Deutschland hat die Demographie entdeckt. Seit einiger Zeit ist es hierzulande wieder in Mode gekommen, ja geradezu schick geworden, sich der Bevölkerungsfrage zu widmen. Jahrzehntelang das eher im Verborgenen gepflegte Orchideenbeet der akademischen Bevölkerungswissenschaft, sind Fragen des Bevölkerungsaufbaus, von Geburts- und Sterberaten, Schrumpfung und Alterung der Gesellschaft zum fiebrig dramatisierten Lieblingsthema der politischen und medialen Öffentlichkeit geworden. Anders allerdings als bei dem im Lichthof des Berliner Reichstagsgebäudes installierten Kunstwerk, das in spielerisch-polemischer Absicht „Der Bevölkerung“ statt (wie das Bauwerk selbst) „Dem deutschen Volke“ Reverenz erweist, ist der neue deutsche Bevölkerungsdiskurs vornehmlich einer aufkeimenden Sorge um die Zukunft „der Deutschen“ geschuldet. Die optimistisch- selbstbewussten Schlachtrufe der ost-west-deutschen Vereinigungszeit sind länger schon verhallt, nun klingen die vielstimmigen, in düsteren Moll-Tönen gehaltenen demographischen Warnrufe durch den öffentlichen Raum: „wir sind ein Volk“ – von Gebärunwilligen, Generationsgeschädigten und Greisen. Kein Tag vergeht in deutschen Feuilletons, Expertengremien und Bundespressekonferenzen ohne allfällige bevölkerungspolitische Kassandrarufe. Vom politisch- medialen System spät, aber dafür umso heftiger entdeckt, wird der bevorstehende demographische Wandel konsequent als Katastrophenszenario gezeichnet. Im Rennen um die verheerendste Zukunftsprognose hat sich in den meinungsbildenden Leitmedien ein skurriler Überbietungswettbewerb entfacht – unter tätiger Mithilfe von Teilen der akademischen Zunft.

Veröffentlicht: 2007-03-01