Aktueller Call

Call for Papers für PROKLA 225 (Heft 4, Dezemeber 2026)

Materialistisch forschen in Zeiten globaler Umbrüche

Frist für Exposés: 4. Mai 2026.

Schwerpunktredaktion: Ulrich Brand, Anne Engelhardt, John Kannankulam, Philipp Köncke, Neva Löw, Alexander Maschke, Armin Puller, Jens Wissel.

Inmitten geopolitischer Spannungen, sozioökonomischer und ökologischer Krisendynamiken und autoritärer Tendenzen sehen wir uns im Feld der materialistischen Gesellschaftsforschung mit einer doppelten Herausforderung konfrontiert: Einerseits müssen wir uns den sich wandelnden gesellschaftlichen Bedingungen analytisch stellen; andererseits gilt es, die eigenen Voraussetzungen, Arbeitsbedingungen und immer enger werdenden Möglichkeitsräume für materialistische Forschung kritisch zu hinterfragen. Dabei haben sich die Konflikte im Vergleich zur PROKLA 167 (2012) zugespitzt: Die »Perspektiven der Gesellschaftskritik heute« gilt es zu aktualisieren, um sowohl die politischen Bedrohungslagen für kritische Wissenschaften zu reflektieren als auch den eigenen Begriff materialistischer Forschung zu präzisieren.

Es gibt bereits hilfreiche methodische Vorschläge in bestehenden Strängen wie der historisch-materialistischen Politik- und Policyanalyse (HMPA), der kritischen Internationalen Politischen Ökonomie, der marxistischen Staatstheorie oder der marxistischen Subjektwissenschaft sowie intersektionale, feministische, postkoloniale oder antirassistische Methoden. An diese gilt es anzuknüpfen (siehe dazu etwa die PROKLA 158 »Postkoloniale Studien als kritische Sozialwissenschaft«) und ihre Bedeutung für die aktuelle Forschungspraxis zu ermitteln, weshalb die PROKLA dazu einlädt, diese Diskussion wieder aufzunehmen. Neben Beiträgen zu den genannten Themen sind auch Überblicksbeiträge willkommen, die verschiedene materialistische Forschungsrichtungen einordnen, ihre theoretischen Schnittstellen aufzeigen und Perspektiven für ein erneuertes Forschungsprogramm in Zeiten globaler Krisen und Umbrüche eröffnen.

Wir fragen zudem, wie sich unter prekären akademischen Bedingungen wie Befristung, Leistungsdruck sowie durch Fördermittel- und Publikationslogiken bedingte methodische und theoretische Engführungen überhaupt kontinuierlich materialistisch forschen lässt. Wie kann Forschung politisch relevant bleiben, wenn institutionelle Kontexte, wie zuletzt in den USA und schon länger in Ländern wie der Türkei, Ungarn und China, kritische Wissenschaft systematisch erschweren? Dabei geht es nicht nur um unsere eigene Forschungs- und Arbeitswelt, sondern beispielsweise auch um die Frage nach der Kontinuität kritischen Denkens und widerständiger Praktiken, die wir in der Lehre und durch angeleitete Forschung an Studierende weitergeben, um sie zur kommenden Generation materialistischer Forscher*innen und Aktivist*innen auszubilden, die für das Recht auf kritisches Denken streiten.

Ziel des Hefts ist es, den Stand, die Herausforderungen und Perspektiven materialistischen Forschens in Zeiten gegenwärtiger sozialer Umbrüche abzubilden. Wir freuen uns daher über Einreichungen für theoretische, empirische und reflexive Beiträge zu folgenden Themen, aber auch gerne darüber hinaus:

  • Materialistisch Forschen und Lehren: Was können wir von unterschiedlichen Ansätzen lernen und wie können wir unseren »materialistischen Methodenkoffer« weiterentwickeln? Wie können materialistische Theorie und Methodologie gelehrt werden?
  • Forschung und Subjektivität: Wie lässt sich das forschende Subjekt im materialistischen Erkenntnisprozess analysieren? Wie gestaltet sich die Spannung zwischen wissenschaftlichem Anspruch und politischer Praxis produktiv?
  • Geografie der Forschung: Wie verändern geopolitische Konflikte, ökonomische Machtverschiebungen und autoritäre Dynamiken die Forschungsfelder und Erkenntnisinteressen materialistischer Forschung? Inwiefern brechen Forschungslinien ab oder verschieben sich auf andere Bereiche? Und wie lässt sich in den zunehmend heiklen Kontexten forschen?
  • Herrschaft und Forschung: Inwiefern lösen sich tradierte globale und hierarchische Forschungsstrukturen auf, etwa in Bezug auf die Folgen internationaler Konferenzbetriebe, Nutzung kolonialer Sprachen und epistemischer (gewaltvoller) Konzepte?
  • Autoritäre und prekarisierte Forschungskontexte: Welche systematischen Analysen über Forschungszusammenhänge gibt es bereits, in denen kritische Wissenschaft unter Druck steht, beispielsweise aus der Türkei, den USA, Ungarn oder anderen Regionen?
  • Bedingungen materialistischer Forschung: Welche institutionellen, politischen und epistemischen Voraussetzungen ermöglichen oder behindern kritisches Forschen heute – in Deutschland und international? Welche aktuellen Bewegungen und Netzwerke bestehen oder entstehen in der Wissenschaft, die darum streiten, Orte des kritischen Denkens aufrechtzuerhalten und auszuweiten?
  • Emanzipatorisches Forschungsprogramm: Wie können wir – im Sinne von Marx’ Thesen über Feuerbach – Forschungen entwickeln, die nicht nur die Welt interpretieren, sondern zu ihrer Veränderung beitragen? Damit geht die Frage nach der Möglichkeit einher, eine solche Veränderung nicht als etwas dem Subjekten Äußeres zu verstehen, sondern den Prozess von Veränderung und Selbstveränderung als dialektischen zu begreifen.

Hinweise zur Einreichung

Aussagekräftige Exposés von ca. 2 Seiten mit einem klaren thematischen Fokus (These und geplante Gliederung des Artikels, evtl. Darlegung der Empirie und Literaturauswahl) senden Sie bitte bis zum 4.5.2026 an redaktion[at]prokla.de. Bei Fragen kontaktieren Sie gern die Redaktion der PROKLA.

Vollständige Beiträge werden bis zum 31.7.2026 erbeten und sollen einen Umfang von 45.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen, Fußnoten und Literaturverzeichnis) nicht überschreiten; politisch pointierte Einsprüche haben 15.000 bis 25.000 Zeichen. Siehe auch die Hinweise für PROKLA-Autor*innen.