen (vgl. den Beitrag von Peter A. Berger), die ihm überdies noch von jenen verordnet wurde, die sie politisch beauftragt hatten, für ihren kollektiven Aufstieg zu sorgen. Als vorherrschende Tendenz in der ostdeutschen Sozialstruktur hat sich nicht die Ausdifferenzierung verschiedener Marktklassen, sondern die vermutlich dauerhafte Herausbildung einer überdimensionierten Versorgungsklasse eingestellt.

  • Regionalisierung der Weltgesellschaft
    Bd. 23 Nr. 90 (1993)

    Als während und nach dem Zweiten Weltkrieg die neue Welt(wirtschafts) ordnung (als »grand design «) konzipiert wurde, war Freihandel das deklarierte Ziel. Das 1947 zustandegekommene Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT) verpflichtete die Mitgliedsländer auf den Abbau von Zöllen und auf die Einhaltung der Meistbegünstigung. Auch das wenige Jahre zuvor 1944 gegründete Internationale Währungssystem mit dem Regelwerk fixer Wechselkurse sollte den Handel erleichtern und so ein Positivsummenspiel eröffnen, an dessen Ende Wachstum und Wohlstand aller Welthandelspartner zugenommen haben. Die Gefahr eines desaströsen Abwertungswettlaufs wie noch zu Beginn der 30er Jahre sollte ein für alle Mal gebannt sein. Die Begründung der Freihandelsordnung lieferten nicht nur die schockierenden Erfahrungen nach der Krise von 1929, als der Weltmarkt in kurzer Zeit zusammenbrach, sondern auch das ehrwürdige Theorem der komparativen Kostenvorteile von David Ricardo. Die Besten der Ökonomenzunft haben es differenziert, relativiert und modernisiert und die Fahne des Freihandels geschwungen. Trotzdem blieb das Theorem von heftiger Kritik nicht verschont. Wenn man von den Sarkasmen absieht, mit denen beispielsweise Marx sich über die britischen Freihändler mokierte, markiert insbesondere Friedrich List die Gegenposition: Die Freihandelsdoktrin sei die Lehre der industriell fortgeschrittensten, überlegensten Nation und für all jene unbrauchbar, die gezwungen sind, im Medium des Weltmarkts industrielle Entwicklung nachzuholen und konkurrenzfähig zu werden. Nachholende Industrialisierung sei nur hinter den Mauern von Schutz- und Erziehungszöllen möglich, also indem bewußt und selbstbewußt die Regeln des Freihandels außer Kraft gesetzt werden.

  • 1992

  • Osteuropäische Metamorphosen
    Bd. 22 Nr. 89 (1992)

    Länger als noch vor kurzem vermutet, setzt sich die gemeinsame Vergangenheit der osteuropäischen Gesellschaften in eine gemeinsame Gegenwart fort, die durch Rückgänge in der Produktion, inflationäre Prozesse und einen sinkenden Lebenstandard gekennzeichnet ist. Der Machtverlust der kommunistischen Apparate hat sich in eine »Machtinflation« verlängert, die eine kohärente Politik kaum zuläßt: Machtanhäufung und Dekrete stehen scheinbar unregierbaren Gesellschaften gegenüber. Stark zurückgehende Investionsraten, die Abwanderung qualifizierter Bevölkerungsgruppen und eine noch weitgehend »verborgene« Arbeitslosigkeit lassen vermuten, daß sich die ökonomische Krise weiter verschärfen wird. Die Weltbank hat ihre Prognosen dahin gehend revidiert, daß das durchschnittliche Einkommen von 1989 erst gegen Ende der neunziger Jahre wieder erreicht sei.

  • Chaos, Selbstorganisation und Gesellschaft
    Bd. 22 Nr. 88 (1992)

    »Chaostheorie«, »Selbstorganisation«, »autopoietische Systeme« sind heute in aller Munde. Wer kennt nicht die wunderbaren Farbgraphiken der fraktalen Geometrie? Sowohl die Spalten des Feuilleton als auch Redner auf wissenschaftlichen Kongressen verkünden ein neues wissenschaftliches Zeitalter. Nicht nur sei die Epoche der Spezialdisziplinen durch neue transdisziplinäre Wissenschaften abgelöst worden. Davon war schon vor über 30 Jahren in Zusammenhang mit der - heute schon fast vergessenen - Kybernetik die Rede, die damals den Markt für populärwissenschaftliche Literatur beherrschte. Heute geht es um mehr: die gesamte Logik der wissenschaftlichen Theoriebildung soll umgekrempelt werden: die Wirklichkeit soll nicht durch deterministische Systeme, deren Verhalten prognostizierbar ist, sondern mittels Chaos- und Katastrophentheorie erfaßt werden. Statt planbarer Abläufe sind Bifurkationen und Autopoiesis angesagt. Und sofern diese Strukturen in Natur und Gesellschaft gleichermaßen nachweisbar seien, scheint die Trennung von Natur- und Sozialwissenschaften endgültig aufgehoben zu sein.

  • Nationalismus am Ende des 20. Jahrhunderts
    Bd. 22 Nr. 87 (1992)

    Nicht weniger als das Ende des osteuropäischen Sozialismus überrascht die Intensität der allerorts aufbrechenden nationalistischen Konflikte. In Europa, dem Ausgangsort der 'Universalgeschichte', galt die mit dem Zeitalter der Französischen Revolution eingeleitete Konstitution von Nationalstaaten spätestens seit dem 2. Weltkrieg als abgeschlossen. Ein blutiger Prozeß, immerhin aber schien nach 1945 Gewalt als Mittel zur Veränderung staatlicher Grenzen für alle Zeiten diskreditiert. »Unser Vaterland heißt Europa«, lautete die Reaktion vieler Deutscher auf die nationalsozialistische Katastrophe. Die aus der Eskalation militärischer Gewalt und aus dem deutschen Rassenwahn gezogene Lehre bestand darin, die Gefahr künftiger Kriege durch die politische Einigung Europas zu entschärfen - auch wenn daraus, nach Beginn des Ost-West-Konflikts, zunächst nur die westeuropäische Integration wurde. Zwar galt in allen westlichen Ländern das »nationale Interesse« nach wie vor als höchster Wert staatlicher Politik. Nationalistische Bewegungen im engeren Sinn wurden jedoch eher als Gefahr für die parlamentarische Demokratie eingeschätzt. Immerhin hatte die westdeutsche Politik, auch wenn dazu zweieinhalb Jahrzehnte erforderlich waren, im Zuge der Ostpolitik gelernt, die bestehenden Grenzen aller Staaten in Europa, das hieß insbesondere auch die Polens, als unverletzlich anzuerkennen. Die westliche Linke dachte ohnehin in universalistischen Kategorien und sympathisierte allenfalls mit den »nationalen Befreiungsbewegungen« in der Dritten Welt.

  • Ökologie und Entwicklung
    Bd. 22 Nr. 86 (1992)

    Das vorliegende erste Heft des Jahrgangs 1992 der PROKLA trägt nicht mehr den Untertitel »Zeitschrift für sozialistische Politik und politische Ökonomie«. Auch die Langform des Akronyms PROKLA wird nicht mehr auf der Innenseite des Umschlags genannt. Der Titel » Probleme des Klassenkampfes« wird verabschiedet. PROKLA - das ist nun die »Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft «. Offensichtlich ist damit keine klammheimliche Anpassung an den wendigen Zeitgeist intendiert, sondern die adäquatere Bezeichnung eines Programms, dem sich die PROKLA schon länger verpflichtet fühlt; die letzten zehn Jahrgänge (mindestens) zeigen es. Jüngere Leser der Zeitschrift haben sowieso zumeist nicht bewußt vermerkt, daß sich hinter dem sinnsperrigen, aber leicht von den Lippen gehenden Wörtchen PROKLA die »Probleme des Klassenkampfs« verbergen...

  • 1991

  • Kriminalität und Zivilisationsverlust
    Bd. 21 Nr. 85 (1991)

    Mit dem Siegeszug der 'Modeme' durch das östliche Europa scheint das westliche Modell der Zivilisation in überwältigender Weise bestätigt. Nach der Zivilisierung der Ost-West-Konfrontation ist der zweiten Hälfte der achtziger Jahre ein friedliches Europa demokratischer Rechtstaaten und eine Neuordnung der Welt unter dem Leitstern der westlichen Werte in Reichweite geruckt - so lautet die vielerorts geäußerte Vision für das Ende des Jahrhunderts. Nicht eine Konvergenz der Systeme, wie in den 60er fahren vermutet, sondern die Übernahme westlicher Institutionen. die Einführung von Markt, Privateigentum und Demokratie (in der einen oder anderen Reihenfolge): die Rückkehr Osteuropas in die westliche Zivilisation, habe sich als zukunftsweisende Perspektive erwiesen. Das jugoslawische Modell, das lange Zeit für einen selbstverwalteten Sozialismus, eine Politik jenseits militärischer Blöcke und eine gelungene Integration der Völker stand, schlägt um in das traurige Gegenteil dieser Erwartungen: kommunistische Anspruche, gleich welcher Schattiemng. lassen sich offenbar nur noch mit brutaler Gewalt aufrechterhalten.

  • Neuaufteilung der Welt
    Bd. 21 Nr. 84 (1991)

    Die Welt ist in nur wenigen Jahren völlig aus den Fugen geraten, die realsozialistischen Gesellschaften sind wie morsches Gebälk zusammengebrochen, politische Feindbilder und ideologische Koordinatensysteme, die für die (zumindest vorläufige) Ewigkeit bestimmt schienen, haben sich in Luft aufgelöst. Der Kalte Krieg ist von Gorbatschow und Bush offiziell für beendet erklärt worden. Die Hoffnungen, die diese Entwicklungen freisetzten, waren groß: »Friedensdividenden « sollten in die Dritte Welt umgelenkt werden, die großen Menschheitsaufgaben - Überwindung von ökologischer Krise, Massenverelendung in den Armutsregionen der Welt und Menschenrechtsverletzungen rund um den Globus - könnten gemeinsam angegangen werden, weltweiten Demokratisierungstendenzen und einer Zivilisierung des nunmehr im umfassenden Sinne »globalen Kapitalismus « schien nichts mehr im Wege zu stehen. Der Traum währte nicht lange: Das Ende des Staatsozialismus und der »Siegeszug« des westlichen Gesellschaftsmodells übersetzen sich keineswegs in eine schöne neue Welt, sondern in eine Militarisierung der internationalen Beziehungen, in neue Polarisierungen und neue Konflikte, die in ihren Auswirkungen noch längst nicht überschaubar sind. Die ökonomischen Reformversuche Osteuropas kommen nur schwerfällig voran und sie gehen einher mit dem Zusammenbruch ganzer Wirtschaftssektoren, Massenarbeitslosigkeit, Spekulation, Schwarzmärkten und einer völligen Desorientierung aller Beteiligten: Planwirtschaftler, die über Nacht zu Friedman und Hayek gefunden haben, Marktwirtschaften, in denen es keine Unternehmer und nur wenige Märkte gibt, Gewerkschaften, die zuvor als Handlanger der Partei fungierten und nun erneut im machtpolitischen Abseits stehen, Arbeiter, die auf die Marktwirtschaft hofften und über Nacht zu Arbeitslosen wurden. Der von den Reformern anvisierte Übergang zu einem »domestizierten Kapitalismus mit menschlichem Antlitz« scheint in den Untiefen eines kruden Manchesterliberalismus steckenzubleiben.

  • Migrationsgesellschaft
    Bd. 21 Nr. 83 (1991)

    Ein neues Gespenst geht um im reichen Europa: das Gespenst einer uns verschlingenden Einwanderungsflut. Heerscharen ausgehungerter, politisch verfolgter, ihrer ökologischen und ökonomischen Existenzgrundlagen beraubter Massen aus allen Ecken der Welt dringen in unsere Wohngebiete ein, nehmen uns die Arbeitsplätze weg, treiben unseren Wohlfahrtsstaat in den Bankrott! Kulturell Fremdartige, möglicherweise sogar islamische Fundamentalisten bedrohen unsere zivile Gesellschaft, üben einen nach unten gerichteten Nivellierungsdruck auf das Bildungssystem aus und gefährden durch ihre kriminellen Machenschaften die innere Sicherheit! 

  • Markt und Demokratie
    Bd. 21 Nr. 82 (1991)

    Sind Markt und Demokratie die ultima ratio der Organisation und Regelungswirtschaftlicher und politischer Prozesse? Für die Demokratie bestreitet das im Prinzip niemand, auch wenn es gelegentlich Zweifel an der Tauglichkeit demokratischer Prozeduren, den Hinweis auf mögliche Selbstblockaden {Stichwort »Unregierbarkeit«) und Unzulänglichkeiten gibt Daß politische Entscheidungen, ob direkt oder mittels Repräsentanten, nicht ohne Beteiligung der von ihnen Betroffenen gefällt werden sollten und daß für diese Betroffenen als politische Akteure Normen wie Freiheit (der individuellen Entscheidungen) und Gleichheit {vor dem Gesetz und in der Teilnahmemöglichkeit am politischen Prozeß) gelten sollen, gehört heutzutage zu den verfassungsmäßig festgeschriebenen Selbstverständlichkeiten auch in jenen Staaten - und das sind wohl nach wie vor die meisten-, in denen faktisch ganz anderes gilt.

  • 1990

  • Macht und Ökonomie
    Bd. 20 Nr. 81 (1990)

    In unserem Schwerpunktheft »Macht und Ökonomie« stellen wir einen Beitrag von Sam Bowles und Herb Gintis zur Diskussion. Nicht allein dessen Umfang, sondern auch die analytische Vorgehensweise veranlassen uns zu den folgenden, einführenden Bemerkungen: Die beiden Ökonomen Bowles und Gintis sind dem linken sozialwissenschaftlichen Publikum sicherlich bereits ein Begriff. Seit Jahren zählen sie zu den führenden Köpfen der US-amerikanischen »radicals«, haben sie mit zahlreichen einflußreichen Beiträgen (z.B. Schooling in Capitalist America 1972) in linke Debatten eingegriffen und versucht, durch Zuarbeit für politische Bewegungen (etwa die »rainbow coalition« Jesse Jacksons) über den akademischen Bereich hinaus zu wirken. Wenn wir ihren neuen Essay in deutscher Fassung veröffentlichen, so verbinden wir damit die Hoffnung, ihren Ansatz über das ökonomische Segment des oben angesprochenen linken sozialwissenschaftlichen Publikum hinaus bekannt zu machen. Bowles und Gintis versuchen nämlich nichts weniger, als durch kritische Wendung, Weiterentwicklung und in diesem Sinne »Aufhebung« der walrasianischen Lehre eine Wirtschaftstheorie zu entwickeln, die als neuer Bezugsrahmen für linke Debatten den tradierten der m.arxistischen Kritik der politischen Ökonomie ablösen kann.

  • Politische Generationen
    Bd. 20 Nr. 80 (1990)

    Das politische Problem der Generationen beginnt dort, wo eine Generation aufhört. Sechs von neun Redaktionsmitgliedern der PROKLAgehören den Jahrgängen an, die sich jetzt auch die Sozialforscher angewöhnt haben, »Protestgeneration« zu nennen, während die drei verbleibenden zu jener unglücklichen Kohorte zählen, die schlicht nur als »verloren« gilt. Die »lost generation« kommt alle Jahre mal vor und hat im 20. Jahrhundert eine reiche Tradition. Nicht nur die, die klagen, für '68 zu jung und für den Punk zu alt gewesen zu sein, suhlen sich gerne in der Melancholie, das Wesentliche verpaßt zu haben. So sangen schon die Alten, als sie noch kurze Hosen trugen, und später dann haben sich junge Männer dieses Gefühl beim Rock'n'Roll aus dem Körper getanzt. Verloren waren diese Generationen durch den Krieg, die späteren durch das Empfinden, nicht überall dabeigewesen zu sein.

  • Macht des Wissens
    Bd. 20 Nr. 79 (1990)

    Zwischen der berühmten rationalistischen Formel Descartes' »Cogito ergo sum« und dem weniger berühmten, dafür aber praktisch um so wichtigeren und seinerzeit nicht wenig bejubelten Hohnspruch des Ralph Waldo Emerson » Viel Wissen bereitet Kopfweh « liegen zwei Jahrhunderte und verschiedene Welten. Angesichts der Nachtmare, die uns die rationalistische Vernunft beschert, mit der sich die moderne Zivilisation - dem Imperativ Francis Bacons gehorchend- der Natur bemächtigt hat, fordert Günther Anders Descartes noch einmal fast zwei Jahrhunderte später auf, sein »Haupt zu verhüllen«, wenn »Selbst-sein« nur noch im Zurückbleiben - hinter dem Fortschritt des Wissens, der Naturbeherrschung nämlich - möglich ist. Identität in und durch rationalistische Naturbeherrschung, oder Selbst-sein in Selbstbescheidung? Oder vielleicht beides. Das Land, in dem Emersons Wort breite Zustimmung finden konnte, ist auch heute nicht um Antworten auf die Frage verlegen: Man weiß, wie Raketen zum Mars geschickt werden können und deshalb tut man es. Doch man geht des Sonntags auch in die Kirche und schwört auf den lieben Gott im Himmel. Man weiß um die Giftstoffe, die einem Menschen »auf humane Weise« ein Ende bereiten, und deshalb nutzt man die Gaskammer. Man weiß um die ökologischen Folgen der automobilen Gesellschaft, um die Folgen des Eintrags von Kohlenstoffen in die Erdatmosphäre. Doch man sorgt sich um die japanische Autokonkurrenz und ist stolz darauf, ganze Städte inklusive Motels und drive-in fast-food stations zu »no-smoking areas« deklariert zu haben. Nichtraucher ertragen den blauen Smogdunst über den Städten besser. Wissen und Wissenschaft lösen also allenfalls einzelne, rationalistisch isolierte Probleme. Es sind Problemchen angesichts der wissenschaftlich vorbereiteten technischen Reichweite menschlichen Handelns und der dadurch produzierten Gefährdungslagen der menschlichen Existenz; das Wissen darum bereitet Kopfweh. Nicht-Wissen kann entlastend sein.

  • Auf der Suche nach dem verlorenem Sozialismus
    Bd. 20 Nr. 78 (1990)

    Als dieses Schwerpunktheft der PROKLA im Frühjahr des Jahres 1989 vorbereitet wurde, hat niemand die rasante Destruktion des real existierenden Sozialismus voraussehen können. Die von Michail Gorbatschow und dem Reformflügel der KPdSU vorangetriebenen Glasnost und Perestroika haben heute längst in anderen RGW-Ländern Nachfolger gefunden. Die Umwälzungen fanden zunehmend nicht mehr in Form von »Umstrukturierungen von oben« statt, wie noch in der Sowjetunion, und entwikkelten sich vielfach hinsichtlich der Infragestellung von existierenden Strukturen und ideologischen Rastern wesentlich radikaler. Auch wer nicht der gerne verbreiteten Behauptung einer durch rigide staatliche Unterdrückung gewährleisteten Ultrastabilität dieser Gesellschaften nachhing, hatte mit Erstaunen festzustellen, wie porös und einsturzgefährdet diese Herrschaftssysteme waren. Dies galt sogar für die finsterste Ein-Mann-Diktatur des osteuropäischen Blocks, Ceaucescus Rumänien, wo ein mit dem Mut der Verzweiflung anrennendes Volk den Sturz des Regimes durchzusetzen vermochte. In der DDR wiederum mußte das Honecker-Regime infolge einer massenhaft wahrgenommenen Mischung aus exit- und voice-Strategien abdanken...

  • 1989

  • Arbeitslosigkeit
    Bd. 19 Nr. 77 (1989)

    Angetrieben von hohen Exportüberschüssen geht der ökonomische Aufschwung in der Bundesrepublik in sein achtes Jahr. Auch wenn sich die Zuwachsraten des Sozialproduktes im Zyklendurchschnitt auf einem historisch relativ niedrigen Niveau bewegen, handelt es sich doch um den zeitlich längsten Aufschwung der Nachkriegsgeschichte. Eine ideale Konstellation dafür, so sollte man meinen, daß sich der insbesondere von Konservativen beschworene Zusammenhang von Wachstum der Produktion und der Beschäftigung auch in einen Rückgang der Arbeitslosenzahlen übersetzt? Tatsächlich aber ist die Zahl der offiziell registrierten Arbeitslosen nur geringfügig zurückgegangen. Die allmonatlichen Fernsehauftritte des Präsidenten der Nürnberger Bundesanstalt, Franke, verheißen zwar periodisch Licht am Ende des Tunnels - allein es handelt sich dabei offensichtlich im Irrlichter, die als Hoffnungsschimmer zu erkennen es einer besonderen Begabung bedarf. Anders als noch zu Beginn der siebziger Jahre, als das Überschreiten der Millionen-Grenze Nahrung für vielfältige Spekulationen über die Grenzen politischer Legitimität und sozialer Stabilität der westdeutschen Gesellschaft bot, hat sich die Öffentlichkeit hierzulande offensichtlich mit der Existenz von Massenarbeitslosigkeit auf hohem Niveau arrangiert. Daran haben weder gewerkschaftliche Versuche, den Dauerskandal Massenarbeitslosigkeit zu thematisieren, noch die politischen Selbstorganisationsversuche von Arbeitslosen etwas ändern können.

  • Flexible Individuen
    Bd. 19 Nr. 76 (1989)

    Zwei in der aktuellen Diskussion prominente Schlagworte liefern den Anlaß zu unserem Schwerpunktthema: »Individualisierung« und »Flexibilisierung«. Mit der These von der »Individualisierung« wird zwar nicht behauptet, daß mit der wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung, der zunehmenden Verrechtlichung und einer allgemeinen Anhebung des Lebensstandards in der Bundesrepublik die Relationen zwischen verschiedenen Lagen sozialer Ungleichheit aufgehoben werden; wohl aber bezweifelt die heute bis weit in das gewerkschaftliche Lager hinein so beliebte Individualisierungsthese, daß diese Relationen im Gegensatz etwa zur Vorkriegszeit- heute noch zur Ausbildung stabiler sozialer Milieus oder - um es mit Weber zu formulieren - zur Konturierung »sozialer Klassen« führen. Mit der sukzessiven Auflösung ungleichheitsrelevanter lebensweltlicher Gemeinsamkeiten verbinden viele intellektuelle Zeitgenossen Prozesse »zivilisationsbedingter Verelendung«, andere sehen in dem epochalen Individualisierungsschub einen ebenso unwiderruflichen wie notwendigen Schritt zur Realisierung der Moderne: die Freisetzung der Individuen aus kollektiven Zwängen und traditionellen Gemeinschaftsbezügen

  • Euro-Fieber
    Bd. 19 Nr. 75 (1989)

    Nach dem Zweiten Weltkrieg ging ein Bild durch die Presse und später in die Lehrbücher der Sozialkunde ein: junge europäische Föderalisten beseitigen Schlagbäume an den Grenzen, natürlich nur symbolisch. Nach dem Zweiten Weltkrieg, der vor allem ein europäischer Krieg war, sollte damit zum Ausdruck gebracht werden, daß mit den Grenzen zwischen den europäischen Kleinstaaten auch die Konflikte zwischen ihnen abzuschaffen seien. Erst der Sieg über Hitler-Deutschland hatte den alten Gedanken an eine europäische Versöhnung zur neuen Wirklichkeit gedrängt. Die Grenzen blieben - bis heute, doch ihre Höhe wurde schrittweise verringert: und mit der Schaffung des gemeinsamen Marktes Ende 1992 sollen sie definitiv fallen. Der Traum der Coudenhove-Kalergi scheint sich noch in diesem Jahrhundert zu erfüllen. Die Europabegeisterung in den 40ern hat sich in den 80er Jahren zu einem ansteckenden Europa-Fieber gesteigert: Intellektuelle »träumen« Europa und meinen damit ein sozial, weltanschaulich, kulturell und sprachlich vielgestaltiges, grenzenloses und begeisterndes Gebilde...

  • Bye-Bye, USA
    Bd. 19 Nr. 74 (1989)

    Während die 6. Flotte im Mittelmeer auf gewohnte Weise für Ordnung sorgt, geht in Europa ein Gespenst um, das Gespenst des Antiamerikanismus. Inzwischen soll es sogar eine linke Variante des Gespenstes geben, obwohl Antiamerikanismus an sich schon etwas Kurioses ist. Im Gegensatz zu anderen Ismen und ihren Antipoden bezieht er sich vom Namen her auf einen scheinbar räumlich, aber ansonsten schlecht definierten Gegenstand. Das »Amerika« im Antiamerikanismus bezieht sich nicht auf das geographische Objekt, den Kontinent, sondern auf die USA. Antiamerikanismus richtet sich gegen deren Politik und den American way of life, an sich und als Exportartikel. Castro und Ortega sind in diesem Sinne Antiamerikaner, obwohlAmerigo Vespucci nicht am Plymouth Rock gelandet ist. Castro und Ortega haben das Pech, sich als Politiker mit Souveränitätsanspruch in Regionen zu betätigen, die die USA schlicht als ihren Besitz definiert haben: »our backyard«. So werden Lateinamerikaner zu Antiamerikanern. Was ja nur heißen kann, daß sie keine Amerikaner sind, selbst wenn sie Baseballmützen tragen und Basketball spielen. Offenbar geht es bei der Nicht-Anerkennung als Amerikaner nicht nur um das Wohngebiet oder Eigenheiten des Lebensstils, sondern um die Aberkennung der politischen Souveränität. Durch wen? Durch die Amerikaner natürlich.

  • 1988

  • BRD wird 40 - Prokla gratuliert
    Bd. 18 Nr. 73 (1988)

    40 Jahre BRD-ein Datum, das Bilanzierungen, kritische Rück- und Ausblicke geradezu herauszufordern scheint. Der Versuchung, einen quasi lexikalischen Überblick über die Akteure bundesdeutscher Politik, Klassen, Staat, Parteien, Gewerkschaften etc. zu geben, sind wir allerdings nicht erlegen. Nicht die allzu offensichtlichen und schon oft-gerade auch in der PROKLA- diskutierten Verschiebungen und Strukturbrüche, sondern die eher leisen, kaum wahrgenommenen aber nichtsdestoweniger tiefgreifenden Entwicklungen und Merkwürdigkeiten interessierten uns. Bereits das bundesrepublikanische Staatsgebilde ist ein Kuriosum: vor 40 Jahren als Provisorium gegründet, mit nur vorläufiger Verfassung und Hauptstadt, gehört es inzwischen zu den dauerhaftesten der neueren deutschen Geschichte. Daß diese BRD eigentlich nur ein halbes, vorläufiges Deutschland sein sollte, ist aus dem Bewußtsein ihrer Bürger längst verschwunden, und auch konservative Politiker sprechen fast nur noch bei Reden auf den Treffen der Vertriebenenverbände davon. Lange Zeit hatte diese BRD sogar vielen ihrer Nachbarländer einiges an ökonomischer Prosperität und politischer Stabilität voraus. Zwar machte die Krise auch nicht vor dem bundesdeutschen »Wirtschaftswunder« halt und beendete die Zeiten der Vollbeschäftigung. Doch gerade in der Krise zeigte sich die ökonomische Stärke der BRD in der Weltwirtschaft: die »harte« D-Mark hat die Rolle des Dollar als »Weltgeld« schon erheblich ausgehöhlt. Keine der üblichen Wirtschaftsgeschichten der Bundesrepublik, sondern eine kleine Geschichte der D-Mark präsentieren Elmar Altvater und Kurt Hübner in ihrem Beitrag.

  • Marxismus ohne Marx
    Bd. 18 Nr. 72 (1988)

    Brauchen wir eine Kritik der Politischen Ökonomie? Kein Zweifel, die Kritik der Politischen Ökonomie liefert keine einfachen Rezepte für die Lösung der brennenden Probleme der Zeit - Massenarbeitslosigkeit, Verschuldungskrise der Länder der Dritten Welt, hegemonialer Verfall der USA und damit Auseinanderbrechen der Weltwirtschaftsordnung, last not least ökologische Degradation; wie sollte sie auch, da sie die Ausbeutung des Menschen und der Natur als normales Funktionieren, Krise und Arbeitslosigkeit als notwendige Folgen des Kapitalismus analysiert. Wenn dem so ist, muß die Frage aufgeworfen werden: Bedarf eine Politik des Durchwurschtelns überhaupt einer ausgearbeiteten Kritik der Politischen Ökonomie? Wer bislang auf diese Frage keine Antwort wußte, wird sie nach der Diskussion um den LafontaineV orschlag zur Umverteilung von Arbeit und Lohneinkommen eindeutig mit »Nein« bescheiden müssen. Einsicht in die ökonomischen Mechanismen, die Arbeitslosigkeit hervorbringen, ist scheinbar überflüssig, es reichen die Grundrechenarten völlig aus: Man teile nur einen gegebenen »Arbeits- und Lohnfonds« durch einen kleineren Dividenden (Arbeitszeit und Lohn pro Mann/Frau) und erhält als Resultat mehr beschäftigte Menschen und damit zumindest eine Teillösung für das Problem der Arbeitslosigkeit.

  • Ein Markt und viele Welten
    Bd. 18 Nr. 71 (1988)

    Mit einige Stunden Unterschied krachten am 19. Oktober 1987 die Börsenkurse, zuerst in New York, dann in Tokio, in London, Frankfurt, Athen, Mailand ... Ex oriente lux. Mit der Rotation der Erde um die Sonne öffnen zeitverschoben die Börsen und Devisenmärkte und die Hausse und die Baisse der Kapitalmärkte des Orients setzen sich im Okzident fort und schwappen über den großen Teich wenig später in den fernen Westen. Und von dort über den Stillen Ozean erneut in den inzwischen aufgeregten fernen Osten und so weiter. Der Weltmarkt ist global umfassend und daher perfekt. Der globale Raum ist mit den modernen Kommunikationstechnologien auf Zimmergröße zusammengedrängt. Konferenzschaltungen zwischen den Bahamas, Luxemburg und Singapore sind genauso simpel, effizient und intim wie Treffen von Geldmanagern in einem Frankfurter Flughafen-Hotel. Wie der Raum, so wird auch die Zeit in den Bereichen des für das Kapital Irrelevanten als ein Störfaktor bei den globalen Geschäften abzudrängen versucht. Milliarden Dollar, Yen, DM werden in Sekundenbruchteilen von hier zu unseren Antipoden geblitzt. Die Schockwellen von Börsenkrächen breiten sich im Verlauf eines Tages auf dem Globus aus...

  • Wir Intellektuelle
    Bd. 18 Nr. 70 (1988)

    In der Einleitung zu einem PROKLA-Heft über die »Intellektuellen«, das zu Beginn des Jahres 1988 erscheint, ist die Erinnerung an historische Daten wie 1898, 1848, 1918 und 1968 keine bloß rechnerische Spielerei. »Jahrestage« sind Anlaß, um sich den notwendigen Luxus von Reflexionen zu leisten, mit denen »wir Intellektuelle« uns selbst auf die Schliche kommen können. Nicht irgendwelcher Jubiläen soll hier gedacht werden; es geht um historische Zäsuren, die eine besondere Bedeutung von individueller Intellektualität, sozialer Rationalität, kultureller Neuerung und ästhetischer Formveränderung für die gesellschaftliche Gestaltung blitzartig im Dämmerlicht historischer Abläufe aufscheinen lassen.

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