Trotz einer verzweigten Diskussion und einer nicht mehr zu überschauenden Literatur über die Arbeiten Michel Foucaults ebenso wie über die von Karl Marx wird das Verhältnis beider Autoren wenig thematisiert. Dabei gibt es zwischen Foucault und Marx eine große Schnittmenge an theoretischen Interessen, zahlreiche Übereinstimmungen in den analytischen Aussagen und Gemeinsamkeiten in den emanzipatorischen Zielen. Jedenfalls war dies eine Wahmehmung, wie sie in den 1970er Jahren verbreitet vorhanden war. Es sei nur darauf hingewiesen, daß in Deutschland einige der kleineren Schriften Foucaults in der Reihe "Intemationale Marxistische Diskussion" des Merve Verlags erschienen. Vieles an Zusammenhang wurde einfach unterstellt. Dies war keineswegs willktirlich, denn die expliziten, vor allem die impliziten Verweise Foucaults auf Marx waren offensichtlich, der Kontext, in dem er seine Überlegungen entfaltete, verwies in wichtigen Hinsichten auf die zeitgenössische marxistische Diskussion, auf den Freudo-Marxismus, auf Althusser. Doch mittlerweile ist auch klar, daß die Selbstverständlichkeit, mit der beide Autoren als Teil eines radikalen linken, emanzipatorischen Projekts verstanden wurden, selbst Ergebnis einer bestimmten Diskurskonstellation und besonderen Praxis der Linken der 1970er Jahre war. Die Art und Weise, wie Marx und Foucault zueinander ins Verhältnis gesetzt wurden, hat sich seitdem selbst mehrfach verändert. In den frühen 1970er Jahren wurden vor allem Foucaults epistemologische Schriften rezipiert. In dieser Phase waren die Beriihrungspunkte zwischen der marxistischen Diskussion und Foucault noch relativ groß. Auf der Suche nach kritischen Ansätzen, die sich dem Einfluss der positivistischen Wissenschaftsphilosophie Karl Poppers entgegenzustellen vermochten, boten Foucaults Studien zum Wahnsinn, zur Klinik, zur historischen Entwicklung der Humanwissenschaften, seine methodologischen Überlegungen zu Archäologie und Diskurs wichtige Überlegungen und Begriffe.

Veröffentlicht: 2008-06-01