Bd. 28 Nr. 111 (1998): Globalisierung und Gender

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Über Globalisierung wird intensiv und viel diskutiert. Über »Globalisierung und Gender« wird weit weniger debattiert. Dieses Thema ist noch immer das Stiefkind der Wissenschaft und der Medien. Wenn Geschlecht in dieser meist männlichen Literatur überhaupt erwähnt wird, dann nur im Hinblick auf Frauen. »Geschlecht « – als soziale Organisation der Geschlechterverhältnisse – wird reduziert auf die Rolle der Frau. Die wird wiederum nur als eine »Verlängerung« des in der Öffentlichkeit agierenden Mannes und gleichzeitig als das ewige Opfer des handelnden Mannes konstruiert. Dieser vereinfachte, aber erkenntnisleitende Dualismus zwischen Frau und Mann hat seine Geburtsstunde in dem männlichen Gesellschaftsvertrag, der Frauen aus der öffentlichen Sphäre ausschließt und sie gleichzeitig »nur« in ihrer Funktion des Gebärens und Erziehens loyaler Staatsbürger einschließt. Durch die Trennung der bürgerlichen Gesellschaft in private und öffentliche Sphären wurde Frau auf ihr »natürliches« Wesen der Reproduktion reduziert (vgl. Carol Pateman, The Sexual Contract, Cambridge 1988). Die * Anm. der Redaktion: Der Schwerpunkt dieses Heftes wurde maßgeblich von Brigitte Young als Gastredakteurin konzipiert, der wir für ihre Arbeit und ihr Engagement ganz herzlich danken. Konzeption von Frau als der mit der Natur verbundene Teil eines patriarchalen Systems und der ewig Leidenden paßt auch zu dem gesellschaftlich konstruierten Bild vom Mann als agierendem Subjekt und der Frau als »seinem« Familienzubehör. Ob es sich um die Transformation vom Feudalismus zum Kapitalismus, vom Agrar- zum Industriekapitalismus oder um die »dritte Welle der Demokratisierung« (Huntington) handelt, Frauen erscheinen in ihrer Gesamtheit als die »Betroffenen«, als passive Opfer. Diese Interpretation hat auch etwas Beruhigendes: trotz gravierender gesellschaftlicher und ökonomischer Veränderungen durch die Millennien findet man Frauen immer wieder dort wo Mann sie gerade zurückgelassen hat: auf der unteren Stufe der Geschichte.

Veröffentlicht: 1998-06-01